RAF Terroristen beim Therapeuten
Terroristen beim Therapeuten – die Zeile hatte das Zeug, beide zu verschrecken: die Terroristen, weil sie nicht als krank gelten wollten, und die Therapeuten, weil Terrorismus kein Fall für die Couch zu sein scheint. Trotzdem trafen sich – mal in geschrumpfter, mal in wachsender Zahl – fast sieben Jahre lang ehemalige Mitglieder von RAF und Bewegung 2. Juni mit wechselnden Therapeuten und Analytikern zu Gesprächsrunden. Offiziell endet die Gruppenarbeit im August 2003, in der ZEIT berichten jetzt erstmals Beteiligte über ihre Erfahrungen. Die vollständigen Texte erscheinen demnächst als Buch.
Liest man die Erfahrungsberichte der ehemaligen Terroristen, entsteht das Bild einer Gruppe von Menschen, die tief traumatisiert sind von der Vergangenheit, die sie selbst in Gang gesetzt haben. Günter Gaus’ eindrucksvolles Fernsehgespräch mit Christian Klar, 2001 im Gefängnis in Bruchsal geführt, belegte bereits mit Bildern, was auf dieser Seite in Worten eingefangen ist: Der viel beschworene, autopoetisch aufgeladene »bewaffnete Kampf« der RAF wurde in zwei Phasen geführt – in Freiheit mit der Waffe und im Gefängnis in Gedanken. Umstandslos hat die RAF ihre Fronten von außen nach innen verlängert – von der Freiheit in die Zellen und von der Straße in ihre Protagonisten.
Nicht selten haben deren Körper gestreikt. Oft physisch erkrankt, zum Teil persönlich zerrüttet und anfangs allenfalls tastend nach den Möglichkeiten eines Lebens ohne Kampf, so stellte sich das Bild der Ehemaligen der RAF nach Haftentlassung und Auflösung ihrer Organisation dar. Inzwischen sind bei manchen der Exhäftlinge bereits zehn Jahre in Freiheit vergangen. Einige wenige, die hier von sich berichten, haben die Jahre genutzt für die persönliche Spurensuche. Es war eine Suche nach dem Leben, das sie hatten, so sehr wie nach dem, das hätte sein können: Für manche richtete sich dieses Sehnen im Rückblick auf ein Leben ohne Terror, während andere ihrem Terror wohl nur mehr Erfolg gewünscht hätten.
Bis zur Frage der Reue ist keiner vorgedrungen. Es hätte dazu einer Erkundung der eigenen Schuld bedurft, die aber lag offenbar zu weit im seelischen Hinterland der Beteiligten, als dass sie bisher auf den klapprigen Rädern der Psychotherapie erreichbar gewesen wäre.
Trotzdem sprechen hier Menschen, die auch Opfer sind, obwohl sie zuerst Täter waren. Der Schrecken, der Terror der RAF wird durch diese Feststellung nicht geschmälert, im Gegenteil, er wird dadurch erst in seinen beiden furchtbaren Wahrheiten offenbar. Der heiße Terror, den die RAF übers Land brachte, fand seine Entsprechung in dem kalten Terror der Angst, der Verdächtigungen, der Verletzungen, die die Mitglieder der RAF sich selbst und einander zufügten.
Der Terror der RAF war eine Hölle, die am Ende auch die Seelen der Täter verzehrte.
Patrik Schwarz
»In allen Herzen Mördergruben«
-
Gespräche zwischen Exterroristen und ihren Therapeuten - ein Vorabdruck »
- Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
- Serie -
- Quelle DIE ZEIT, 15.02.2007 Nr. 08
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren