GewebespendeFrische Leichenteile weltweit

Herzklappen, Knochen, Sehnen – das Geschäft mit menschlichem Gewebe floriert. Kriminelle Methoden versprechen satte Gewinne. Ein Gesetz soll für Transparenz und Ethik beim Körperrecycling sorgen. von Martina Keller

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Der Schmerz ist Inara Kovalevska anzumerken, wenn sie auf das Drama im Sommer 2002 zu sprechen kommt. Ihr Mann Gunars hat sich damals erhängt. Inara fand ihn, als sie von ihrer Arbeit als Lehrerin nach Hause kam, den kleinen Sohn an ihrer Seite. Inara rief um Hilfe, doch niemand kam. So schnitt sie ihren Mann selber vom Seil und fing ihn in ihren Armen auf. »Ich habe ihn massiert, ich habe ihn geschlagen, ich habe geweint, geschrien, gebetet, ich habe alles getan, um ihn ins Leben zurückzurufen.« Doch weder sie noch der Notarzt konnten Gunars retten. Der 41-Jährige, der unter Depressionen litt, hatte seinen zweiten Selbsttötungsversuch vollendet.

Wie in solchen Fällen üblich, wurde Gunars’ Leichnam ins rechtsmedizinische Zentrum von Riga gebracht; durch eine Autopsie sollte ausgeschlossen werden, dass er durch fremde Hand ums Leben gekommen war. Inara machte sich am Tag nach dem Tod ihres Mannes auf den Weg dorthin. Gunars’ Mutter hatte sie beauftragt, bei den Rechtsmedizinern zu fragen, ob es möglich sei, ihrem Sohn einen letzten Liebesdienst zu erweisen, ihn nach katholischem Brauch in Lettland zu waschen und festlich einzukleiden. Doch ein Mitarbeiter der Rechtsmedizin lehnte den Wunsch ab, der Anblick des toten Körpers sei der Frau nicht zuzumuten. Damals ahnte Inara nicht, welche Wahrheit in diesen Worten steckte. Die Familie sah den Verstorbenen erst am Tag des Begräbnisses wieder, vom Bestatter angekleidet und aufgebahrt im offenen Sarg, der tote Körper scheinbar unversehrt.

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Etwa ein Jahr später erhielt Inara eine Vorladung der lettischen Sicherheitspolizei. Dort teilte ihr eine Beamtin mit, bei der Leiche ihres Mannes sei Gewebe entnommen worden, vor allem Knochen und Knorpel. Die Polizei ermittele in insgesamt 400 Fällen.

»Das war ein zweiter Schock für mich, der den ersten noch schlimmer gemacht hat«, sagt Inara. »Ich habe mich gefühlt, als sei ich selbst beraubt worden.« Sie wurde gefragt, ob sie in die Gewebeentnahme eingewilligt habe, aber sie wusste ja nicht einmal davon. Gunars hätte eine Spende abgelehnt, so viel kann sie mit Gewissheit sagen, sie hatte nach einem Fernsehfilm über Organspende mit ihm darüber diskutiert. Und noch etwas erfuhr sie von dem Beamten: Gunars’ Knochen seien zur Aufarbeitung an eine Firma in Deutschland geliefert worden.

Seit jenem Gespräch bei der Polizei hat Inara keine Ruhe gefunden. »Der Gedanke, dass jemand in Deutschland mit den Knochen meines Mannes herumspaziert, ist für mich unerträglich.« Sie begann eine Psychotherapie und nahm sich eine Anwältin. Die Verantwortlichen sollen vor Gericht zur Rechenschaft gezogen werden. Und sie will verhindern, dass so etwas wie mit ihrem Mann noch einmal geschieht. »Ein Mensch ist kein Auto, dessen nützliche Teile man ausbauen und anderen Menschen einbauen kann.«

Was Inara Kovalevska empört, ist für das Unternehmen Tutogen Medical GmbH in Neunkirchen bei Erlangen Alltagsgeschäft. Neun Jahre lang, von 1994 bis 2003, lieferte das rechtsmedizinische Zentrum in Riga der Firma Tutogen und ihrer Vorgängerin Biodynamics International die menschlichen Rohstoffe, die sie für ihre Knochenprodukte braucht. Auch aus anderen europäischen Ländern bezieht das Unternehmen Gewebe Verstorbener, denn mit Spendermaterial aus Deutschland lässt sich sein Bedarf nicht decken.

Tutogen bearbeitet nach einem zertifizierten Verfahren Knochen und Sehnen aus Leichen oder auch die kugelförmigen Köpfe von Oberschenkelknochen, die bei Operationen übrig bleiben. Die Geschäfte gehen gut: Die Firma vertreibt ihre Waren in etwa 40 Ländern, bei Implantaten für die Zahnmedizin verzeichnet sie Zuwachsraten von bis zu 30 Prozent. Tutogen-Produkte haben ihren Preis. Ein kleiner Block schwammartiger Knochen mit nur einem halben Kubikzentimeter Volumen kostet bei der europäischen Versandapotheke DocMorris 366,94 Euro.

Anders als bei Organen, deren Handel weltweit geächtet ist, lässt sich mit aufgearbeiteten Geweben auf legalem Weg viel Geld verdienen. Zerlegt in ihre verwertbaren Teile, kann die Leiche eines gesunden Menschen bis zu 100.000 Dollar einbringen, so die amerikanische Autorin Annie Cheney, die für ihr Buch Body Brokers drei Jahre in Leichenhallen und an medizinischen Hochschulen der USA recherchierte.

Nicht nur Knochen lassen sich für therapeutische Zwecke verwenden, als Großtransplantat, zersägt in Scheiben, zurechtgefräst zu Blöcken, Stiften und Nägeln oder als Granulat – die gesamte Leiche ist zu einem wertvollen Rohstoff geworden. Längst hat die Gewebespende die Organtransplantation an Bedeutung überholt. Nur rund 4.500 Patienten erhalten in Deutschland jährlich ein neues Organ, doch mehrere Zehntausend profitieren von der Verpflanzung kleiner oder großer Einzelteile – neben Knochen auch Augenhornhäute, Gehörknöchelchen, Herzklappen, Gefäße, Sehnen oder Hautstücke. Und die Gewebespende boomt. 1990 verzeichneten die USA noch 350.000 Transplantationen, 2003 waren es bereits 1,3 Millionen.

Doch die Verwertung einer Leiche ist längst nicht selbstverständlich. Zu widersprüchlich sind die Interessen und Werte, die miteinander in Einklang zu bringen sind. Die Medizin reklamiert Rohstoffe für eine stetig wachsende Zahl therapeutischer Anwendungen. Kulturelle und religiöse Traditionen verlangen hingegen den achtsamen Umgang mit der Leiche, und die meisten Bürger wollen bislang einfach nur in Frieden begraben werden. »Das Sterben und der Tod gehören einer anderen Ordnung an, jenseits von Verwertung und Nutzen«, sagt die Essener Soziologin Erika Feyerabend, die sich seit Jahrzehnten mit biomedizinischen Fragen beschäftigt.

Leserkommentare
  1. "Das Sterben und der Tod gehören einer anderen Ordnung an, jenseits von Verwertung und Nutzen" ??Nur das Sterben und der Tod ??? Sorry: Ich bin kein verwertbarer Nützling; vielleicht die Soziologin, die das gesagt hat ...

    • tiez2
    • 15. April 2008 7:09 Uhr

    Hier geht es gar nicht darum, dass anderen Menschen geholfen wird. Hier geht es lediglich um den Benefit für den Menschen der verkauft und für den Menschen, der es braucht.Deutschland muss sich desshalb nicht schämen, dass so etwas passiert. Das ist so über all da, wo Menschen sind.Hier fehlt lediglich die Kontrolle, ob das auch vom Spender gewollt war. Den vom Arzt abgelegten Eid der Hilfeverpflichtung steht hier nicht im Vordergrund.

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