Mittelschicht Die Angst der Mittelschicht

Risiken im Job, mehr Konkurrenzdruck und neue Ungleichheit: Im Zentrum der Gesellschaft grassiert die Furcht vor dem Abstieg.

Mit müden, rot unterlaufenen Augen sitzt Robert Ernst an seinem Stammtisch in der Bar Maria, einer Kneipe in Heidelberg, die für preiswertes Bier bekannt ist und dafür, dass man es gleich aus der Flasche trinkt. Robert Ernst, 55, ist von der Arbeit hergekommen. Er trägt das orangefarbene Dienst-T-Shirt mit dem Aufdruck der Supermarktkette, in deren Filiale er morgens ab halb sechs für 5,77 Euro die Stunde putzt und abends von fünf bis acht Uhr Kisten stapelt. In der Zwischenzeit fährt Ernst den Lkw einer Wäscherei.

Robert Ernst (Name geändert) hat Arbeit, aber er ist ziemlich weit unten. Noch vor wenigen Jahren haben er und seine Frau zur Mittelschicht gehört – vorbei. Auf einige Jahre des sozialen Aufstiegs sind bei den Ernsts andere gefolgt, in denen es bergab ging. Und der Abstieg dauert noch an.

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Robert Ernst hat in den siebziger Jahren eine Lehre als Elektriker gemacht, auf dem Abendgymnasium das Abitur nachgeholt, ein paar Semester Physik studiert und sich dann selbstständig gemacht. In den achtziger Jahren hat er »einige Zeit recht gut« davon gelebt, dass er kaufmännische Software programmierte. Seine Frau Wilma, eine gelernte Näherin, die auf Kauffrau umschulte, stieg bis zur Leiterin einer Supermarktfiliale mit acht Angestellten auf. Drei Kinder haben die Ernsts großgezogen, sie sind heute erwachsen. In den späten neunziger Jahren fühlten sich die Eheleute rundum etabliert – und traten in die SPD ein. Sie machten Wahlkampf für Gerhard Schröder und sein Programm der »Neuen Mitte«. Und sie kauften sich ein Haus auf Kredit.

Der Abstieg der Familie begann schleichend. Robert Ernst erfuhr, dass man mit seinem Lebenslauf »ab 45 keine feste Stelle mehr kriegt«. Er nahm Jobs als Handlanger an, die ihm 800 Euro im Monat einbringen. Genug, solange seine Frau 1800 Euro netto im Supermarkt verdiente. Aber 2003 erkrankte Wilma Ernst und verlor die Stelle. Heute bekommt sie als Rehabilitandin Übergangsgeld von der Rentenversicherung, derzeit 1230 Euro. Im Juni wird sie auf Sozialhilfeniveau sinken, wenn sie keinen Job findet. »Ich bewerbe mich seit drei Jahren«, sagt sie.

Die Horrorvorstellung der Ernsts: dass sie die 500-Euro-Raten nicht mehr aufbringen können und ihr Haus verkaufen müssen. Dass sie zu »Abschmelzern« werden. So heißen im Jargon der Sozialarbeit Leute aus besseren Verhältnissen, die nach und nach das meiste aufbrauchen müssen, bevor sie Arbeitslosengeld II bekommen. So ist das seit der Hartz-IV-Gesetzgebung der Regierung Gerhard Schröders, für den sich das Ehepaar Ernst einst starkmachte.

Abstiegsgeschichten wie die der Familie Ernst aus Heidelberg kennt inzwischen fast jeder. Immer mehr deutsche Wohlstandsbürger fürchten, ein ähnliches Schicksal zu erleiden. Gut 60 Prozent der Deutschen zählen sich zur »Mittelschicht«, viele sind in Sorge um ihren sozialen Status. Ein »Klima der Verunsicherung« beobachtet der Kasseler Soziologe Heinz Bude. Über die »bedrängte Mitte« schreibt der liberalkonservative Verfassungsrichter Udo Di Fabio. Die »Angst, die die Bürotürme hinaufkriecht«, beschäftigt den Münchner Sozialforscher Stefan Hradil. Und die Bad Homburger Herbert-Quandt-Stiftung finanziert ein Forschungsprogramm über die »Zukunft der gesellschaftlichen Mitte in Deutschland«.

Der Soziologe Ulrich Beck (Die Risikogesellschaft) bringt es auf den Punkt: »Die Angst vor Armut ist von den Rändern der Gesellschaft zur Mitte gewandert.« Das neue Gefühl: Es kann jeden treffen. Nicht der Klimawandel oder der Terrorismus verbreiten hierzulande die meiste Angst, am größten ist die Furcht vor dem sozialen Abstieg. Nichts beunruhigt die Deutschen dabei mehr als die Tatsache, dass selbst bei Unternehmen, denen es gut geht, die Arbeitsplätze nicht mehr sicher sind. 72 Prozent der Bundesbürger finden das unheimlich, ermittelte das Institut für Demoskopie Allensbach.

Allianz, Telekom, Siemens – einst verhießen solche Namen maximale Jobsicherheit, heute lösen sie mit ihren Konzernumbauten vor allem gesellschaftliches Unbehagen aus. Die Reizwörter lauten Rationalisierung und Globalisierung. Bemerkenswert schnell mündete die Debatte über die Unterschicht, die im Herbst ausbrach, in eine Diskussion über die Nöte der Mitte. SPD-Chef Kurt Beck will sich verstärkt um die »Mitte der Gesellschaft« kümmern. Und Guido Westerwelle positioniert seine FDP als Partei für die »vergessene Mitte«.

Wer ergründen will, wie die Menschen mit dieser Angst umgehen, wird in Heidelberg fündig, dieser Musterstadt deutscher Bürgerlichkeit, wo hübsche Einfamilienhäuschen den Neckar säumen und die Warmmiete für eine 100-Quadratmeter-Wohnung fast überall bei 1000 Euro liegt. Die Mehrheit der Bevölkerung hat mit der Universität oder den privaten Instituten und Kliniken zu tun.

In der Tanzschule Nuzinger arbeitet Isabella Sulzmann als Lehrerin. »85 Prozent der jungen Leute, die hier tanzen, sind Gymnasiasten, die meisten haben Elternhäuser aus der gehobenen Mittelschicht«, sagt sie. Zu jedem Anfängerkurs gehört die »intensive Einführung« in das richtige Grüßen, Essen, Anziehen und Smalltalken. Sulzmann hat sich auf dieses Thema spezialisiert und ist auf Gold gestoßen. Ihr Tischsitten-Training im nahen Grand-Plaza-Hotel, Benimmunterricht für Auszubildende, für Burschenschaften und für mittlere Manager – alles ausgebucht. Trendforscher haben Vergleichbares in der ganzen Republik beobachtet: die »neue Bürgerlichkeit«, jene gesellschaftliche Mode, zu der Benimmkurse genauso gezählt werden wie Gehorsam in der Schule, das Krawattetragen und das Hausmusizieren, das Heiraten und das Kinderkriegen.

Karin Schuster, deren 15- und 17-jährige Söhne in die Tanzschule Nuzinger gehen, möchte ihren wahren Namen nicht in der Zeitung lesen, weil sie ihre Familie nicht als »Gewinner« einer sozialdarwinistischen Auslese dargestellt wissen will. Das Fortkommen ihres Nachwuchses liegt ihr gleichwohl sehr am Herzen. »Unser ältester Sohn kommt jetzt in die Internationale Schule. Da bewegte ihn schon: Gucken die auch, wie ich esse?« Man kann die Formen der neuen Bürgerlichkeit als Vorboten eines »Kokon-Szenarios« für die deutsche Mittelschicht sehen, wie es der Politikwissenschaftler Kai Wegrich vom Forschungsinstitut Rand Europe in Berlin beschrieben hat: Versuche einer Abgrenzung nach unten, die über Formen und Symbole einen Rest an wirtschaftlicher Sicherung bewahren soll. Selbstvergewisserung und Erkennungszeichen, eine Art Mitgliedsausweis für den Club der Bessergestellten.

Selbst viele von denen, die es sich nicht mehr leisten können, halten an der bürgerlichen Lebensweise fest, solange es geht. Thomas Seethaler kennt sich aus, er ist Schuldnerberater bei der Caritas. »Arbeitslosigkeit ist zwar der häufigste Grund für eine Überschuldung, aber 37 Prozent meiner Klienten haben ein Arbeitseinkommen. Und es kommen mehr und mehr aus der Mittelschicht. Zehn Prozent haben eine Hochschulausbildung.« Auch das ist Teil eines bundesweiten Trends, den Wirtschaftsauskunftsdienste bestätigen. Bei Seethaler sitzen höhere Angestellte, Facharbeiter, Wirte oder kleine Informatikunternehmer – darunter viele mit Brüchen in der Biografie. »Den Job fürs Leben, die Frau fürs Leben hat heute kaum einer mehr.«

Oft sagt Seethaler den Ratsuchenden unangenehme Dinge: »Wenn sie Anfang oder Mitte 40 sind, dann finden die nix anderes mehr, ist es vorbei mit dem gesellschaftlichen Wiederaufstieg. Dann muss ich mit den Leuten diskutieren, was sie sich ab jetzt noch leisten können.« Da geht es um den Wechsel in eine billigere Wohnung, den Verzicht auf das Auto, die Kündigung von Versicherungen. »Da gibt es Leute, die kommen mit Schulden zu mir und zahlen weiter in ihren Bausparvertrag ein!«, klagt Seethaler, obwohl er das auch verstehen kann. »Die Leute wehren sich dagegen, Dinge zu tun, die klare Zeichen sind: Es geht jetzt bergab.«

Die Hartz-Reformen können das Leben hart machen für diejenigen, die mal was hatten. »Unter der Mittelschicht tut sich ein tiefer Graben auf, in den man wirklich reinfallen kann«, sagt ein Schuldnerberater beim Paritätischen Wohlfahrtsverband. Da gibt es den Ingenieur Ende 40, der einen Ein-Euro-Job auf dem Recyclinghof hat und Elektrogeräte auseinandernimmt. Den früher erfolgreichen Gastronomen, der als Museumswächter arbeitet. Den Staubsaugervertreter, der ein Lebensmittelgeschäft in der Innenstadt besaß. Ob solche Geschichten repräsentativ sind oder nicht – ihren Eindruck in der Gesellschaft haben sie hinterlassen.

Mehr über diesen sozialen Klimawandel erfährt man auf einem Berg am Neckarufer, wo das Forschungsinstitut Sociovision seinen Sitz hat. Es ermittelt für Kunden aus Industrie und Marketing, worüber in Deutschlands Wohnzimmern diskutiert wird und wie die Menschen über die Zukunft denken. Den Trend hin zur demonstrativen Bürgerlichkeit kennen sie bei Sociovision gut. Derlei könne zum umfassenderen Trend des Re-Groundings gezählt werden, erklärt der Sozialexperte Berthold Bodo Flaig, einer Neigung zur gesellschaftlichen Rückversicherung in Zeiten der Angst. Daneben gehe es um »Selbstaufrüstung«, den Wunsch nach Selbstverbesserung, um in schwierigen Zeiten zu bestehen. »Man will sich wappnen vor dem Absturz«, sagt Flaig.

Gerade der Kleinbürger ist ein ängstlicher Mensch und stets bemüht, sich nach unten abzugrenzen. »Diese Gruppe hat einfach eine hohe Sensibilität für das Thema Abrutschen«, fügt Institutschef Thomas Perry an. Die Mittelschicht habe sich vom Geist des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieges verabschiedet. »Das Verhindern des Abstiegs ist seit den neunziger Jahren das Modell geworden«, sagt Perry.

Kein Wunder, denn für viele verbessert sich wenig. Bereinigt um Inflation und Abgaben, verdient der durchschnittliche Arbeitnehmer heute nicht mehr als vor sechs Jahren und etwas weniger als vor sechzehn Jahren – und das, obwohl die Anforderungen am Arbeitsplatz härter wurden. Den zusätzlichen Wohlstand schöpften indes die Vermögenden ab.

In den goldenen fünfziger bis siebziger Jahren gab es einen ungeschriebenen Gesellschaftsvertrag: Es würde allen besser gehen. Schon Konrad Adenauer war um eine Politik des sozialen Ausgleichs bemüht und begründete damit Erwartungen und Anspruchsdenken. »Die CDU wurde zum Garanten des kleinbürgerlichen Justemilieus«, schreibt der Göttinger Politologe Franz Walter, »zur Schutzmacht der Langsamkeit, der Zufriedenheit, der Vorsicht, der Sicherheit.« 1953 machte der Soziologe Helmut Schelsky in Deutschland eine »nivellierte Mittelstandsgesellschaft« aus. Karl Martin Bolte verglich die Sozialstruktur 1966 mit einer Zwiebel – dick in der Mitte, aber oben und unten schmal.

Auch in den Jahrzehnten nach Adenauer wurde Politik in erster Linie für die Leute in der Mitte gemacht: Eigenheimförderung, Lohnfortzahlung für kranke Arbeitnehmer und eine großzügige Arbeitslosenunterstützung, die sich nach dem früheren Einkommen bemaß. Erst mit Gerhard Schröders Agendapolitik änderte sich das, und die Große Koalition setzt die neue Linie vorsichtig fort. Jetzt ist die Eigenheimförderung weg, die Pendlerpauschale gekürzt, und Arbeitslose aller Klassen drohen auf das Niveau des Existenzminimums zu geraten.

Oder sie lassen sich auf die Achterbahnfahrt mit neuen Arbeitsformen ein. Globalisierung und technischer Fortschritt, der Umbau vieler Unternehmen und das Outsourcing habe jene Gruppe ausgeweitet, die von Soziologen als das »Prekariat« bezeichnet werden. Das sind 25 bis 30 Prozent der Bevölkerung, die ihren Wohlstand als einen Zustand auf Zeit betrachten, für die Berufs-, Familien- und Gesundheitssituation so instabil sind, dass ein Schicksalsschlag sie auf Sozialhilfeniveau absinken lassen kann. Früher war ein Aufstieg meist möglich, wenn man gut gebildet war und sich anstrengte. Heute gibt es kaum mehr sichere Karrieren. Gut situierte Eltern machen die Erfahrung, dass ihre fleißigen und studierten Sprösslinge keinen Job finden und jahrelang in unterbezahlten Praktikumsstellen verharren. Das Studium garantiert kein Einkommen, das weit über dem des erfolgreichen Facharbeiters liegt.

Ob die Abstiegsängste berechtigt sind, ist unter Experten umstritten. Der Soziologe Stefan Hradil sieht in den Sorgen der Mittelschicht einen »subjektiven Tatbestand«. In Wahrheit wachse der Anteil derer in der Einkommensmitte. Zwar sänken immer wieder Menschen in die Armut ab, aber deren Zahl habe sich »seit 1983 nicht wesentlich verändert«. Ähnlich sieht es Gert Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, das seit 22 Jahren das Wohlergehen von 12000 Haushalten verfolgt. Einen Abstieg in Massen gebe es nicht. Wagners Vorhersage: »Wenn der Wirtschaftsaufschwung sich nicht abkühlt, wird die ganze Debatte in einem Jahr vergessen sein.«

Wirklich? Viele derer aus der Einkommensmitte erleben jedenfalls, wie der Druck steigt. »Viele Angestellte sehen: Es wird mehr von ihnen gefordert«, sagt der Soziologe Martin Kronauer von der Fachhochschule der Wirtschaft in Berlin. Längere Arbeitszeiten, eingefrorene Gehälter und eine zunehmende Belastung sind die neue Norm, dazu ein wachsendes Gefühl der Ohnmacht: »Ob die Firma Arbeitsplätze abbaut, ob man im Alter etwas hat, alles hängt mehr von den Aktienmärkten ab als von der individuellen Leistung.« Besonders bitter ist Unsicherheit für Menschen, die sich ihren Status erkämpft haben, »berufliche und soziale Aufsteiger, die nach den Mühen der Vergangenheit nun mit der Ungewissheit der Gegenwart und der Fragwürdigkeit der Zukunft konfrontiert sind«, wie der Hamburger Soziologe Berthold Vogel formuliert.

Die Angst der Mittelschicht hat in unterschiedlichem Ausmaß alle Industriestaaten erfasst. Während in China oder Indien neue Mittelschichten heranwachsen, herrscht bei den Etablierten des Wohlstands ein gewisser Katzenjammer. In Frankreich ist die Zukunftsangst der Mittelschicht zum politischen Thema geworden, seit beim Referendum zur Europäischen Verfassung im Mai 2005 auch Gegenden mit einem hohen Anteil an Angestellten, Beamten und Freiberuflern mit Nein gestimmt haben. Ein Grund, sagen Soziologen, ist das gebrochene Versprechen von der Leistung, die sich lohne. In Japan gilt das Ideal einer klassenlosen Gesellschaft noch, aber Gräben tun sich trotzdem auf. Die Einkommensunterschiede wachsen. Eine Umfrage der Zeitung Nohon Keizai Shinbun ergab, dass sich 37 Prozent aller Japaner mittlerweile der Unterklasse zuordnen und nur noch 54 Prozent der Mittelklasse. Vor zwei Jahrzehnten hatten diese Werte bei 20 und 75 Prozent gelegen. Die Entwicklung schreitet in einer Zeit fort, in der nach Jahren der Flaute ein Aufschwung Fuß gefasst hat.

Auch in den USA ist die Bedrohung der Mittelschicht ein Dauerthema. 1989 schrieb die Autorin Barbara Ehrenreich den Bestseller Fear of Falling – Furcht vor dem Fall. Ein Jahrzehnt später beklagte der Ökonom Paul Krugman das Ende der amerikanischen Mittelklassegesellschaft.

Sogar auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sorgte man sich um die Mittelschicht. »Sie ist eindeutiger Verlierer der Globalisierung«, klagte der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers – und, so fügten andere hinzu, könnte in ihrer Unzufriedenheit für einen neuen Protektionismus stimmen.

Die Deutschen tun sich nach Einschätzung des hannoverischen Soziologen Michael Vester mit der neuen Unsicherheit schwerer als Amerikaner und Briten. Das »sehr differenzierte System der Berufsbildungen«, das sich noch »aus der mittelalterlichen ständischen Tradition« ableite, behindere das schnelle Anpassen. Viele Bürger hätten »Statusprobleme«, klammerten sich an die Vorstellung eines »standesgemäßen« Einkommens und an repräsentative Symbole und Titel. Bei einigen sei das Sicherheitsbedürfnis so ausgeprägt, dass sie »bis zur Kriecherei« an ihrem Job festhielten, statt sich nach etwas Neuem umzuschauen.

In Heidelberg lebt ein Brite, dem das nicht passieren kann. Seit zehn Jahren arbeitet Graham Clack als Clown und Zauberer Mr Graham. Angefangen hat er als Straßenjongleur, dann fand er über Agenturen Auftrittsmöglichkeiten, die ihm mal 150, mal 250, mal 500 Euro einbringen. Clacks Frau arbeitet ebenfalls künstlerisch. Die beiden haben, wie sie sagen, »ein schönes Leben« mit Zeit für die Kinder und Theaterbesuche, einem Mietshäuschen am Philosophenweg und Mitgliedschaft in der Sozialversicherung für Künstler. Zukunftsangst kennt Clack nicht. Wenn es mit dem Clowngeschäft einmal bergab gehen sollte, »dann werde ich etwas anderes machen«, sagt er.

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Leser-Kommentare
    • keox
    • 17.02.2007 um 18:20 Uhr

    die reaktion der betroffenen oszilliert zwischen persönlichen überlebensstrategien und der altbekannten leier vom übel der 'volksfremden minderheiten'

    kein wunder, daß unsere eliten vor lachen nicht in den schlaf finden.

    • keox
    • 17.02.2007 um 18:25 Uhr

    kauft deutsch - und alles wird gut.

    der politischen unbildung wird keine pisa-studie gerecht.

    • keox
    • 17.02.2007 um 18:30 Uhr

    wirtschaftliche schwierigkeiten sind eine schimäre. nicht der wirtschaft geht es schlecht, sondern den ihr unterworfenen menschen.

    • dojon
    • 16.02.2007 um 9:06 Uhr

    Sehr guter Kommentar von Brunillo

    • Karaya
    • 16.02.2007 um 16:56 Uhr
    5.

    durch die medien wissen wir ja alle, dass wir unseren reichtum nur den kulturbereicheren zu verdanken haben.
    zum beispiel ist die arbeitslosigkeit in den vergangen 40 jahren nur deswegen von vielen hunderttausend auf nur noch 4 millionen gefallen, weil wir soviele fleissige, friedliche und vor allem gutausgebildete ziegenhirten aus anatolien in unsere sozialsysteme locken konnten.
    natürlich liegt es da nahe, dieses überwältigende erfolgsrezept weiter zu führen.

    Eine Leser-Empfehlung
    • jueck
    • 16.02.2007 um 22:32 Uhr

    Die Gefahr besteht, dass Angst den Aufstieg derjenigen befördert, die die Überfremdung, die Juden, die unfähigen Politiker usw. für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten verantwortlich machen wollen.

    In Wirklichkeit offenbart sich zunehmend die Unfähigkeit des auf Gewinn und Konkurrenz basierenden Wirtschaftssystems, mit den hochproduktiven Technologien zurechtzukommen. Nicht einmal mehr zur Ausbeutung werden die Menschen gebraucht.

  1. Es gibt wahrscheinlich keine andere deutsche Stadt, in der die Gegensätze unserer Gesellschaft stärker auf einem solch engen Raum zusammenprallen, als hier in Heidelberg. Die attraktiven Wohnlagen am Philosophenweg, am Schloss-Wolfsbrunnenweg und an der Panoramastraße, an denen sich Juristen-, Mediziner- Universitätsprofessoren- und Unternehmerdynastien niedergelassen haben, liegen nur einige wenige Kilometer entfernt von den randstädtischen Stadtquartieren am Boxbergring und der Emmertsgrundpassage, in denen eine starke soziale Desintegration und hohe Fluktuation der sozial marginalisierten Wohnbevölkerung zu beobachten ist.

    In welche Richtung sich die berühmte Universitätsstadt am Neckar, deren Zenit nun schon ein Jahrhundert zurückliegt, künftig entwickeln soll, ist in ihrer Einwohnerschaft umstritten und lähmt die Entscheidungsprozesse. Nicht umsonst sprechen viele Heidelberger mit kurpfälzischer Selbstironie von der Maßeinheit „1 Heidel“, was in etwa einer Größenordnung von zehn Jahren entspricht und die Zeitspanne beschreibt, die die Diskussion und Findung politischer Beschlüsse im Stadtrat zur Realisierung kommunaler Entwicklungsprojekte umfasst.

    Heidelbergs Status quo ist ein Symbol für den gesamtgesellschaftlichen Zustand in Deutschland, einer Gesellschaft, deren innerer Kompass und Grundkonsens mit dem Ende des Ost-West Konflikts und einer darauf folgenden zunehmenden Entankerung der globalen Wirtschaftsprozesse verloren gegangen zu sein scheint.

    Einer Gesellschaft, deren Nomenklatura in Richtung des stärker wettbewerbsorientierten Angelsachsen zu schielen scheint, während sich die Bevölkerungsmehrheit lieber am Modell der sozialdemokratisch geprägten Wohlfahrtsstaaten in Skandinavien erwärmen mag.

    Eine „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“, die aufgehört hat zu existieren, falls sie denn je bestanden hat, deren Stratifikation wieder deutlich hervortritt und deren auseinanderstrebende sozialen Schichten, Gruppen und Akteure zunehmend unfähig erscheinen, miteinander zu kommunizieren und einen neuen gesellschaftspolitischen Grundkonsens auszuhandeln.

    Eine Gesellschaft, in der die Menschen einem verstärkten marktwirtschaftlichen Wettbewerb unterworfen werden, ohne Voraussetzungen für gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen und der anerkannte, klare und nachprüfbare Leistungskriterien fehlen, obwohl 'homo buerocraticus' anscheinend nach Belieben regiert, nur leider an den falschen Stellen.

    Eine westliche Industriegesellschaft, die sozial undurchlässig wie kaum eine andere ist, wie internationale Vergleiche wie die PISA-Studien ebenso zeigen wie z.B. Michael Hartmanns Untersuchungen zum deutschen „Mythos von den Leistungseliten“.

    Eine alternde Gesellschaft, in der Ausbildungsplätze fehlen, obwohl in einigen Jahren Fachkräftemangel herrschen wird, während gleichzeitig Menschen über 55 im Erwerbsarbeitsleben keine Verwendung mehr finden sollen und in der ein gleichberechtigter Zugang zu wissenschaftlicher Bildung durch die derzeitige Ausgestaltung des Studiengebührensystems verhindert wird.

    Die soziale Exklusion und Segregation wird fortgeschrieben und verschärft, der Grundkonsens rückt in ungreifbare Ferne.

    Wobei wir wieder bei der Universitätsstadt Heidelberg angekommen sind: Der Kommentar von „matrixxed“ hier im Forum zeigt die Ignoranz oder den böswilligen Zynismus vieler Akteure in diesem Land; verkennt er doch, dass im beispielhaften Fall der Familie Ernst aus Heidelberg Leistungsbereitschaft und Risikofreude, das Streben nach Bildung, sozioökonomischem Fortkommen und Erfolg durchaus vorhanden war. Nur ist auch Deutschland leider kein Land, in dem die Leistungsbereitschaft eines großen Teils der Menschen von anderen adäquat und äquivalent leistungsgerecht honoriert wird.

    Die Nomenklatura in der sonnigen Panoramastraße bleibt also unter sich und redet lieber über die marginalisierte Bevölkerung am schattigen Emmertsgrund, als mit dieser. Kein Wunder, dass der Zenit der schönen Stadt am Neckar, diesem Symbol deutscher Geschichte, lange zurückliegt.

  2. Das ist mir einfach zu billig. Eine vermeintliche Umverteilung in Richtung Einwanderer kann die Situation nicht im Entferntesten erklären. Ausserdem ziehen die Migrantenströme schon seit Jahren an Deutschland vorbei Richtung Grossbritannien. Ganze Bezirke Londons sind inzwischen fest in polnischer Hand. Diese Leute arbeiten aber hart für ihr Brot und leben nicht von Sozialleistungen, die inzwischen im Vergleich zu den in Deutschland gezahlten schon fast üppig erscheinen. Dort gibt es nämlich Jobs für sie im Gegensatz zu Deutschland.

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