Klima Im Auge des OrkansSeite 3/3

Denn der Zusammenhang zwischen Verursacher und Betroffenem, der lange als Korrektiv bei Misswirtschaft wirken konnte, ist zerrissen. Die Schadstoffausstöße der vergangenen Jahre in Wuppertal bestimmen heute das Klima, das morgen indonesische Küsten wegreißen wird. Aber wer sich angesichts dessen in Ratlosigkeit übt, der freut sich doch am Sonnenuntergang über den Elbauen. Wenigstens ein paar Ökoäpfel wird der sich kaufen und am Morgen, illusionslos, aufs Fahrrad steigen. Wer kann schon wissen, ob etwas ökologisch Sinnvolles passiert, wenn er sein Klo wassersparend auf Vakuumtechnik umstellen lässt? Wer bildet sich ein, aus seiner Kenntnis des Bärlauchs, des Haubentauchers erwachse mehr als persönliches Glück? Es verändert das Verhältnis zum Frühstücksei, gemessen an der Realität des Klimawandels, nicht folgenreich, wenn man dessen Energiebilanz aufsagen kann. Danach fährt man eben zur Arbeit.

Das illusionslose Multitasking, das Verfahren auf mehreren Wegen, ist aber als aufgeklärte Strategie nicht gering zu schätzen. Zumal wenn einem nichts anderes übrig bleibt, um sich in Gesellschaft lebendig zu fühlen. Vielleicht wird derjenige, der die Vögel im Thüringer Wald kennt, demjenigen nie begegnen, der sich in Nairobi als Ingenieur auf wassersparende Sanitäranlagen spezialisiert, und wer als Parlamentarier für die Solarwende kämpft, läuft dem Philosophen, der an einem Buch übers Lebendige arbeitet, nicht unbedingt über den Weg. Wer in Tokyo bloß die Stand-by-Taste ausschaltet, hat ebendies getan. Auch wenn gerade seine Freundin in Berlin den Flug auf die Malediven bucht.

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Sie alle bilden als Bürger immerhin eine Gesellschaft. Ein jeder von ihnen trägt eine Vorstellung von Landschaft, vom Lebendigen, von Natur in sich. Solange sie atmen, schlafen, essen, lieben und eines Tages sterben, wird ihnen die Suche nach Natürlichkeit nicht unbekannt sein.

Die Kraft, die in dieser Pluralität steckt, muss ein demokratischer Staat zu nutzen verstehen. Nur der Staat kann eine Norm wie das Biosiegel festlegen, das aus dem Wunsch, sich ökologisch zu ernähren, einen Bioboom werden ließ. Nur der Staat kann erneuerbare Energien so fördern, dass aus Nischentechnologien globale Alternativen werden. Und der Staat kann verhindern, dass der Kabeljau ausstirbt. Das wäre ein umsichtiger Staat.

Auf den verschiedenen Wegen, die nach Natur suchen, wird hier und da auf der Welt eine Handvoll Leute auch Kant lesen: »Alle Menschen sind ursprünglich in einem Gesamt-Besitz des Bodens der ganzen Erde, mit dem ihm von Natur zustehenden Willen (eines jeden), denselben zu gebrauchen.« Dann entstände eine Verlegenheitspause. Denn weiter ginge es ja so: Die Menschen müssen mit Hilfe des Rechts nur klären, wie sich die Sache im Einzelnen regeln lässt. Politisch, natürlich.

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Leser-Kommentare
  1. ..., was politisch sinnvoll ist und was gesellschaftlich verkaufbar ist sind noch immer zwei paar Schuh. Der Großteil der Gefühlswähler würde diesem Text keine Richtung abgewinnen können. Und die Natur verkauft sich nun mal nicht gut genug. Und gerade das ist es was Politik können muss!
    Der Bioboom hört beim Geldbeutel auf. Und selbst gegen Skandale sind die meisten 'Sünder' bereits immun.

  2. Der Artikel trifft genau den Ton, den man immer wieder hört: nicht positiv, nicht negativ - lediglich resigniert und fatalistisch. Offenbar ist es für uns Menschen nicht leicht, mit Super-Katastrophen fertigzuwerden. Das Ende der Menschheit steht bevor? Je nun! Der Asteroid Apophis wird auf die Erde prallen? Ach ja?

    Da macht's doch viel mehr Spaß, wenn man sich über faßbare Details so richtig schön entrüsten kann: die bösen Japaner, die alle Fische fangen, die bösen Ölgesellschaften, die das Meer verseuchen, die bösen Amis mit ihren großen Schlitten, und die bösen Politiker, die an allem schuld sind.

  3. so isses. spekulationen sind überflüssig, wir werden alle in die grube fahren.
    das liegt daran, dass der mensch gegen unheilvolle entwicklungen, wenn die auswirkungen erst ein paar jahre in der zukunft liegen, nichts zu unternehmen bereit ist. denn das würde ja bedeuten, dass es jetzt schmerzen würde (finanziell, mühen, umstände). nach dem motto. verschon mich heute, triff mich morgen.
    für solches vorausschauendes aufwenden ist die masse mensch einfach zu blöd.

    • uff
    • 24.04.2007 um 22:41 Uhr

    wenn man einen Text nach seiner Zeit liest. Nach T.C.Boyle nachgerade eine Erholung.
    Um eine gewisse Lebensfreude ganz unvordenklich und ohne Nachdenken der Autorin zu erhalten, sollte sie vielleicht bedenken, dass es niemandem nützen d ü r f t e, wenn sie ihr persönliches Glück aufopferte für eine Wachheit, zu der sie uns vielleicht noch am wenigsten gezwungen hätte.
    Ihre Fähigkeit, Glück zu empfinden, wenigstens es zu benennen ist mir heilig.

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