Akustik Bei Verstimmung Nadelstiche

Ralf Schumanns Patienten sind aus Holz. Der Geigenbaumeister hat herausgefunden, wie Akupunktur den Klang von Streichinstrumenten verbessern kann.

Die Branche war zuerst ein wenig verstimmt. »Geldmacherei«, schimpften die Kollegen. »Spinnerei«, lachten die Kunden. Nur ein chinesischer Student war Ralf Schumanns ungewöhnlichem Vorschlag gegenüber von Anfang an aufgeschlossen. Nadeln? Akupunktur? Klar, warum nicht, das kenne er aus seiner Heimat. Also nahm Schumann die Geige des jungen Mannes, griff sich einen spitzen Zahnarztbohrer – und stach zu. Volltreffer. 

Heute kommen sie alle zu ihm, in seine Werkstatt im badischen Münstertal: Erste Geiger und Solisten, Orchesterfiedler und Stradivari-Besitzer, Musikstudenten und Stars. Geigenbaumeister Ralf Schumann ist bundesweit als Akupunkteur für Streichinstrumente bekannt. Mit gezielten Nadelstichen verhilft er Geigen, Bratschen und Celli zu einem besseren Klang. Aber auch Klarinetten, Harfen und Klaviere hat er auf diese Weise schon von Dissonanzen befreit.

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Die Idee mit dem Pieks sagt Schumann, habe er aus einem alten Buch. Auf Fotos von italienischen Guadagnini-Geigen aus dem 18. Jahrhundert entdeckte er an manchen Instrumenten oben in der Schnecke einige kleine Löcher. »Man könnte sich das mit der Arbeitstechnik erklären«, sagt Schumann. »Etwa, dass dort mit einem Zirkel hineingestochen wurde.« Markierungen also, die Geigenbauer nach dem Schnitzen normalerweise wieder wegpolieren. Doch konnte es sich ein Meister wie Giovanni Battista Guadagnini erlauben, so schlampig mit der Optik zu sein? Oder hatte er die Löcher gar absichtlich in die Geigen gestochen? Vielleicht haben sie ja einen Einfluss auf den Klang, überlegte Schumann und fing an zu experimentieren. Er piekste in Schülergeigen, horchte, spielte – und war verblüfft: Tatsächlich, es klang anders, viel besser sogar.

So entwickelte Schumann seine ganz eigene Methode der Akupunktur. Dabei setzt der Geigenbaumeister aus dem Schwarzwald im Gegensatz zu medizinischen Akupunkteuren die Nadeln nicht für eine längere Zeit an viele verschiedene Punkte, sondern er sticht sie nur ganz kurz an einer bestimmten Stelle ein.

Um den richtigen Ort dafür auszuloten, klopft er die Geigen langsam mit einem schmalen Holzstock ab, Millimeter für Millimeter. Auf der Bass-Seite der Violinen klingen dann die tiefen Töne, auf der Diskantseite die hohen. Wo die Töne vertauscht sind, also ein hoher Ton statt eines tiefen erschallt, setzt er einen spitzen Zahnarztbohrer an, die Löcher werden nur ein bis zwei Zehntel Millimeter groß. Danach ist das Verhältnis der Klopftöne wieder ausgewogen, sie sitzen alle am richtigen Ort, die Geigen klingen ausgeglichener und voller. »Nicht nur der Korpus eines Instruments ist für den Klang wichtig«, sagt Schumann. »Auch die anderen Bauteile beeinflussen ihn.« Er sticht deshalb an den externen und weniger wertvollen Teilen zu, wie etwa dem Saitenhalter, dem Griffbrett, dem Steg oder der Schnecke.

Warum diese Behandlung tatsächlich etwas bewirkt, hat Rolf Bader, Physiker und Privatdozent am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg, herausgefunden. »Wenn man einen Stein in einen See wirft, entsteht eine gleichmäßige Welle. Sobald diese auf ein Hindernis trifft, bricht sie, und ein Teil der Welle schwappt zurück. Bei der Geige ist der Schall wie eine Welle, trifft er auf die Stelle des Einstichs, beeinflusst das die Gesamtfrequenz.« Bader hat sich die Frequenzbänder einer Geige vor und nach den Nadelstichen angesehen und tatsächlich eine »feine Änderung« festgestellt. »Ich war selbst davon überrascht. Andere Methoden haben bislang nicht so viel gebracht.«

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