Bevor sie Loeb House erreicht, einen der Rotklinkerpaläste auf dem Harvard Campus, hält Drew Faust einen Moment lang inne und fragt sich gut hörbar: »Sollte ich jetzt wohl meinen Mann küssen?« Die Transformation einer einfachen Professorin zur Ikone der Bildungswelt umfasst kurze Momente der Selbstvergewisserung. Jeder ihrer Auftritte wird künftig von Reportern verfolgt, jede ihrer Gesten als Symbol verstanden werden. Der eheliche Kuss, denkt sich Drew Faust offenbar, ist auch in der neuen Rolle okay. » Gibs ihnen«, sagt der Gatte und schaut zu, wie seine Frau das Gebäude betritt. Es ist Sonntagmittag, der größte Moment im Leben der Drew Gilpin Faust naht.

Drinnen tritt sie ans Rednerpult, eine zarte, zerbrechlich erscheinende Frau von 59 Jahren. Nichts an ihr wirkt prätentiös, nichts pompös. Sie trägt eine schlichte schwarze Jacke, als Schmuck nur eine Perlenkette, ihre dünnrandige Intellektuellenbrille wird von einem pflegeleichten Pagenschnitt umrahmt. Es sei leicht, sagen ihre Kollegen, Drew Faust zu unterschätzen solange sie nicht redet. Nun aber hebt sie an. Ihre Zuhörer sind ein paar Dutzend ältere Damen und Herren, die Weisen von Harvard. Es ist ein heikler Vortrag, den Faust zu halten hat, halb Bewerbung, halb Antrittsrede. Sie entscheidet sich, über Wesen und Idee der modernen Universität zu sprechen, über Lehren, Lernen und Forschen - sie redet über das Vertrauen in die Kraft des Geistes, lässt aber auch Zweifel und Selbstzweifel zu. Und sie endet mit einer Liebeserklärung: »Ich liebe Universitäten, und diese ganz besonders.«

Danach tritt das Aufsichtsgremium der Universität (ohne Drew Faust) zusammen und trifft nach einer Geschäftsordnung aus dem Jahre 1650 seine Entscheidung. Als Faust wieder in den Saal darf, wird Champagner ausgeschenkt. Um kurz vor vier tritt sie als frisch gebackene Harvard-Präsidentin vor das Gebäude, im Arm den Chef des Auswahlkomitees, der sie als »fantastische Hochschullehrerin«, als »exzellente Forscherin« und »inspirierende Chefin« preist.

Nach dem Augenzeugenbericht der Studentenzeitung Harvard Crimson sind die engen Straßen rund um den Harvard Square inzwischen schwarz von Menschen. Die Kirchenglocken läuten. Eine Stimmung wie nach einer Papstwahl breitet sich aus. Nach den Jahren der Präsidentenkrise, nach dem Rücktritt des umstrittenen Larry Summers (ZEIT Nr. 10/06), nach den Monaten der Suche hat Harvard endlich wieder eine Führung.

Es dauert nur ein paar Minuten, bis die neue Präsidentin den ersten Kampf aufnimmt, den sie nicht gewinnen kann. Auf der Pressekonferenz sagt sie: »Ich bin nicht die Frau an der Spitze Harvards, ich bin die Präsidentin von Harvard.« Natürlich wird ihr niemand abnehmen, dass ihr Geschlecht irrelevant sei. Immerhin hat es 371 Jahre gedauert, bis nach einer Abfolge von 27 weißen Männern nun erstmals eine Frau an der Spitze steht. Damit werden nun vier von acht Elitehochschulen der Ivy League von Frauen geführt. Dass Harvard, der Bildungstempel der Welt, sich in diese Gruppe einfügt, ist von symbolischer Bedeutung. » Es ist, als ob eine Frau zur Präsidentin der Vereinigten Staaten gewählt worden wäre«, sagt Carol Christ, die selbst eine Hochschule führt, das Smith College im Westen von Massachusetts. » Die Berufung zeigt, wie weit Frauen es gebracht haben.« Es könnte sogar ein Meilenstein auf dem längst erkennbaren Weg der Frauen zur Dominanz in der Bildung sein.

Auf dem Campus in Cambridge wird die Ernennung freundlich, von Frauen mit Euphorie aufgenommen. » Harvard hat auf diesen Moment lange gewartet, seit 1636«, sagt Patricia Albjerg Graham, eine emeritierte Erziehungswissenschaftlerin, die sich noch daran erinnern kann, wie ihr 1972 der Zutritt zum Dozentenclub verwehrt wurde. Heute deuten in dieser edlen Speisestätte für Nobelpreisträger und andere Hochtalentierte nur noch getrennte Garderoben die einstige Sonderbehandlung von Frauen an.

Erst 1975 wurde die universitäre Zulassungsbegrenzung für Frauen aufgehoben. Es sei auf dem Harvard-Campus lange »einsam gewesen für Frauen«, meint die Soziologin Mary Waters. Seither holt die Hochschule auf. Die Hälfte aller Doktorhüte erhalten heute Frauen. Knapp ein Viertel aller Professoren mit Lebenszeitberufungen sind weiblich Zahlen, die deutsche Hochschulen nicht erreichen (siehe nebenstehenden Text).

Kritiker behaupten, sie stehe für Linksfeminismus ohne Gegenstimme

Zu den Ironien der Führungskrise von Harvard zählt, dass Präsident Larry Summers nach diversen Fehltritten scheiterte, als er sich auch noch mit den Frauen anlegte und sich hilfesuchend an Drew Faust wandte. Summers hatte bei einer Tagung die Frage gestellt, ob es wirklich allein Männer seien, die Frauen in den »harten Wissenschaften« den Durchbruch verwehrten. Er wollte unter anderem untersuchen lassen, ob vielleicht »angeborene Unterschiede zwischen den Geschlechtern« verantwortlich seien.

Summers, der ewige Provokateur, stand schnell als Chauvinist da. Erst erklärte, dann entschuldigte er sich, und schließlich wandte er sich in der Not an die ranghöchste Frau in Harvard, Drew Faust, Dekanin des Radcliffe Institute. Sie leitete zwei Dozentengruppen, die für Summers einen Bericht über die Lage der Frauen und Verbesserungsvorschläge für die Naturwissenschaften erarbeiten sollten. Kaum ein Jahr zuvor hatte Faust eine Rede über »die Lage von Männern und Frauen in Harvard« gehalten und dabei den Harvard-Präsidenten Charles Eliot zitiert, der 1869 Zweifel an den intellektuellen Fähigkeiten von Frauen gesät hatte. Obwohl es Faust erschienen sein mag, als bliebe seit knapp 140 Jahren die Zeit stehen, half sie Summers. Nicht, um seine Präsidentschaft zu retten, sondern um die Krise für Harvards Frauen zu nutzen.

Drew Faust ist eigentlich Historikerin. Ein Vierteljahrhundert lang lehrte sie die Geschichte der Südstaaten an der University of Pennsylvania und leitete zeitweise auch das Programm für Frauen- und Geschlechterstudien. Nach Harvard kam sie 2001, um eine knifflige Aufgabe zu übernehmen. Als Dekanin sollte sie das ehemalige Frauencollege, das durch Koedukation längst obsolet geworden war, in ein Wissenschaftszentrum verwandeln. In dieser Rolle stellte sie jene Führungsqualitäten unter Beweis, die ihr nun zur Präsidentschaft verhalfen.

Sie ließ »einen schwierigen Job ganz leicht erscheinen«, meint Peter Hall, Professor am Center for European Studies. Es galt, die verschiedenen Interessen zu moderieren. Besonders schwierig war es, 30000 ehemalige Studentinnen (und heutige Spenderinnen) für das neue Konzept zu gewinnen. Sie sollten nicht glauben, es handle sich um den Ausverkauf eines kleinen Frauencollege an eine riesige Hochschule. Wie ein Bonbon präsentierte Faust den Ehemaligen den Beschluss, ein Forschungsschwerpunkt im Radcliffe-Wissenschaftszentrum werde die Geschlechterforschung sein. Auch musste Faust die Geisteswissenschaftlerinnen von ihrer Idee eines »Dialogs der Disziplinen« überzeugen. Seither gibt es in Radcliffe auch Sozial- und Naturwissenschaften. Faust habe dabei, meint Peter Hall, »wie ein Akrobat balanciert«.

Auch wenn ihr Radcliffe Institute kaum ein Prozent des Harvard-Etats von drei Milliarden Dollar umfasste und Faust nun 24000 statt 80 Mitarbeiter unter sich hat, zweifeln nur wenige an ihren Managementqualitäten. Das »Geheimnis ihres Führungsstils« sei es, meint Peter Hall, »andere zu motivieren statt anzuweisen«. Faust habe »ein Talent, sich mit exzellenten Leuten zu umgeben«. Sie wirkt wie ein Gegenpol zu Summers, der, selbst intellektuell brillant, Harvard zentralisieren und von oben führen wollte. Darum erscheint Fausts Ernennung wie ein Friedensangebot an die Professorenschaft.

Eine Minderheit spürt freilich die Faust im Gesicht. Die Auswahl bedeutet für den Politologen Harvey Mansfield »Regimewechsel, Teil zwei«. Erst habe man Summers zum Rücktritt gezwungen, um dann die Wende durch Fausts Ernennung zu komplettieren. Nun werde klar, dass Summers nicht wegen seines erratischen Führungsstils scheiterte, sondern wegen seiner Ansichten. Für Mansfield, der jüngst durch ein Buch über die »Männlichkeit« hervortrat, war Summers der Retter Harvards vor der Herrschaft der linksliberalen Orthodoxie. Deren Selbstgenügsamkeit habe Summers ständig herausgefordert, sich gegen Noteninflation und Werterelativismus zu wenden. Ihm sei »Leistung« vor »Diversität« und »Quote« gegangen.

Jetzt aber, glaubt Mansfield, marschiert die Gegenrevolution in Gestalt von Drew Faust: »Sie hat Radcliffe zu einer Bastion des Linksfeminismus ohne jede abweichende Stimme gemacht.« Völlig allein steht Mansfield nicht da. Im örtlichen City Journal lässt sich nachlesen, das Radcliffe Institute sei eine »ewige Quelle des feministischen Beschwerdewesens«. Frauen seien ständig Opfer mal von »Diskriminierung«, mal von »sexistischer Ideologie«.

Anhänger sehen in ihr »das liberale Amerika in seiner besten Version«

Jene Drew Faust, die er selbst kennen und schätzen gelernt hat, kann der deutsche Harvard-Professor Werner Sollors in solchen Beschreibungen nicht entdecken. » Offenheit«, »Unvoreingenommenheit« und »beinahe preußische Nüchternheit« schätzt Sollors, aus der Abteilung für afroamerikanische Studien kommend, an Faust. Kurz: »das liberale Amerika in seiner besten Version«. Bald werde die gesamte Hochschule die Weisheit der Entscheidung erkennen, eine Brückenbauerin zur Präsidentin zu küren.

Vermutlich wird dabei noch manchen überraschen, dass eine der Brücken zurück zu Larry Summers trägt. Denn Summers große Projekte die Reform der studentischen Ausbildung, der gewaltige Ausbau des Campus, die Hinwendung zu den Biowissenschaften dürften von Faust nicht infrage gestellt werden. Dabei hilft Faust die Ehe mit einem Medizinhistoriker. Über die Bedeutung der Naturwissenschaften für das 21. Jahrhundert wird Faust deshalb niemand Vorträge halten müssen.

Eher wird man mehr dazu von Drew Faust hören. Am Ende ihrer ersten Pressekonferenz sagt sie sich selbst jedenfalls eine »lange und erfolgreiche Amtszeit« voraus. Im Durchschnitt der vergangenen 371 Jahre waren es 13 Jahre pro Präsident.