Kritiker behaupten, sie stehe für Linksfeminismus ohne Gegenstimme

Zu den Ironien der Führungskrise von Harvard zählt, dass Präsident Larry Summers nach diversen Fehltritten scheiterte, als er sich auch noch mit den Frauen anlegte und sich hilfesuchend an Drew Faust wandte. Summers hatte bei einer Tagung die Frage gestellt, ob es wirklich allein Männer seien, die Frauen in den »harten Wissenschaften« den Durchbruch verwehrten. Er wollte unter anderem untersuchen lassen, ob vielleicht »angeborene Unterschiede zwischen den Geschlechtern« verantwortlich seien.

Summers, der ewige Provokateur, stand schnell als Chauvinist da. Erst erklärte, dann entschuldigte er sich, und schließlich wandte er sich in der Not an die ranghöchste Frau in Harvard, Drew Faust, Dekanin des Radcliffe Institute. Sie leitete zwei Dozentengruppen, die für Summers einen Bericht über die Lage der Frauen und Verbesserungsvorschläge für die Naturwissenschaften erarbeiten sollten. Kaum ein Jahr zuvor hatte Faust eine Rede über »die Lage von Männern und Frauen in Harvard« gehalten und dabei den Harvard-Präsidenten Charles Eliot zitiert, der 1869 Zweifel an den intellektuellen Fähigkeiten von Frauen gesät hatte. Obwohl es Faust erschienen sein mag, als bliebe seit knapp 140 Jahren die Zeit stehen, half sie Summers. Nicht, um seine Präsidentschaft zu retten, sondern um die Krise für Harvards Frauen zu nutzen.

Drew Faust ist eigentlich Historikerin. Ein Vierteljahrhundert lang lehrte sie die Geschichte der Südstaaten an der University of Pennsylvania und leitete zeitweise auch das Programm für Frauen- und Geschlechterstudien. Nach Harvard kam sie 2001, um eine knifflige Aufgabe zu übernehmen. Als Dekanin sollte sie das ehemalige Frauencollege, das durch Koedukation längst obsolet geworden war, in ein Wissenschaftszentrum verwandeln. In dieser Rolle stellte sie jene Führungsqualitäten unter Beweis, die ihr nun zur Präsidentschaft verhalfen.

Sie ließ »einen schwierigen Job ganz leicht erscheinen«, meint Peter Hall, Professor am Center for European Studies. Es galt, die verschiedenen Interessen zu moderieren. Besonders schwierig war es, 30000 ehemalige Studentinnen (und heutige Spenderinnen) für das neue Konzept zu gewinnen. Sie sollten nicht glauben, es handle sich um den Ausverkauf eines kleinen Frauencollege an eine riesige Hochschule. Wie ein Bonbon präsentierte Faust den Ehemaligen den Beschluss, ein Forschungsschwerpunkt im Radcliffe-Wissenschaftszentrum werde die Geschlechterforschung sein. Auch musste Faust die Geisteswissenschaftlerinnen von ihrer Idee eines »Dialogs der Disziplinen« überzeugen. Seither gibt es in Radcliffe auch Sozial- und Naturwissenschaften. Faust habe dabei, meint Peter Hall, »wie ein Akrobat balanciert«.

Auch wenn ihr Radcliffe Institute kaum ein Prozent des Harvard-Etats von drei Milliarden Dollar umfasste und Faust nun 24000 statt 80 Mitarbeiter unter sich hat, zweifeln nur wenige an ihren Managementqualitäten. Das »Geheimnis ihres Führungsstils« sei es, meint Peter Hall, »andere zu motivieren statt anzuweisen«. Faust habe »ein Talent, sich mit exzellenten Leuten zu umgeben«. Sie wirkt wie ein Gegenpol zu Summers, der, selbst intellektuell brillant, Harvard zentralisieren und von oben führen wollte. Darum erscheint Fausts Ernennung wie ein Friedensangebot an die Professorenschaft.

Eine Minderheit spürt freilich die Faust im Gesicht. Die Auswahl bedeutet für den Politologen Harvey Mansfield »Regimewechsel, Teil zwei«. Erst habe man Summers zum Rücktritt gezwungen, um dann die Wende durch Fausts Ernennung zu komplettieren. Nun werde klar, dass Summers nicht wegen seines erratischen Führungsstils scheiterte, sondern wegen seiner Ansichten. Für Mansfield, der jüngst durch ein Buch über die »Männlichkeit« hervortrat, war Summers der Retter Harvards vor der Herrschaft der linksliberalen Orthodoxie. Deren Selbstgenügsamkeit habe Summers ständig herausgefordert, sich gegen Noteninflation und Werterelativismus zu wenden. Ihm sei »Leistung« vor »Diversität« und »Quote« gegangen.