Nach über zwanzig Jahren als Allgemeinarzt in Norwegen kehrte ich 2002 zurück nach Deutschland. Plötzlich befand ich mich mitten in einer Debatte, die das Gesundheitswesen kurz vor dem Untergang sieht. Vielen wird die Schuld an der gegenwärtigen Misere zugeschoben. Leere Wartezimmer haben den Fotografen Martin Richter zu dieser Bildserie inspiriert – die täten auch dem Gesundheitswesen gut BILD

»Die Ärzte«, sagen die einen: Sie sind geldgierig und machtbesessen und schauen während der wenigen Minuten Patientengespräch ohnehin nur auf ihren Computermonitor.

»Die Krankenkassen«, sagen die Ärzte: Sie sind darauf aus, immer mehr Umsatz zu machen, um sich immer größere Chefetagen und neue Dienstwagen leisten zu können.

»Die Politiker«, sagen die Bürger: Sie ergeben sich der Macht der Lobbyisten, sind handlungsunfähig, lassen sich verwirren durch Experten, die in unterschiedlichen Kommissionen ähnliche Vorschläge machen, die nur zu kosmetischen Änderungen führen.

»Die Pharmaunternehmen«, sagen alle: Sie fahren mit ihren überteuerten Arzneimitteln unerhörte Gewinne ein, auf Kosten der Solidargemeinschaft.

»Die Patienten selber«, sagen die Mutigen: Sie wollen zum Nulltarif immer mehr Therapie und lassen sich nur behandeln, ohne selbst zu handeln.

Die Politiker bekommen jetzt von allen Seiten Prügel für die missratene Gesundheitsreform. Von den Ärzteverbänden kommen mehr oder weniger konkrete Vorschläge, wie das Gesundheitswesen von morgen finanziert werden kann – am besten mit mehr Geld. Dabei kostet es uns bereits sehr viel, wir investieren quasi in einen »medizinischen Mercedes« – und einige Studien zeigen, dass wir dafür tatsächlich einen Mercedes bekommen: ein dichtes Krankenhaus- und Fachärztenetz, eine Medikamentenversorgung auf hohem Niveau, kaum Wartezeiten. Grund zur Zufriedenheit ist das dennoch nicht.