Luchs 240 Hand in Hand

Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt vor: Jürg Schubiger/Eva Muggenthaler »Der weiße und der schwarze Bär«

Schwarz und Weiß, Tag und Nacht – es gehört zusammen, was einander fremd und fern erscheint. Wem das zu abgehoben klingt, der soll Jürg Schubigers Bilderbucherzählung vom weißen und schwarzen Bären zur Hand nehmen. Man blickt auf ein Leporello aus schwarzen und weißen Bildern, das sich über die Doppelseite erstreckt; eine Schere, Papier und eine Kinderzeichnung liegen daneben. Die Zeichnung ist krakelig, aber auf dem Leporello hat das Kind seine Form und sein Tier gefunden: Schwarze und weiße Bären stehen sich wie Spiegelbilder gegenüber – Tatzen, Fußabdrücke, Pfoten, Nasen – und verschmelzen miteinander. Was war zuerst? Schwarz oder Weiß? Ein ganz besonderes Kinderbuch beginnt.

Blättert man um, taucht man ein in eine Geschichte um die Angst im Dunkeln, die nächtliche Ankunft des weißen Bären. »Nachts saß er am Bettrand des Mädchens. Er schimmerte ein wenig im Dunkeln.« Wie schon in Raymond Briggs Der Bär (1994) imaginiert auch hier ein Mädchen einen großen, weißen Bären als Beschützer. Realität und Fantasie durchdringen sich; die nächtlichen Seelenlandschaften sind voller Puppen, Spielzeug und Figuren – Spiegel der Vorstellungswelt des Kindes. Und auch die Räume werden durchscheinend. Das Kinderzimmer wird zum Wald, das Bad zur Bühne, die Wände der Wohnung verschieben sich wie Kulissen im großen Film des Kindes. Doch mit der Zeit wird der weiße Bär lästig, er macht sich vor dem Badezimmerspiegel breit, tanzt wild im Zimmer und stört sie beim Schlafen. Nur am Bildrand findet das kleine Mädchen Platz. Schön, dass sein weißes Schimmern die Angst vor der Dunkelheit vertreibt, doch das Mädchen weint ihm keine Träne nach, als er eines Nachts seine Sachen packt und weiterzieht.

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»Wenn jetzt ein Bär neben meinem Bett sitzt, dann muss es ein schwarzer Bär sein«, bestimmt das Mädchen, und nun wechselt die Schrift von Weiß zu Schwarz, und der schwarze Bär tritt auf. Höflich ist er, drängt sich nicht vor, beschützt das Mädchen und lässt ihr Platz. Auch er spricht nicht mit ihr, aber man kann sich einschmiegen, sich in sein schwarzes Fell kuscheln. Sie ist ein erwachsener geworden, der stumme Doppelgänger wirkt vertraut. Er, der die Dunkelheit verkörpert, der kein schimmerndes Fell besitzt, ist nun ihr Gefährte. »Die Nacht ist zutraulich«, sagte das Mädchen. »Die Kinder fürchten sich nicht.« Hoch oben reitet das Kind auf dem schwarzen Bären, vorbei an friedlich schlafenden Kindern und erschrockenen Räubern. Dann liegt es selbst mit großen Augen in seinem Bett, das der schwarze Bär liebevoll mit seiner gewaltigen Tatze umschließt.

Eva Muggenthalers surreal anmutende Bilder machen die offenen Grenzbereiche zwischen kindlicher Fantasie und Realität auf bewundernswerte Weise sichtbar. Innen und Außen, Imagination und konkrete Gegebenheiten, reale und erdachte Figuren verbinden sich in vielschichtigen, doch ganz selbstverständlichen Überschneidungen. Ein Glücksfall, dass die Bilder der jungen deutschen Illustratorin – ihr Schäfer Raul von 1997 blieb leider ein Solitär – und die Geschichte des doppelt so alten Schweizer Poeten sich gefunden haben. Am Ende flüstert das Mädchen seiner Mutter beruhigend ein Geheimnis ins Ohr, das, obwohl der Fantasie entsprungen, aus kindlicher Sicht eine logische Erkenntnis beinhaltet: »Der weiße Bär, der ist erfunden.«

Und noch einmal führt das schwarz-weiße Schlussbild vor Augen, dass Fantasie ein Spiel ist, ein Ausprobieren und Zurücknehmen. Das Mädchen hat aus nachtschwarzem Karton den Bären ausgeschnitten und reicht ihm vorsichtig die Hand. Geschützt durch den weißen Bären, kann sie dem schwarzen Bären eine Freundin sein. Es ist die Welt, wie das Kind sie schuf. Weiß und schwarz, Hand in Hand. (Ab 4 Jahren) Jens Thiele

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