Verbraucherschutz
Bunt und riskant
Hautcreme, Lampen, Spielzeug: Die Zahl gefährlicher Produkte steigt.
Wer seine Haut eincremt, will sie pflegen – aber nicht mit einer »überhöhten Konzentration von Quecksilber«. Wie sie deutsche Behörden in jenen rot-blauen Cremedosen fanden, die sie vor wenigen Monaten aus dem Verkehr zogen.
Elektrische Luftentfeuchter sollen das Raumklima verbessern – aber nicht in Flammen aufgehen, weil die Stromkabel schlecht isoliert sind. So wie bei einer Reihe von Geräten, die der Gewerbeaufsicht Cuxhaven im November auffielen.
Kleinkinder lieben niedliche bunte Plastiktiere – allerdings sollten diese keine giftigen Stoffe enthalten. Wie es beispielsweise bei jenem Babyspielzeug der Fall war, das noch bis kurz vor Jahreswechsel bundesweit bei einem deutschen Discounter verkauft wurde.
Ob Deutschland oder Frankreich, Ungarn oder Finnland: In ganz Europa ist die Zahl gefährlicher Produkte in der jüngsten Vergangenheit »drastisch gestiegen«, wie die EU-Kommission bilanziert. Wöchentlich werden über das Meldesystem Rapex die Daten all jener Alltagsgegenstände veröffentlicht, bei denen Unternehmen oder Behörden in den einzelnen Mitgliedsländern ein gesundheitliches Risiko für die Verbraucher vermuten. Verkaufsverbote und Rückrufe gibt es mittlerweile zuhauf – für heiß laufende Handyakkus und fehlerhafte Airbags, für Schreibtischlampen mit Stromschlag-Gefahr und Kunststoff-Dekoartikel, die giftige Gase ausdünsten. 1051 Produktwarnungen wurden im vergangenen Jahr registriert, ein Zuwachs von mehr als 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Angesichts der kaum überschaubaren Menge von Produktneuheiten, die Jahr für Jahr in die Elektromärkte und Warenhäuser drängen, mag die Zahl niedrig und die persönliche Gefährdung einzelner Verbraucher gering erscheinen. Dennoch ist der Trend eindeutig. »Aus unserer Sicht belegt der Anstieg der Meldungen aber auch, dass das System immer besser funktioniert«, sagt Jim Murray, Chef des europäischen Verbraucherverbandes BEUC in Brüssel. Seit vor drei Jahren die ersten Produktwarnungen europaweit über Rapex veröffentlicht wurden, ist überhaupt erst erkennbar, wie es um die Sicherheit von Alltagsgegenständen bestellt ist. In den einzelnen Mitgliedsländern der Europäischen Union scheinen demnach höchst unterschiedliche Risiken auf die Verbraucher zu lauern. Ungarische Konsumenten zum Beispiel sollten den Kauf neuer Lampen vielleicht aufschieben: In nur einer Januarwoche fielen dort gleich fünf Modelle negativ auf.
Jedes zweite gefährliche Produkt stammt aus China
Die Warnungen sind keinesfalls übertrieben. Rapex ist kein Spielplatz für Hysteriker, die einen Blumentopf schon deshalb als lebensgefährlich betrachten, weil er vom Balkon fallen könnte. Die meisten Meldungen sind als serious risk klassifiziert: als gravierendes Risiko. So warnte erst kürzlich ein Autohersteller vor einem seiner neuen Modelle, weil die Bremsen »aufgrund einer Verunreinigung der Bremsflüssigkeit« nicht richtig funktionieren könnten.
Dass mehr und mehr gefährliche Produkte gefunden werden, erklären sich Experten unter anderem mit den zunehmenden Importen aus Fernost. »Dort haben viele Länder immer noch Probleme mit der Qualitätssicherung«, sagt Bernd Franke, Leiter des Bereichs Strategieentwicklung beim Prüfinstitut des Verbands der Elektrotechnik (VDE) in Offenbach. Die Statistik belegt: Fast jedes zweite gefährliche Produkt stammt aus China. Das ist wenig überraschend. Europa ist einer der größten Handelspartner der Volksrepublik und bezieht von dort Tausende Schiffsladungen mit Textilien, Haushaltselektronik und Plastiknippes. Ware aus heimischer Fertigung muss andererseits nicht besser sein. Auch ein aus Deutschland stammendes Reparaturset für Fahrradreifen findet sich bei Rapex, weil es krebserregende und erbgutschädigende Stoffe enthielt.
Besonders problematisch sind Produkte für die jüngsten Verbraucher – etwa jede vierte Warnung bei Rapex betrifft Spielzeug oder Kinderkleidung. Ein Beispiel dafür sind die orangefarbenen Plastik-Badeenten für Kinder ab drei Monaten, die Mütter und Väter zwischen Juli und Dezember vergangenen Jahres in den Filialen der stark expandierenden Firma Tedi aus Dortmund (»der sympathische Ein-Euro-Discounter«) erstehen konnten. Kaufpreis: 1,50 Euro. Produktionsort: China. Problem: chemische Weichmacher – fatal bei einem Produkt, das von Kleinkindern gern mal in den Mund genommen wird.
Ein zweites, ähnliches Spielzeug wurde aus demselben Grund vom Markt entfernt. »Im Rahmen von Behördenbesuchen waren bei diesen Artikeln Proben entnommen worden, bei denen leichte Überschreitungen der Grenzwerte festgestellt wurden«, sagt Carolin Steffens, Marketingleiterin bei Tedi. »Die von uns daraufhin freiwillig angestoßene Rückrufaktion gehört zu unserer Philosophie als Start-up-Unternehmen.« Grundsätzlich lege man »großen Wert darauf, dass die Ware bereits, bevor sie in den Handel gelangt, in Labortests überprüft wird«. Erst testen, dann verkaufen? Auf den Internetseiten des Unternehmens ist der Rückruf auf den 12. Januar 2007 datiert – also mehr als sechs Monate nach dem Verkaufsstart.
Ein Rauchmelder von Aldi drohte in Flammen aufzugehen
Rapex erlaubt es, Informationen über europaweit vertriebene Produkte schnell auszutauschen. Für die Behörden ist das vorteilhaft, aus Sicht der Unternehmen hingegen bedeutet jede Meldung eine große Unsicherheit. »Die Behörden der Mitgliedsländer ziehen daraus oft unterschiedliche Rückschlüsse. Was in einem Land als wenig risikoträchtig angesehen wird, kann in einem anderen einschneidende Maßnahmen auslösen«, kritisiert Rechtsanwalt Fabian Volz, Spezialist für Produktsicherheitsrecht bei der Großkanzlei Lovells in München. Andererseits zwingt diese Unsicherheit viele Firmen dazu, ihre Warenströme innerhalb der EU genauer zu überwachen – schon allein, um im Notfall reagieren zu können.
Wichtiger noch: Das Melderegister soll ökonomischen Druck erzeugen. »Werden Hersteller und Händler namentlich genannt, können diese sehr schnell ein Imageproblem bekommen«, sagt Anwalt Volz. Selbst für den Discountgiganten Aldi war es ein Rückschlag, als das Unternehmen im vergangenen Jahr nicht funktionierende – und damit letztlich brandgefährliche – Rauchmelder zurückrufen musste. Damit steigt der Anreiz für die Firmen, ihre Produkte freiwillig zu testen. Erst recht, weil staatliche Kontrolleure die öffentliche Aufmerksamkeit zunehmend auf bestimmte Warengruppen lenken. »Behörden wählen gezielt Produkte für Stichproben aus«, sagt Volz. »Vor Weihnachten wurden zum Beispiel sehr häufig Lichterketten kontrolliert – und natürlich hat man auch zahlreiche Negativbeispiele gefunden.«
Hilfreich ist die Erkenntnis, dass auch die Ängste der Verbraucher in Bezug auf ihre Haushaltsgerätschaften regional unterschiedlich verteilt sind. Das gilt offenbar weltweit: In den Vereinigten Staaten sei derzeit die Furcht vor brennenden Möbeln weitverbreitet, berichten Experten. Osteuropäer hingegen würden implodierende Fernsehgeräte als Problem betrachten.
Der öffentliche Druck scheint langsam zu wirken. »Chinesische Hersteller haben das Problem mittlerweile erkannt«, so Volz. »Erst im September vereinbarten China und die EU eine ›Roadmap for safer toys‹, um die Qualitätskontrollen bei der Spielzeugproduktion zu verbessern.« Europäische Behörden und Unternehmen schicken seitdem Experten nach Fernost, um in den dortigen Fabriken westliche Standards zu installieren und bei den Herstellern mehr Qualitätsbewusstsein zu wecken.
Ob und wann sich dies in einer sinkenden Zahl gefährlicher Produkte niederschlägt, ist jedoch ungewiss. Keine Behörde, egal in welchem Land, ist in der Lage, wirklich alle Alltagsprodukte auf ihre Qualität zu überprüfen. Eine Pflicht zur technischen Kontrolle von Alltagsgegenständen gibt es in Europa nicht. Nicht einmal der Preis gibt einen eindeutigen Hinweis auf die Sicherheit der gekauften Ware. »Billige Produkte müssen nicht zwangsläufig gefährlich sein. Aber schlecht verarbeitete sind das oft«, sagt VDE-Stratege Franke. Das Problem sei nur: »Für Verbraucher sind Mängel so gut wie nie zu erkennen. Ein Bügeleisen kann toll aussehen, aber wenn die Materialien schon bei niedrigen Temperaturen Feuer fangen, wird es gefährlich.«
Die zahlreichen Prüfzeichen, Siegel, Logos und Symbole sind allenfalls für jene Verbraucher eine Hilfe, die bereit sind, sich durch den Dschungel der Kriterien zu quälen. Überdies müssen sie wissen, dass nicht jedes Zeichen zwangsläufig eine hohe Qualität signalisiert (siehe Kasten). Das CE-Zeichen beispielsweise ist lediglich eine Art Reisepass für Alltagsgegenstände, ohne den diese in der Europäischen Union gar nicht verkauft werden dürfen.
Mit den beiden Buchstaben bescheinigt sich der Produzent selbst, europäische Sicherheitsvorschriften beachtet zu haben. Überprüft wird das im Regelfall dann nicht mehr. »Ob die CE-Kriterien tatsächlich erfüllt sind«, kritisiert Franke, »weiß nur der Hersteller.«
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- Datum 19.2.2007 - 10:46 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.02.2007 Nr. 08
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