Hier sind ein paar neuere Nachrichten von der Natur: Es schneit. Die Dorsche in der Ostsee haben in diesem Jahr auffallend früh mit dem Laichen begonnen. Jedes vierte Kind kommt hierzulande durch Kaiserschnitt auf die Welt. Das Trinkwasser ist durch Rückstände von Medikamenten belastet. Bis zum Ende des Jahrhunderts kann die Temperatur um etwa vier Grad ansteigen. Der wassersparende Duschkopf hat es schwer, sich am Markt durchzusetzen. Bioprodukte boomen, desgleichen boomt der Handel mit menschlichem Gewebe. Die eine Natur birgt den Menschen in sich, der versucht, sich ihr gegenüberzustellen. BILD

Die Fische, das Wasser, das Wetter, der Körper, all dies ist Natur. Doch die setzt man unwillkürlich in Anführungszeichen. Sie ist Natur und zugleich nicht, sie trägt auf neuartige Weise die Handschrift des Menschen. Sie tritt in hundert Vermittlungen auf, und die westliche Lebensform hat fast alles mit ihren Produktsiegeln versehen. Was ist natürlich am Trinkwasser, das aus dem Hahn kommt? Gewiss ist nur: Ohne Wasser kommt keiner aus. Während die Meldungen von der Erschöpfung der Erde allgegenwärtig werden, ist Natur den Sinnen vielfältig entzogen, der westliche Mensch misstraut all seinen Wahrnehmungen, weil die nicht angeben, was sich wirklich verändert, und doch weiß jeder von einem ökologischen Kollaps, der droht.

Aus dem Kollaps aber leiten sich Ratschläge für Naturfreundlichkeit nicht umstandslos ab. In den Empfehlungen, was ein jeder zur Abwendung der Katastrophe noch tun könne, steht nicht zu lesen, man möge lernen, den Gesang des Pirols von dem des Finken zu unterscheiden, ein Kind zu bekommen oder ein Gemüsebeet zu bestellen, um den Sinn fürs Lebendige wachzuhalten. Geraten wird, das Haus isolieren zu lassen, den Stromverbrauch durch Ausschalten des Stand-by-Modus zu reduzieren, aufs Ökoauto umzusteigen und im Übrigen politisch tätig zu werden. Kluger Konsum, klügere Technik, Politik: Sie sollen in westlichen Breiten das neue Naturverhältnis des Menschen bilden.

Auch der Begriff Naturkatastrophe geht kaum noch einem glatt über die Lippen. Mitten im Klimawandel, dem bedrohlichsten Resultat des Umgangs mit der Natur, spricht angesichts von Orkanen, Bodenerosion und Überschwemmungen fast niemand mehr davon, dass diese Katastrophen natürlich seien. Das Unglück, man hat es begriffen, ist weitgehend menschengemacht. Oder, in den Worten des französischen Wissenschaftstheoretikers Bruno Latour: Natur ist zum politischen Prozess geworden.

Der Zusammenhang aller natürlichen Erscheinungen, den vor zweitausend Jahren der römische Dichter Lukrez in seinem Werk De rerum natura noch vor Augen hatte, ist seither gründlich zerrissen. Die antike Unterscheidung zwischen physis und techne, zwischen Natur und Menschenwerk, scheint historisch geworden. Hybride Mischwesen aus Natur und Technik wie der tiefgefrorene Brokkoli oder das Tiermehl bestimmen die Gegenwart. Von einer natürlichen Ordnung im traditionell abendländischen Sinne würde fast niemand mehr sprechen. Auch um die biblische Schöpfung, deren Bewahrung noch vor Kurzem auf grünen Agenden stand, ist es stiller geworden. Von Ressourcen ist inzwischen die Rede, von Effizienz und Zertifikaten, von Energie, Böden, Wasserverbräuchen. Natur? Fast alles ist genutzte, verschlissene Umwelt geworden. Die wissenschaftlich erfasste Natur bestimmt das Bild, das Computer einem vor Augen führen.

Der Lack ist ab. Auf vertrackte Weise zeigt sich Natur, die vielen als das bessere Gegenüber des Menschen galt, überall und nirgends zugleich. Wer sie retten will, muss erst einmal Auskunft geben, was er da retten will, bevor er überlegt, wie das ginge. Jeder weiß, dass die westliche Lebensform nicht ohne verheerende Folgen milliardenfach kopiert werden kann, und sucht also individuell nach ökologischen Variationen des Alltags, doch kaum einer bildet sich ein, dass sein Vorbild eine Milliarde Chinesen beeindrucken wird. Dieses Dilemma ist neu.