Mittelschicht Die Angst der Mittelschicht
Risiken im Job, mehr Konkurrenzdruck und neue Ungleichheit: Im Zentrum der Gesellschaft grassiert die Furcht vor dem Abstieg.
Mit müden, rot unterlaufenen Augen sitzt Robert Ernst an seinem Stammtisch in der Bar Maria, einer Kneipe in Heidelberg, die für preiswertes Bier bekannt ist und dafür, dass man es gleich aus der Flasche trinkt. Robert Ernst, 55, ist von der Arbeit hergekommen. Er trägt das orangefarbene Dienst-T-Shirt mit dem Aufdruck der Supermarktkette, in deren Filiale er morgens ab halb sechs für 5,77 Euro die Stunde putzt und abends von fünf bis acht Uhr Kisten stapelt. In der Zwischenzeit fährt Ernst den Lkw einer Wäscherei.
Robert Ernst (Name geändert) hat Arbeit, aber er ist ziemlich weit unten. Noch vor wenigen Jahren haben er und seine Frau zur Mittelschicht gehört – vorbei. Auf einige Jahre des sozialen Aufstiegs sind bei den Ernsts andere gefolgt, in denen es bergab ging. Und der Abstieg dauert noch an.
Robert Ernst hat in den siebziger Jahren eine Lehre als Elektriker gemacht, auf dem Abendgymnasium das Abitur nachgeholt, ein paar Semester Physik studiert und sich dann selbstständig gemacht. In den achtziger Jahren hat er »einige Zeit recht gut« davon gelebt, dass er kaufmännische Software programmierte. Seine Frau Wilma, eine gelernte Näherin, die auf Kauffrau umschulte, stieg bis zur Leiterin einer Supermarktfiliale mit acht Angestellten auf. Drei Kinder haben die Ernsts großgezogen, sie sind heute erwachsen. In den späten neunziger Jahren fühlten sich die Eheleute rundum etabliert – und traten in die SPD ein. Sie machten Wahlkampf für Gerhard Schröder und sein Programm der »Neuen Mitte«. Und sie kauften sich ein Haus auf Kredit.
Der Abstieg der Familie begann schleichend. Robert Ernst erfuhr, dass man mit seinem Lebenslauf »ab 45 keine feste Stelle mehr kriegt«. Er nahm Jobs als Handlanger an, die ihm 800 Euro im Monat einbringen. Genug, solange seine Frau 1800 Euro netto im Supermarkt verdiente. Aber 2003 erkrankte Wilma Ernst und verlor die Stelle. Heute bekommt sie als Rehabilitandin Übergangsgeld von der Rentenversicherung, derzeit 1230 Euro. Im Juni wird sie auf Sozialhilfeniveau sinken, wenn sie keinen Job findet. »Ich bewerbe mich seit drei Jahren«, sagt sie.
Die Horrorvorstellung der Ernsts: dass sie die 500-Euro-Raten nicht mehr aufbringen können und ihr Haus verkaufen müssen. Dass sie zu »Abschmelzern« werden. So heißen im Jargon der Sozialarbeit Leute aus besseren Verhältnissen, die nach und nach das meiste aufbrauchen müssen, bevor sie Arbeitslosengeld II bekommen. So ist das seit der Hartz-IV-Gesetzgebung der Regierung Gerhard Schröders, für den sich das Ehepaar Ernst einst starkmachte.
Abstiegsgeschichten wie die der Familie Ernst aus Heidelberg kennt inzwischen fast jeder. Immer mehr deutsche Wohlstandsbürger fürchten, ein ähnliches Schicksal zu erleiden. Gut 60 Prozent der Deutschen zählen sich zur »Mittelschicht«, viele sind in Sorge um ihren sozialen Status. Ein »Klima der Verunsicherung« beobachtet der Kasseler Soziologe Heinz Bude. Über die »bedrängte Mitte« schreibt der liberalkonservative Verfassungsrichter Udo Di Fabio. Die »Angst, die die Bürotürme hinaufkriecht«, beschäftigt den Münchner Sozialforscher Stefan Hradil. Und die Bad Homburger Herbert-Quandt-Stiftung finanziert ein Forschungsprogramm über die »Zukunft der gesellschaftlichen Mitte in Deutschland«.
Der Soziologe Ulrich Beck (Die Risikogesellschaft) bringt es auf den Punkt: »Die Angst vor Armut ist von den Rändern der Gesellschaft zur Mitte gewandert.« Das neue Gefühl: Es kann jeden treffen. Nicht der Klimawandel oder der Terrorismus verbreiten hierzulande die meiste Angst, am größten ist die Furcht vor dem sozialen Abstieg. Nichts beunruhigt die Deutschen dabei mehr als die Tatsache, dass selbst bei Unternehmen, denen es gut geht, die Arbeitsplätze nicht mehr sicher sind. 72 Prozent der Bundesbürger finden das unheimlich, ermittelte das Institut für Demoskopie Allensbach.
- Datum 16.02.2007 - 05:43 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.02.2007 Nr. 08
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die reaktion der betroffenen oszilliert zwischen persönlichen überlebensstrategien und der altbekannten leier vom übel der 'volksfremden minderheiten'
kein wunder, daß unsere eliten vor lachen nicht in den schlaf finden.
kauft deutsch - und alles wird gut.
der politischen unbildung wird keine pisa-studie gerecht.
wirtschaftliche schwierigkeiten sind eine schimäre. nicht der wirtschaft geht es schlecht, sondern den ihr unterworfenen menschen.
Sehr guter Kommentar von Brunillo
durch die medien wissen wir ja alle, dass wir unseren reichtum nur den kulturbereicheren zu verdanken haben.
zum beispiel ist die arbeitslosigkeit in den vergangen 40 jahren nur deswegen von vielen hunderttausend auf nur noch 4 millionen gefallen, weil wir soviele fleissige, friedliche und vor allem gutausgebildete ziegenhirten aus anatolien in unsere sozialsysteme locken konnten.
natürlich liegt es da nahe, dieses überwältigende erfolgsrezept weiter zu führen.
Die Gefahr besteht, dass Angst den Aufstieg derjenigen befördert, die die Überfremdung, die Juden, die unfähigen Politiker usw. für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten verantwortlich machen wollen.
In Wirklichkeit offenbart sich zunehmend die Unfähigkeit des auf Gewinn und Konkurrenz basierenden Wirtschaftssystems, mit den hochproduktiven Technologien zurechtzukommen. Nicht einmal mehr zur Ausbeutung werden die Menschen gebraucht.
Es gibt wahrscheinlich keine andere deutsche Stadt, in der die Gegensätze unserer Gesellschaft stärker auf einem solch engen Raum zusammenprallen, als hier in Heidelberg. Die attraktiven Wohnlagen am Philosophenweg, am Schloss-Wolfsbrunnenweg und an der Panoramastraße, an denen sich Juristen-, Mediziner- Universitätsprofessoren- und Unternehmerdynastien niedergelassen haben, liegen nur einige wenige Kilometer entfernt von den randstädtischen Stadtquartieren am Boxbergring und der Emmertsgrundpassage, in denen eine starke soziale Desintegration und hohe Fluktuation der sozial marginalisierten Wohnbevölkerung zu beobachten ist.
In welche Richtung sich die berühmte Universitätsstadt am Neckar, deren Zenit nun schon ein Jahrhundert zurückliegt, künftig entwickeln soll, ist in ihrer Einwohnerschaft umstritten und lähmt die Entscheidungsprozesse. Nicht umsonst sprechen viele Heidelberger mit kurpfälzischer Selbstironie von der Maßeinheit „1 Heidel“, was in etwa einer Größenordnung von zehn Jahren entspricht und die Zeitspanne beschreibt, die die Diskussion und Findung politischer Beschlüsse im Stadtrat zur Realisierung kommunaler Entwicklungsprojekte umfasst.
Heidelbergs Status quo ist ein Symbol für den gesamtgesellschaftlichen Zustand in Deutschland, einer Gesellschaft, deren innerer Kompass und Grundkonsens mit dem Ende des Ost-West Konflikts und einer darauf folgenden zunehmenden Entankerung der globalen Wirtschaftsprozesse verloren gegangen zu sein scheint.
Einer Gesellschaft, deren Nomenklatura in Richtung des stärker wettbewerbsorientierten Angelsachsen zu schielen scheint, während sich die Bevölkerungsmehrheit lieber am Modell der sozialdemokratisch geprägten Wohlfahrtsstaaten in Skandinavien erwärmen mag.
Eine „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“, die aufgehört hat zu existieren, falls sie denn je bestanden hat, deren Stratifikation wieder deutlich hervortritt und deren auseinanderstrebende sozialen Schichten, Gruppen und Akteure zunehmend unfähig erscheinen, miteinander zu kommunizieren und einen neuen gesellschaftspolitischen Grundkonsens auszuhandeln.
Eine Gesellschaft, in der die Menschen einem verstärkten marktwirtschaftlichen Wettbewerb unterworfen werden, ohne Voraussetzungen für gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen und der anerkannte, klare und nachprüfbare Leistungskriterien fehlen, obwohl 'homo buerocraticus' anscheinend nach Belieben regiert, nur leider an den falschen Stellen.
Eine westliche Industriegesellschaft, die sozial undurchlässig wie kaum eine andere ist, wie internationale Vergleiche wie die PISA-Studien ebenso zeigen wie z.B. Michael Hartmanns Untersuchungen zum deutschen „Mythos von den Leistungseliten“.
Eine alternde Gesellschaft, in der Ausbildungsplätze fehlen, obwohl in einigen Jahren Fachkräftemangel herrschen wird, während gleichzeitig Menschen über 55 im Erwerbsarbeitsleben keine Verwendung mehr finden sollen und in der ein gleichberechtigter Zugang zu wissenschaftlicher Bildung durch die derzeitige Ausgestaltung des Studiengebührensystems verhindert wird.
Die soziale Exklusion und Segregation wird fortgeschrieben und verschärft, der Grundkonsens rückt in ungreifbare Ferne.
Wobei wir wieder bei der Universitätsstadt Heidelberg angekommen sind: Der Kommentar von „matrixxed“ hier im Forum zeigt die Ignoranz oder den böswilligen Zynismus vieler Akteure in diesem Land; verkennt er doch, dass im beispielhaften Fall der Familie Ernst aus Heidelberg Leistungsbereitschaft und Risikofreude, das Streben nach Bildung, sozioökonomischem Fortkommen und Erfolg durchaus vorhanden war. Nur ist auch Deutschland leider kein Land, in dem die Leistungsbereitschaft eines großen Teils der Menschen von anderen adäquat und äquivalent leistungsgerecht honoriert wird.
Die Nomenklatura in der sonnigen Panoramastraße bleibt also unter sich und redet lieber über die marginalisierte Bevölkerung am schattigen Emmertsgrund, als mit dieser. Kein Wunder, dass der Zenit der schönen Stadt am Neckar, diesem Symbol deutscher Geschichte, lange zurückliegt.
Das ist mir einfach zu billig. Eine vermeintliche Umverteilung in Richtung Einwanderer kann die Situation nicht im Entferntesten erklären. Ausserdem ziehen die Migrantenströme schon seit Jahren an Deutschland vorbei Richtung Grossbritannien. Ganze Bezirke Londons sind inzwischen fest in polnischer Hand. Diese Leute arbeiten aber hart für ihr Brot und leben nicht von Sozialleistungen, die inzwischen im Vergleich zu den in Deutschland gezahlten schon fast üppig erscheinen. Dort gibt es nämlich Jobs für sie im Gegensatz zu Deutschland.
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