Hamm

Drei Minuten dauert die Fahrt hinab in tausend Meter Tiefe. Eng und dunkel ist der Verhau aus schwerem Metall, die Seiten stehen offen. An den Wänden glänzen Stalaktiten aus Salpeter im Licht der vorbeihuschenden Grubenlampen. Ab und an öffnet sich der Berg und gibt den Blick frei auf hell erleuchtete Eingänge stillgelegter Stollen.

Glück auf! Unten angekommen, grüßt der Pförtner. Frisch weht der Wind, der von oben heruntergepumpt wird, auf den ersten Metern. Dann wird es heiß und laut. Wackelige Holzplanken sollen Trittsicherheit geben, die Stiefel versinken immer wieder in knöcheltiefem Schlamm. Hinter den Wettertüren schwitzen die Hauer. Der Steiger wartet auf ein Funksignal von oben. Als es ertönt, spritzt Wasser aus der Decke. Ein gewaltiger Hobel saust, wie von Geisterhand gezogen, auf einer Schiene vorbei und bricht Kohle aus der Wand. » Das ist der Stoff, auf den unsere Männer scharf sind«, brüllt Volker Blaszyk gegen den Lärm an. 19 Jahre lang hat er selbst als Elektrosteiger gearbeitet.

Seit 1901 wird auf der Zeche Heinrich Robert in Hamm Steinkohle gefördert. Heute heißt sie Bergwerk Ost, ein Verbund von mehreren, teilweise stillgelegten Gruben. Eine gewaltige Kathedrale haben die Menschen hier unter Tage errichtet, Über eine Länge von 100 Kilometern dehnt sich das Netz von Strecken und Streben aus. Immer tiefer haben sich die Bergleute im Laufe der Jahrzehnte in die Erde hineingegraben, immer weiter haben sie sich dabei vom Weltmarktpreis entfernt. Die Kohlen, die in Hamm gehoben werden, sind besonders gut. Und sie sind besonders teuer.

Die deutsche Steinkohle hat ihre Zukunft schon lange hinter sich. Mehr als 600000 Beschäftigte zählte der Bergbau Mitte der fünfziger Jahre, heute sind es noch 35000. Von rund 50Zechen sind ganze acht übrig geblieben. Längst sind sie nicht mehr konkurrenzfähig. Die Wettbewerber aus Australien, Südafrika oder den USA sind zwar nicht besser, haben aber dank der Geologie den Vorteil, dass sie größere Kohlefelder viel einfacher erschließen können. Spätestens seit den achtziger Jahren, als die Subventionen explodierten, steuert die Entwicklung in Deutschland daher auf den Punkt zu, der nun 2018 erreicht werden soll: das Ende des Steinkohlenbergbaus.

Aber so folgerichtig die Entscheidung sein mag, die die Verhandler in der vergangenen Woche in Berlin getroffen haben, so zynisch klingt ihre Begleitmusik. Höhnisch wird den Bergleuten noch einmal vorgerechnet, wie viel ihre Arbeitsplätze kosten als würden die Beschäftigten selbst das Geld kassieren. In vorwurfsvollem Ton wird auf die Umweltschäden und sogenannten Ewigkeitskosten verwiesen, die der Bergbau an Ruhr und Saar hinterlässt als hätten die Bergmänner aus Vergnügen unter Tage ihre Gesundheit ruiniert. Stolz streiten CDU und FDP darum, wer von den beiden der Kohle den entscheidenden Stoß versetzt hat, und die Grünen klatschen Beifall als gäbe es etwas zu feiern, wenn 35000 Arbeitsplätze abgebaut werden.

Vergessen sind das Wirtschaftswunder und die Anfänge der EU als Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die unvorstellbar gewesen wären ohne den kostbaren Rohstoff. Versunken ist die Welt der Taubenzüchter und Bergmannschöre, hastig gestrichen sind die Erinnerungen aus dem kollektiven Gedächtnis. 200Jahre Industriegeschichte und das Leben von Millionen Menschen werden reduziert auf eine knappe Formel: zu teuer.