Weltreligionen Wie kommt ein Jude in den Himmel?Seite 4/4
Daraus folgt eine praktische Einsicht, die das Leben mit den 613 Ge- und Verboten etwas erträglicher macht: Wer mit dem Gesetz leben will, muss es auslegen, muss es neuen Bedingungen menschlicher Existenz anpassen können – dies aber nicht nach Lust und Laune, sondern regelhaft, vernunftbetont und im Einklang mit allen Beteiligten. Eben wie die Herren Joschua und Jeremiah, die sich gegen den autoritäts- und wundergläubigen Eliezer durchsetzten und dafür auch noch Gottes Segen einheimsten.
Dogma und Dehnung: Bei aller Wucht der Gesetzeslast (als Analogie zur christlichen Dogmatik) gilt das Prinzip Pikuach Nefesch, etwa »Rettung einer Seele«, das allergrößte Sicherheitsventil im Judentum. Geht es um Gesundheit oder Leben, können selbst am heiligen Sabbat fast alle Gesetze ausgehebelt werden – außer bei Mord, Götzendienst und verbotenem Sexualverkehr. Ein modernes Beispiel: Obwohl die Entheiligung der Toten durch Verstümmelung tabu ist, dürfen Organe entnommen werden, um ein Leben zu retten.
Auf Neudeutsch: In der ewigen Spannung zwischen Offenbarungsglaube und Moderne haben Moses und die Rabbinen das Judentum »gut aufgestellt«. Gegen einen unbeugsamen Fundamentalismus, der jeder Religion anhaftet, steht ein Pragmatismus, der in der Diesseitigkeit wurzelt und selbst den ganz Frommen, den »613ern«, eine Grundversorgung mit Elastizität sichert. Und in einem demokratischen Ur-Gefühl, das der Staatenlosigkeit des Judentums nach der Tempelzerstörung (70 nach Christus) geschuldet sein mag. So konnte nie eine unduldsame Staatsreligion im Verbund mit weltlicher Macht wie in Rom oder gar eine Theokratie wie im Islam entstehen. Die Trennung von Kirche und Staat, eine Errungenschaft der westlichen Moderne, haben die Juden, wenn auch nicht ganz freiwillig, schon vor knapp 2000 Jahren vorweggenommen: »Das Gesetz des Königreiches ist das Gesetz.«
Reformation und Aufklärung? Reformation war unnötig, weil deren Hauptprinzip – der direkte Weg zu Gott, »jedermann sein eigener Priester« – zum Judentum gehört wie Matze und Kippa. Es gibt keinen Papst und schon lange keine Priester mehr; der Rabbi ist Lehrer und Schiedsrichter. Jeder führt sein eigenes Gespräch mit Gott, wie das Stimmengewirr in der Synagoge zeigt (»hier geht’s ja zu wie in einer Judenschule«). Wie soll es auch anders sein, wenn man bedenkt, wie oft sich die Kinder Israel gegen ihren Moses und ihren Gott aufgelehnt haben, wie vollgepackt der Talmud mit seinen Sprüchen und Wider-Sprüchen ist? Deshalb auch: zwei Juden, drei Meinungen. Deshalb suchen die Juden ihren höchstpersönlichen Weg in den Himmel, auch wenn der ziemlich weit weg ist.
Aufklärung? Den Spagat zwischen Offenbarung und der neuen »Religion der Vernunft« hat das europäische Judentum – siehe Moses Mendelssohn – zeitgerecht im 18. Jahrhundert vollzogen (wiederum dank des Exils). Aber angelegt war er bereits in dem Disput zwischen dem wunderheischenden Eliezer und den Kollegen. Da sind alle Elemente der Aufklärung schon versammelt: die Unterscheidung zwischen Glauben und Vernunft, die Trennung der Reiche Gottes und des Menschen, die Abwehr des Übernatürlichen, die Skepsis gegenüber »denen da oben«, schließlich die Aneignung des Gotteswortes durch seine Kinder.
Über den Wunderglauben des Rabbi Eliezer machen die Juden heute noch Witze, siehe den Fall des Mannes, der täglich in der Synagoge fleht: »Bitte, lieber Gott, lass mich nur einmal im Lotto gewinnen.« Nach mehreren Stoßgebeten (die im Judentum verpönt sind) grollt die Stimme Gottes hinter dem Torah-Schrein: »Rubinstein, tu mir einen Gefallen und kauf dir einen Lottoschein.«
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- Datum 04.02.2008 - 04:35 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.02.2007 Nr. 08
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Es fehlt mir in dieser weitgehend augenzwinkernden, mit lässiger Hand geschriebenen Präsentation des Judentums dann doch der Hinweis auf das Wichtigste: Auf den (sozusagen) Artikel 1 des jüdi-schen GG: Die Nächstenliebe und die damit verbundenen (gewiß in Grenzen gehaltenen) Feindesliebe.
Im jüdischen Credo, dem Schma Jisrael, heißt es: Höre, Israel: Der Herr ist dein einziger Gott. / Und du sollst deinen Gott lieben, von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und allen deinen Kräften / Und deinen Nächsten wie Dich selbst.
Im Levitikus 19, 17-18 heißt es: Hasse Deinen Nächsten nicht in im Herzen! Du darfst Deinem Nächsten Verweise geben (wenn er dich beleidigt hat), trage ihm das Vergehen nicht nach. Du sollst Dich nicht rächen, auch nicht Zorn halten gegen die Kinder deines Volkes. Liebe deinen Nächsten so, wie du dich selbst liebst. Ich, der Ewige.
Ebenfalls im Levitikus 19, 33: Der Fremdling, welcher sich bei Euch aufhält, soll euch so wie ein Einheimischer sein. Du sollst ihn lieben, wie du dich selbst liebst. Denn auch ihr seid Fremdlinge gewesen im Land Mizrajim (Ägypten). Ich, der Ewige, euer Gott!
Es steht auf einem anderen Blatt, ob diese Stellen nur aus Platzgründen ausgelassen wurden.
hier zu kommentieren, denn nirgends schlägt die Zensur der zeit mehr zu als in Sachen Religion. Also bleibt bei ihrer Meinung, lasst nur keine Diskussion zu, und andere Gelehrte mitreden.
Ciao
Danke, Herr Joffe, für diesen schönen, langen und bedenkenswerten Artikel. Dazu hat er noch müttlerlichen und auch ein wenig altväterlichen Witz. -
Der hilft vielleicht, auf dem Weg von den ersten Verfassungen der Menschheit im geahnten göttlichen Angesicht, zu einer Verfassung der Menschen angesichts des je anderen Menschen zu gelangen. Damit heute die Lebenden ein Himmelreich auf Erden, zumindest erahnen können.
Gute Wünsche in diese Richtung.
Es fehlt mir in dieser weitgehend augenzwinkernden, mit lässiger Hand geschriebenen Präsentation des Judentums dann doch der Hinweis auf das Wichtigste: Auf den (sozusagen) Artikel 1 des jüdi-schen GG: Die Nächstenliebe und die damit verbundenen (gewiß in Grenzen gehaltenen) Feindesliebe.
Im jüdischen Credo, dem Schma Jisrael, heißt es: Höre, Israel: Der Herr ist dein einziger Gott. / Und du sollst deinen Gott lieben, von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und allen deinen Kräften / Und deinen Nächsten wie Dich selbst.
Im Levitikus 19, 17-18 heißt es: Hasse Deinen Nächsten nicht in im Herzen! Du darfst Deinem Nächsten Verweise geben (wenn er dich beleidigt hat), trage ihm das Vergehen nicht nach. Du sollst Dich nicht rächen, auch nicht Zorn halten gegen die Kinder deines Volkes. Liebe deinen Nächsten so, wie du dich selbst liebst. Ich, der Ewige.
Ebenfalls im Levitikus 19, 33: Der Fremdling, welcher sich bei Euch aufhält, soll euch so wie ein Einheimischer sein. Du sollst ihn lieben, wie du dich selbst liebst. Denn auch ihr seid Fremdlinge gewesen im Land Mizrajim (Ägypten). Ich, der Ewige, euer Gott!
Es steht auf einem anderen Blatt, ob diese Stellen nur aus Platzgründen ausgelassen wurden.
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