Lebenszeichen Es ist Rot

Harald Martenstein über Heuchelei an der Fußgängerampel

Fast jeder Mensch geht bei Rot über die Ampel, wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist, auch ich tue dies. Nach meinem Rechtsempfinden ist die Ampel ein freundliches Angebot des Staates an mich als Fußgänger, von dem ich Gebrauch machen kann oder auch nicht. Ein Schutzangebot, das man unter allen Umständen annehmen muss, auch wenn man gar nicht möchte, heißt »Schutzgeld«, und es wird einem nicht vom Staat gemacht, sondern von der Mafia.

Ich respektiere in dieser Frage, wie es meine Art ist, auch andere Ansichten. Das heißt, wenn eine starrsinnige, unflexible und obrigkeitshörige Person an einer Ampel steht und die Straße partout nicht überqueren will, obwohl auf 500 Meter Entfernung kein Auto sich zeigt, dann gebe ich dieser Person keinen ermunternden Klaps auf den Po und halte ihr keinen Vortrag über den mündigen Bürger, die Große Französische Revolution und den Mut vor Fürstenthronen. In den letzen Jahrzehnten hat sich in Deutschland das Verhältnis zwischen den Ampelstehern und den Ampelgehern spürbar entspannt, es gibt kaum noch Zwischenfälle, während man in den sechziger Jahren als Ampelgeher von den Ampelstehern noch hin und wieder ins Arbeitslager gewünscht wurde und als Ampelgeher den Ampelstehern den Stinkefinger zeigte. An der Ampel funktioniert die multikulturelle Gesellschaft!

Wenn Kinder sich an der Ampel aufhalten, sind die Verhältnisse anders. Mit Kindern bleiben alle stehen, auch ich. Wir sind Vorbilder. Gleichzeitig spielen wir den Kindern etwas vor, wir lügen. Wir entwerfen ein falsches Bild von der deutschen Gesellschaft. Indem wir an der Ampel Vorbilder sind, verhalten wir uns, was Wahrheitsliebe und das Bekenntnis zur eigenen Meinung betrifft, gerade nicht vorbildlich. Dies ist ein philosophisches Problem. Ungeklärt ist außerdem die Frage, ab wann der kognitive und intellektuelle Apparat eines Kindes in der Lage ist, zu erkennen, ob ein Erwachsener bei Rot stehen bleibt. Wenn ich einen Kinderwagen sehe, gehe ich bei Rot. Der Säugling kann aus seinem Wagen ja nicht hinausschauen, und wenn er es könnte, würde er nichts begreifen. Bei Zweijährigen ist der Fall klar, da bleibe ich stehen, unterhalb von zwei Jahren erstreckt sich eine Grauzone. Einjährige vergessen fast alles sofort wieder, sie erkennen ja kaum ihren Vater, wenn sie ihn mal eine Woche lang nicht gesehen haben. Ein Einjähriger weiß gar nicht, was eine Ampel bedeutet. Neulich aber sah ich, hinter einen Busche verborgen, zwei Zwölfjährige, die, nachdem sie sich davon überzeugt hatten, dass kein Erwachsener in der Nähe war, bei Rot die Straße überquerten. Da wurde mir bewusst, dass es an der Ampel Parallelgesellschaften gibt und dass meine Multikulti-Idee naiv war. Wenn Erwachsene und Kinder zusammen an der Ampel sich befinden, bleiben beide stehen und spielen einander vor, dass sie die gleichen Normen haben, wenn sie aber unter sich sind, gehen beide bei Rot, sie haben also tatsächlich die gleichen Normen, wissen aber beide nicht, welche es sind.

So mache ich mir über alles meine Gedanken. Oberflächlich bin ich nämlich nicht.

Lebenszeichen 2007: Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - chronologisch archiviert »

 
Leser-Kommentare
  1. daß der artikel einer der überflüssigsten ist, die ich je gelesen habe, betrachten es in diesem geiste viele menschen als ihr selbstverständliches recht, eine straße zuendezuüberqueren, auch wenn grün nur reicht, um die mittelinsel zu erreichen, weil z.B. rechtsabbieger dann grün haben. als solcher, selbst mit einer kurzen grünphase beglückt, muß ich dann anhalten, weil fußgänger bei rot für sie, lässig, mit der kippe in der breit rudernden greifeinrichtung, durchmaschieren. nun handelt es sich
    dabei um keinen weltuntergang, aber die polizei weiß auch von vielen fahrradkids zu berichten, denen ihre rotignoranz
    bekannschaft mit den frauen und männern im grünen OP-Gewand verschafft hat. außerdem sollte man die kids nicht für so blöd halten, die vom autor praktizierte heuchelei nicht
    zu erfassen. und viellecht könnte man mal psychologisch untersuchen, inwieweit die bereitschaft eines autofahrers steigt bei rot durchzufahren, wenn er es als fußi auch tut.
    dann könnte man dem fußgehenden. autofahrer analog zum besoffenen radfahrer. punkte in flensburg verpassen, wenn
    er bei rot geht (autsch -hoffentlich lesen die ministrablen Tiefseetaucher dieser Republik das hier nicht...)

  2. Fragt man sich nur warum man sich mit 30 offensichtlich nichtmehr an das erinnert, was man selbst mit 12 gemacht hat.

  3. Auch nach meinem aktuellen Rechtsempfinden ist die Ampel eher ein freundliches Angebot des Staates an mich als Fußgänger, als eine von Staatswegen angeordnete Erpressung. Vermutlich verhalten sich fast alle vernünftigen Erwachsenen wie Sie, Herr Martenstein. Und wenn Sie sich nun noch einen ganz kleinen Moment lang weiter Gedanken über die ganze Sache machen, kommen Sie ganz sicher auch au die Erklärung dafür, dass 12-jährige irgendwann beginnen, sich eine „Zweitexistenz“ zuzulegen: Im Unterschied zu den 2-jährigen sind sie nicht nur in der Lage, aufmerksam genug nach links und rechts zu sehen und das Tempo herannahender Fahrzeuge richtig einzuschätzen, sie haben auf dieser Grundlage auch gelernt, selber zu entscheiden. Was Sie naiv, heuchlerisch oder gar eine Lüge nennen, ist Teil eines notwendigen Prozesses – des Prozesses der Aneignung gesellschaftlicher Regeln durch jede neue Generation. Das „Ich-weiß-dass-du-weißt-dass-ich-weiß-Spiel, das Kinder und Erwachsene an Ampeln miteinander spielen, ist für die einen ein ganz normaler Teil des Erziehungsprozesses für die anderen ein ganz normaler Teil des Erwachsenswerdens. Parallelgesellschaft? Käse!

    Übrigens: Die bürgerliche Freiheit des Ampelgehens ist mit größter Wahrscheinlichkeit sehr viel früher von sehr viel mehr Menschen in den alten Bundesländern in Anspruch genommen worden, als in den neuen. Rechts der Grenze gab es noch in den 80-ern nicht nur jede Menge obrigkeitshörige Ampelsteher, die stolz auf ihr regelgerechtes Verhalten und felsenfest von ihrem Erziehungsauftrag überzeugt waren, es gab auch die allgegenwärtige Staatsmacht in Gestalt des Vopos. Der war hauptberuflich Freund und Helfer, im Zweifel auch gegen den Willen des Bürgers. Erwachsenenbildung ist eine dankbare Aufgabe, Herr Martenstein - wenn man sie nicht tierisch ernt nimmt..

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  • Quelle DIE ZEIT, 15.02.2007 Nr. 08
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