Kriminalliteratur Der Dreh der Großmeister

John Grisham, Stephen King und Robert Harris: Ihre neuen Romane eröffnen einen interessanten Blick in den Maschinenraum der angelsächsischen Spannungsindustrie.

Spannung ist Action, sagen die einen. Spannung produziert Sinn, sage ich. Ist es nicht so, dass ein guter Thriller immer den Umweg über die Action nimmt, um seinen Sinn zu finden?

»In einem Thriller«, sagte die große Patricia Highsmith, »erwartet man keine profunden Gedankengänge, keine langen Absätze ohne Action.« Spannung sagt viel über die Gegenwart aus, in der sie entsteht. Spannung ist ein Umweg, der manchmal gar nicht groß genug sein kann. Der Umweg kann in die Provinz von Oklahoma führen, wie im neuen Roman von John Grisham, oder, wie in Robert Harris’ Imperium, ins Rom der Cicero-Zeit. Der Umweg kann auch eine Frau, die nach dem Geheimnis ihres toten Mannes sucht, zu Archivschränken führen, in denen sich übernatürliche Erscheinungen und grässliche Brutalitäten finden. So inszeniert es Stephen King, gehassliebter Schocker – und Bestseller-Autor, wie alle drei dieser Großmeister der angelsächsischen Spannungsindustrie. Ihr Erfolg ist ihr Geheimnis. Und doch gar nicht so schwer zu erklären.

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Alle drei Autoren verfolgen unterschiedliche Techniken, um ihr Publikum zu fesseln. Grisham, Harris und King sind, wenn auch drei recht unterschiedliche, Zeugen dafür, dass Spannung kein Zufallsprodukt ist. »Aus dem Durcheinander eine Ordnung schaffen«, so hat das Highsmith beschrieben.

Spannung kommt also nur zustande, wenn ein Erzähler das Handwerk, spannend zu erzählen, versteht und die Regeln originell interpretiert, aber niemals missachtet. Nichts ist wertloser als ein Krimi ohne Auflösung. Nichts frustriert mehr als ein Anlauf ohne Sprung. Der Maschinenraum der Spannungsindustrie verbirgt keine Apparate, deren Funktionsweise rätselhaft wäre. Aber funktionieren die Einzelteile nicht, ist die ganze Maschine nichts wert.

Robert Harris wählt die Technik der psychologischen Durchschaubarkeit seiner Helden. Wenn Cicero von einem lästigen Klienten namens Sthenius zu Hause aufgesucht wird, der ihn bittet, Klage gegen den korrupten Statthalter Siziliens einzureichen, platziert Harris deutlich sichtbar das Motiv gekränkter Eitelkeit. Auf Ciceros Frage, warum Sthenius ausgerechnet zu ihm gekommen sei, antwortet dieser: »[Weil] alle Leute sagen, dass du, Marcus Tullius Cicero, der zweitbeste Anwalt Roms bist.«

Darauf fährt Cicero pflichtschuldig aus der Haut: »›Ach ja, tun das die Leute?‹ Ciceros Stimme nahm einen sarkastischen Tonfall an. Er hasste dieses Attribut.« Damit besitzt die Geschichte von Anfang an einen psychologischen Vektor, der allem, was zu geschehen hat, Tempo und Richtung anzeigt. Der erste Höhepunkt von Imperium wird zwangsläufig das Duell der beiden Widersacher sein, das Harris sozusagen von hinten nach vorn inszeniert. Er munitioniert dabei die antike Handlung mit allerlei Versatzstücken gestriger und heutiger Politik: korrupte Politiker, geschobene Wahlen, schwarz-weiße Launen der Zeitläufte – die eigentliche Geschichte, erzählt als Restposten der »unbedingt lebendigen Handlung« (Highsmith), für die der Held persönlich zuständig ist.

Den Leser unsicher machen und auf falsche Fährten locken

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