Frauen Schluss mit dem Streit!Seite 3/3

Die rundum entlastete Familie ist ein Glücksverhinderer

Auf solche Fragen stößt man nicht, wenn man sich im freien Luftraum eines abstrakten Familiendiskurses bewegt. Wir können uns diese Abstraktion nicht erlauben. Die Wahrheit ist für die Frauen immer konkret. Deswegen ist es höchste Zeit, unsere Flughöhe zu verlassen und im wirklichen Familienleben zu landen.

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Die Familie ist einer der letzten Zufluchtsorte. Sie ist keine Idylle, sie ist kein Puppenheim. Aber sie ist dem Ideal nach noch immer ein Gegenmodell zur Allgewalt der Ökonomie und der Beschleunigung. Sie organisiert sich nach dem Prinzip der Solidarität, nicht dem der Konkurrenz. Ihr Kapital ist der glücklich erlebte Augenblick, nicht das irgendwann erreichte Ziel, der abgearbeitete Dienstplan. Sie gehorcht dem Herzens-, nicht dem Effizienzprinzip.

Wenn sie diese Eigenschaften verliert, verliert sie sich selbst. Wenn sie sich nicht schützt, zerstört sie ihre Existenzgrundlage. Aber wie soll sie sich schützen? Wie kann sie ihre eigene Logik gegen die der Arbeitswelt behaupten? Darum wird es in der Zukunft gehen. Und nicht darum, weiterhin daran herumzurätseln, wie man die Frauen dem Arbeitsprozess teilweise oder ganz und gar entzieht, um sie als lebende Schutzschilder vor dem bedrohten Familienraum aufzustellen.

Der berühmte Satz von Tolstoj, dass alle glücklichen Familien sich glichen und alle unglücklichen auf ihre besondere Weise unglücklich seien, hat sich in unserer Zeit umgekehrt. Das Unglück der Familien ist strukturell, das Glück individuell geworden. Wir wären gut beraten, wenn es uns gelänge, die alten Tolstojschen Proportionen wiederzufinden, ohne uns in Tolstojsche Lebens- und Eheverhältnisse zurückzumanövrieren. Die rundum entlastete Einstundenfamilie, wie sie am Horizont moderner Familienpolitik aufscheint, ist ein struktureller Glücksverhinderer. Vorbildlich dazu geeignet, stromlinienförmige Berufsverläufe, Vereinsamung und Erschöpfung der braven Modernisierungsteilnehmer zu garantieren. Die durch Kinder unbehinderte Arbeitszeit der Eltern genießt allgemeine Anerkennung und staatliche Förderung, die durch Arbeit unbehinderte Familienzeit muss noch entdeckt – und geschützt werden. Denn ohne Familienzeit gibt es keine Familien. Und ohne Familien gibt es keine Kinder. Wer alles auf einmal haben will, wird bald gar nichts mehr haben. Nichts außer einer sensationell ausgestatteten Einsamkeit und einem verpassten Leben.

*Der Text ist ein Vorabdruck aus dem Buch »Die Schule der Frauen: Wie wir die Familie neu erfinden«, das DVA am 22. Februar herausbringt. Es führt den Essay »Der Preis des Glücks« fort, der im Leben, ZEIT Nr. 12/06, erschienen ist und auf den die Autorin zahlreiche Reaktionen bekommen hat

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Leser-Kommentare
  1. Die Männer müssen sich bewegen?
    Wir haben bereits eine aus gutem Grunde ständig wachsende Männerbewegung (siehe Manndat). Vielleicht berichtet die emanzipationsbestrebte ZEIT ja mal zur Abwechslung aus der Perspektive (inzwischen viel 'Unterschicht') dieser gesellschaftlichen Randgruppe.

  2. Das könnte hier von Bedeutung sein. Arbeiten alle Frauen, haben alle Kinder, wird und muss man prinzipiell für alle eine Arbeit haben, oder für keine. In einer wachsenden und nicht so stark entwickelten Gesellschaft gibt es dann immer allerhand einfache Tätigkeiten, wo man nach einer Erziehungs-Unterbrechung dann leichter wieder arbeiten kann. Nimmt die Zahl der Singles und von Frauen mit nur einem Kind zu (im Zeitalter der sicheren Verhütung hier eben), wird es zudem auf dem Arbeitsmarkt und in der Wirtschaft eng, und beschleunigt sich die allgemeine Entwicklung stark, dann kommen zumindest die Frauen und Familien mit mehreren Kindern prinzipiell besehen eben in gewisse Schwierigkeiten, die Frau Radusch ja immerhin anerkennt – nicht aber viele emanzipierte Frauen. Die schaffen das doch, und die Kinder leiden nicht darunter. Wenn nicht, tritt „Paragraph 1“ in Kraft. Das Problem ist ja, ganz allgemein gesagt, dass es einen Kampf um die Glücksmomente gibt. Deshalb wird man mit dieser Argumentation m.E. nicht durchkommen. Nach dieser Argumentation sollen andere Menschen auf irgendetwas, ihr Glück z.T. dann auch, verzichten, nur damit andere ein möglichst optimales Familienglück genießen können. Denn letztlich sagt uns die Autorin ja (auch nur), gebt mir Geld und Macht, also Zeit und später auch eine „bessere“ Arbeit – damit ich mit meiner Familie eine gewisse Zeit glücklich sein kann. Das muss Sie oder eben Ihr Mann sich, wenn Sie dies schätzt und sich wünscht, schon selbst erarbeiten, auf dem freien Markt mit seinen harten Spielregeln, und da wird man bei höher qualifizierten Berufen eben ein paar berufliche Nachteile in Kauf nehmen müssen, wenn man sich Zeit für Kinder nimmt. Nur bei der Kinderunterstützung könnte und müsste man hier m.E. etwas bewegen, bzw. die finanziellen Dinge mal klar und offen regeln, indem man eine freiwillig an eine Jungeltern-Unterstützungsversicherung koppelbare Rentenversicherung einführt, wo, warum auch immer, kinderlose Menschen vor allem, den jungen Eltern, (und wohl nur denen, die auch versicherungswürdig scheinen), Unterstützung in Form ihre Versicherungsbeiträge geben. Die Gruppe der unterstützten Kinder muss dann von ihrer Arbeitsergebnissen den Unterstützern eine Rente zahlen.

    Nochmal zur Populations-Dynamik. Es gibt, bei Mäusen, eine Situation, wo nach einer allmählichen Massenvermehrung es zu einem raschen Zusammenbruch der Population kommt. Ursache ist der hohe Stress innerhalb der allzu großen Populationsdichte.

    Ich bin mir nicht sicher, ob es Derartiges, vielleicht sogar bis hin zum (friedlich-wohlorganisiertem) Aussterben hier sogar, nicht auch beim Menschen geben kann.

  3. weit unter ZEIT-Standard.

  4. Gute Autorinnen unterstützen ist hilfreich, speziell dann, wenn sie, wie hier Frau Radisch, eine unpopuläre Position beziehen. Danke für das klare unterstützende Statement.

    Viele Grüße, Doro Böhm

  5. In ihrem Artikel „Schluss mit dem Streit!“, schreibt die Autorin Radisch, dass 'die' Männer 'uns' (Frauen) darüber aufklären, dass das Wechseln von Windeln ein erotisches Erlebnis höchster und seltenster Art ist. Nun interessiert es mich sehr, wie sich die erotische Komponente beim Wechseln von Windeln definiert. Wichtig zu wissen wäre es auch, welcher Mann Frauen solch ein Empfinden bei der Kleinkindbetreuung suggerieren möchte. Ich hätte da gerne, wie es beim Nutzen von Zitaten nicht unüblich ist, einen Namen.
    Ist es der Autorin ein Anliegen, dass die Männer (hier sind Männer als eine Gruppe angesprochen) begreifen, dass sie sich bewegen müssen, dann sehe ich es nicht gerade als eine Einladung für die entsprechende Klientel, wenn der Leser im Artikel mit 'uns Frauen' angesprochen wird.
    Stellt Frau Radisch weiterhin fest, dass außer Polemik in dieser Debatte nicht viel hervorgebracht wurde, dann ist dieses nur eine nützliche Erkenntnis, so sie selber in der Lage ist anders zu schreiben, als polemisch.
    Gibt es zweifelsohne die Notwendigkeit, sich zu bewegen um gemeinsam leben zu können, dann muss diese Bewegung von beiden Seiten ausgehen, von der männlichen, wie von der weiblichen Seite. Dafür ist es notwendig, dass beide Seiten miteinander sprechen, dass sich ein konstruktiver Dialog ergibt, der mehr ist, als ein militärisches Anweisen an vermeidliche Untergebene, aber auch mehr als das zur Schau tragen einer Rhetorik weiblicher Geschwätzigkeit.
    Keineswegs unabhängig von der Diskussion bezüglich der Rollenverständnisse Mann/Frau interessiert es mich als jemanden, der durch sein Studium derzeit einen beängstigend hohen Schuldenberg anhäuft, ob es in unserer Gesellschaft überhaupt möglich ist, gemeinsam Kinder zu haben. Es wäre schön zu erfahren, warum jenes für eine zweiundzwanzigjährige Studentin in Frankreich kaum ein Problem ist, jedenfalls keines, was negative Auswirkungen auf die Ausbildung und somit die Verwirklichung im weltlichen Beruf hat. Auch interessant zu wissen wäre es, warum wir es in Deutschland nicht hinbekommen, eine Kinderbetreuung nach skandinavischem Modell zu ermöglichen.
    Frau Radisch findet diesbezüglich Gründe in einer konservativen, vornehmlich von Männern geprägten Politik. Dass Frauen mit ihrem ganz persönlichen und freien Wahlrecht dazu beigetragen haben, dass diese Politik jahrzehntelang das Leben in der Bundesrepublik dominierte, beziehungsweise es immer noch im erheblichen Maße beeinflusst, kommt dabei nicht zur Sprache.
    Was bleibt ist die Erkenntnis, dass wenn wir unsere Vergangenheit nicht kennen wollen, wir auch zukünftig mit alten Fehlern leben müssen. Wollen wir diese Fehler nicht weiter akzeptieren, dann müssen wir daran arbeiten, sie zu beseitigen. Miteinander und nicht gegeneinander.

  6. weit unter ZEIT-Standard.

  7. weit unter ZEIT-Standard

  8. weit unter ZEIT-Standard

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