RAF »In allen Herzen Mördergruben«

Kann die Freiheit gelingen? Frühere RAF-Mitglieder beschreiben die Annäherung an ihre Schuld und das Erschrecken über sich selbst

Karl-Heinz Dellwo, geboren 1952. Mit fünf weiteren RAF-Terroristen stürmte er 1975 die deutsche Botschaft in Stockholm. 1977 wegen gemeinschaftlichen Mordes zu zweimal »lebenslänglich« verurteilt. 1995 entlassen.

Gabriele »Ella« Rollnik, geboren 1950. Terrorgruppe »Bewegung 2. Juni«. 1975 Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz. 1975 Festnahme. 1992 entlassen.

Knut Detlef Folkerts, geboren 1952. RAF. An der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback 1977 beteiligt. Im gleichen Jahr festgenommen. 1980 zu lebenslanger Haft verurteilt. 1995 entlassen.

Roland Mayer, geboren 1954. RAF. 1976 verhaftet. 1979 als Rädelsführer einer terroristischen Vereinigung verurteilt. Nach zwölf Jahren entlassen.

Die folgenden Passagen sind Auszüge aus den Erfahrungsberichten der Teilnehmer einer therapeutisch begleiteten Gesprächsgruppe, die sich über sieben Jahre hinweg getroffen hat.

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Im Gefängnis schien mir meine Situation mit der eines Astronauten vergleichbar zu sein. Der Hochsicherheitstrakt eine Raumstation, die um die Erde kreist, technische Verbindungen zur Außenwelt und Kontakt wie hin und wieder Funkverkehr. Vom gesellschaftlichen Alltag abgelöst ein Blick aufs Ganze, und oft nur Unverständnis über das Konkrete, was als Wahn und Irrwitz erscheint. So war die RAF auch: Sicht aus weiter Ferne. Sie verwarf die Veränderung des Unmittelbaren und suchte nach etwas völlig Neuem. »Sprung« war damals eine oft genutzte Metapher. Schon im Gefängnis dachte ich irgendwann: Wir sind gesprungen und nirgendwo angekommen. Wir sind gescheitert. Heute sage ich auch: »Zu Recht!« Karl-Heinz Dellwo

Nach fast sieben Jahren mit dieser Gruppe die vielleicht wichtigste Frage für mich: Warum bin ich die ganze lange Zeit immer hingegangen? Trotz der Heftigkeit der Auseinandersetzungen, trotz der vielen Verletzungen, trotz der Zähigkeit und Mühseligkeit, trotz der Enttäuschungen. Ein Aspekt hierfür war sicher die Hoffnung, irgendwann wieder über die Politik der RAF, die fast das ganze Leben bestimmt hat und auch dauerhaft bestimmen wird, reflektieren zu können. Vielleicht auch gerade wegen der ganzen Schwierigkeiten und Mühen? Vielleicht aber auch nur wegen des Entsetzens angesichts dessen, was da ans Tageslicht kam? Roland Mayer

Zu viel hatten wir getan, um uns aus der Verantwortung zu stehlen. Das erste Treffen glich einem Tigerkäfig: Das ehemalige Gefangenenkollektiv war zerstritten und unfähig zur Kommunikation. Ein deprimierendes Bild. Die unbesprochenen Widersprüche aus 20 Jahren waren explodiert und lagen als Trümmer zwischen uns. Der 18.10.77 (Tag der Stammheim-Selbstmorde, Anm. d. Red.) , Chiffre für alles Unaufgeklärte und Unbegriffene, hing über uns. Jeder wusste, wenn wir anfangen zu sprechen, kommt früher oder später alles auf den Tisch. Knut Folkerts

Eine zentrale Sitzung war für mich ganz zu Anfang noch, die, auf der K. H. die Feststellung traf, dass es in der RAF keine Freundschaft gegeben habe. Ich hatte bisher nicht in Frage gestellt, dass Freundschaft auf politischer Übereinstimmung basieren müsse. Ella Rollnik

Bei unseren Erinnerungen wurde deutlich: Das hohe Lied der Subjektivität und Kollektivität ist ein Zeichen für deren Abwesenheit. Das wirkliche Individuum, das wahre Kollektiv zeigt sich, wenn es drauf ankommt, einfach und direkt. Heute zählt mir Freundschaft mehr. Knut Folkerts

Natürlich war die RAF in ihrer Vermittlung nach außen ein politisch-militärisches Projekt. Nach innen, und das war für die meisten ebenso wichtig wie das Politische, sollte sie Keimzelle eines sozialen Projekts sein. Bestimmend war das Gefühl, Teil eines großen Aufbruchs zu sein. Roland Mayer

In allen Herzen war die Mördergrube. Karl-Heinz Dellwo

Interner Widerspruch war in der Gruppe nicht üblich und wurde auch nicht ausgehalten, sondern undiskutiert ausgegrenzt. (…) Diese Diskussionen, die darüber geführt wurden, dass die Einzelnen von uns sich funktional für den Kampf gemacht haben und dazu viel Lebendiges bei sich selbst abschneiden mussten, wurden schließlich von einem Teil der ehemaligen Gefangenen abgebrochen. Sie wollten letztendlich nicht über eigene Fehler, die eigene Politik kritisch reden, sondern hauptsächlich den Staat besonders in Bezug auf die Haftbedingungen, denunzieren. Ella Rollnik

Es herrschte ein regelrechter Darwinismus in unseren Kreisen, nach dem es nur der scheinbar Stärkste richtig machte. Zweifels- und kritikfreie Verkörperung von Integrität wurde bestimmten Personen zugeordnet. Des Königs neue Kleider wurden in unseren Kreisen gern getragen und bejubelt. (…) Vor dem Hintergrund des verbalen Anspruchs der Kollektivität waren wir einsame Wölfe. Freundschaften in unserem Zusammenhang waren nicht sehr gebräuchlich. Für »uneigentliche« Wünsche und Verlangen wie denen nach persönlicher Loyalität, Gemeinsamkeit, Bindung war sicherlich in der Legalität wenig bis gar kein Raum. (…) In der Illegalität, im bewaffneten Kollektiv sollte alles völlig anders sein. Selbst uns bekannte Menschen sollten mit der Waffe im Gürtel zu gänzlich neuen aufblühen. Wir, die Legalen, plapperten das brav nach, legten Zeugnis ab von unserer Begrifflosigkeit. Von anderen angesprochen auf unsere unfreien und kalten Strukturen, waren wir unzugänglich, abweisend und arrogant. Wir wussten wenig über uns, da jeder sich selbst und dem anderen etwas vormachte. NN, eine RAF-Unterstützerin

Ich erinnerte damals als Beispiel an L., der 1977 von der Liste der zu befreienden Gefangenen gestrichen wurde, weil er nach schweren körperlichen Quälereien durch Wärter in der JVA Bochum einen Hungerstreik abgebrochen hatte. Wer nicht alles durchhält, kann nicht kämpfen! Das war auch unsere Moral. In ihr gibt es auch die kalte Seite, alles auf Funktionalität für den Kampf zu reduzieren. Karl-Heinz Dellwo

Tatsache ist, dass offensichtlich alle traumatisiert sind. Eingestanden wird das aber wirklich nur als politisches Statement und bezogen auf das Erlebte in den Knästen, in der Isolation. Die Traumatisierung ist aber eine dreifache: durch den Knast und die Isolation, durch die Beziehungen in der RAF und in der Gruppe der Gefangenen und durch die Erfahrungen und Erlebnisse nach der Entlassung aus dem Knast. Die existentielle Dimension dieser Traumatisierungen wurde punktuell in dieser Gruppe deutlich durch Zusammenbrüche oder Beinahe-Zusammenbrüche. Roland Mayer

Ich bin mitverantwortlich für den Tod von zwei Botschaftsangehörigen. Hieran trägt jeder aus unserem Kommando die gleiche und ungeteilte Schuld. Im Gefängnis war mir irgendwann klar geworden, dass wir von keiner Gegengesellschaft oder Gegenmoral reden können, wenn dies die Möglichkeit von Geiselerschießungen und damit die vollständige Verdinglichung von Menschen beinhaltet. Es wäre nur eine barbarische Gesellschaft. Heute akzeptiere ich, dass unsere Handlungen verurteilt worden sind und Folgen für uns haben mussten. Es wird keine Legitimität konstruiert, wenn das eine Unrecht mit dem anderen aufgerechnet wird. Es zeigt nur zwei Situationen, die abzulehnen sind. Karl-Heinz Dellwo

In der Retrospektive: die totale Niederlage. Das politisch-militärische Projekt eingestellt. Die persönlichen Beziehungen zu fast allen der ehemaligen Genossinnen und Genossen verwüstet und zerstört. Schon jetzt, nur ca. zehn Jahre nach dem offiziellen Ende des Projekts, sind Fakten und Abläufe nur noch mühsam, teilweise schon gar nicht mehr rekonstruierbar. Roland Mayer

Es bleibt eine Grenze, und es bleibt eine Kränkung. (…) Der verlorene Kampf muss durch die Selbstbestrafung komplettiert werden, dass es heute nichts geben kann, was wie früher wäre. (…) Nach der Niederlage soll keiner den Versuch machen, als könne man mit weniger leben. Das ist die begriffslose, in der Vergangenheit angesiedelte Moral. Das begründet das Schweigen. (…) Da, wo früher Suchen und Selbsterforschung bis zum Exzess war, nach außen gekehrt und sichtbar gemacht, ist heute die Gegenreaktion die Lösung: ein verstecktes Leben mit zusammengebissenen Zähnen. Karl-Heinz Dellwo

Ich nehme es mir übel, dass ich mich nicht dafür entschieden habe, Dinge zu Ende zu denken und zu äußern, auch wenn es vielfach realistisch gesehen keine Möglichkeit gegeben hätte, zu intervenieren, Kritik zu äußern. Es wäre auf Exkommunikation, soziale und politische Isolierung hinausgelaufen. Aber gehen hätte ich können. NN, eine Unterstützerin

Zusammengestellt von Isabell Hoffmann und Patrik Schwarz

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Leser-Kommentare
    • SuFre
    • 21.02.2007 um 18:28 Uhr

    Ihre Beleidigung in Ihrem von der Zeit leider gelöschten Beitrag habe ich gelesen. Sie sprach - ebenso wie Ihre übrigen Beiträge, deren Sinn sich mir nicht so ganz erschlossen wollte (aber das mag an mir liegen) - für sich. Könnte es sein, dass Sie ein Problem haben, das sich ab und zu in (ich hoffe: nur) verbalen Injurien entlädt?

    Diese Frage muss angesichts des Themas, in dem es ja auch um Therapie ging und angesichts der der Entgleisung GStenkamps, in der er mich als Idiot bezeichnet hat, erlaubt sein. ;-)

  1. zutiefst bin ich deprimiert darueber, dass viele noch nicht einmal ahnen, was ich glaubte in meiner Sprache sagen zu muessen!

    Ich gebe den Menschen der deutschen Sprache den Blick frei auf ein nutzloses Mitglied der Gesellschaft!

    Ich habe bisher nichts erreicht und vermutlich wird es dabei bleiben!

    Zwecks Sprachschulung kann ich aber vielleicht doch noch dann und wann das eine oder andere leisten!

  2. Idiot!

    So trifft es ja am besten!

    Soll die Zeit mich eben streichen!

  3. Die RAF war also nicht rechtsradikal?

    Oho!

    Ich befuerchte doch sehr arg, jetzt mal mein Gehirn scannen lassen zu muessen!

    Es scheint ein Verbloedungsprozess bei mir einzutreten!

    Eine Chance habe ich aber noch: dass meine Bemerkung, Zeitredakteure haetten kein Interesse mit Rechtsradikalen zu sprechen und sie verstehen zu wollen, nicht auf die RAF gemuenzt war, sondern auf Rechtsradikale und die Zeit!

    Wo besteht Ihrer Meinung nach eine logische Notwendigkeit anzunehmen, ich haette mit rechtsradikal die RAF gemeint??

    Aber gut: ich lasse mich demuetigen: natuerlich bin ich zu bloed, um zu wissen, dass die RAF linksradikal sich nannte, linksradikal sich gab, aber rechtsradikal handelte!

    Moment: also radikal, das auf jeden Fall, ob jetzt rechts oder links, das haengt auch davon ab, ob ich von Norden oder Sueden schaue, weil das eine Drehung um hundertachtzig Grad impliziert!

    Haben Sie jetzt von Norden oder von Sueden geschaut?

    Sagen Sie mir das, und wir koennen weitermachen!

  4. Mir ist schon klar, dass die meisten Redakteure der Zeit keine Lust haben mit Rechtsradikalen zu sprechen: da hoert das Verstaendnis auf: sind ja Schweine oder sagen wir besser: Unantastbare, die man besser verrecken laesst!

    Nur so geht es nicht!

    Wer Verstaendnis zeigen will, muss es nach allen Richtungen zeigen!

    Nur wer einander versteht, hat die Chance, Frieden zu schliessen!

    Alles andere ist bekaempfen, ja ausrotten, sich in die Luft sprengen!

    • SuFre
    • 20.02.2007 um 18:51 Uhr

    @Lieber GStenkamp2:

    Besser informieren, bevor Sie hier etwas von Rechtsradikalismus faseln. Die RAF war - entgegen Ihrer Ansicht - nicht rechts- sondern vielmehr gaaaaaaanz doll linksradikal.

    Veie Spaß bei der weiteren geschichtlichen Analyse! Dadurch werden Sie klarer sehen. Ganz bestimmt.

    • WillyF
    • 20.02.2007 um 17:36 Uhr

    Ich glaube, Ihr ZEIT-Macher braucht langsam auch mal ne Therapie. Was versprecht Ihr Euch davon, rechtskräftig verurteilten Verbrechern ein Forum für ihre wenig ergiebigen, politisch verquasten Therapie-Ergüsse zu bieten? Ich gebe meinem Vorredner Recht. Ihr betreibt einen RAF-Kult, der durch nichts zu rechtfertigen ist, zumal Ihr Zitate von RAF-Schergen wiedergebt, die diese kundtaten, als sie von dem von ihnen so bezeichneten angeblichen 'Schweinesystem', das sie jahrelang aufs niederträchtigste bekämpft hatten, endlich freigelassen werden wollten.

    Richtig ist auch, dass sich bisher niemand aus der Medienwelt ernstlich um die Befindlichkeiten der Angehörigen der Opfer gekümmert hat. Eine lieblose ZEIT, der die durchsichtigen Therapie-Ergüsse der Täter offenbar wichtiger sind als die Situation der Opfer-Seite kann solche Bemühungen jedenfalls nicht für sich verbuchen.

    • Rellem
    • 20.02.2007 um 13:44 Uhr

    Hi @ll
    Mich würde mal interessieren ob sich auch nur ein Therapeut mit den Hinterbliebenen der Opfer befasst hat.
    Dieser Kult um die *ex RAF* Mitglieder ist hochgradig zum würgen.
    Was bitte ist an kaltschnäuzigen Mördern so besonderes?
    Diese missratenen Bürgersöhnchen/Töchterchen können froh sein das sie in der BRD gemordet haben,im Ostteil würde sich kein Therapeut mit ihnen befassen.
    Gruss
    Rene
    Gruss
    Rene

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