»Was soll man einem Menschen antworten, der einem sagt, er gehorche lieber Gott als den Menschen, und der glaubt, in den Himmel zu kommen, wenn er einen erdrosselt?« Das war Voltaires berühmte Frage, und als würde die Zeit auf der Stelle treten, steht sie heute wieder im Mittelpunkt einer aufregenden Debatte unter europäischen Intellektuellen. Wie begegnen wir Gotteskriegern und gläubigen Verfassungsfeinden? Sollen wir sie, so der neueste Vorschlag, präventiv des Landes verweisen? Sollen wir sie mit Zwang zur Aufklärung bekehren?

Der britisch-niederländische Autor Ian Buruma hat über den Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh ein Buch geschrieben und versucht, nicht nur die Geschichte des Opfers, sondern auch die des barbarischen Mörders zu erzählen (Murder in Amsterdam, erscheint im März bei Hanser). Für diesen riskanten Versuch hat ihn der Historiker Timothy Garton Ash in der New York Review of Books herzhaft gelobt, Tenor: Europas Reaktion auf den Islam nehme selbst fundamentalistische Züge an. Es gebe einen neuen Fanatismus der Aufklärung, eine neue säkulare Arroganz, die von den Muslimen verlange, mit ihrer Religion Tabula rasa zu machen.

Über diese Sätze wiederum erregt sich der französische Essayist Pascal Bruckner. In einer wütenden Antwort klagt er Buruma und Garton Ash an, sie würden der vom Tod bedrohten Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali in den Rücken fallen und ihr vorwerfen, sie habe ein Credo durch ein anderes ersetzt – den Fanatismus der Propheten durch den Fanatismus der Aufklärung. Die Wogen schlagen hoch, und zu Recht ist Bruckner fassungslos darüber, dass Garton Ash sich die Popularität von Hirsi Ali unter anderem mit ihrem »exotischen Aussehen« erklärt.

Leider mündet Bruckners Angriff in einer atemlosen Beschimpfung des »aus Kanada stammenden Multikulturalismus« (womit der Philosoph Charles Taylor gemeint sein dürfte). Multikulturalismus, so Bruckner, sei eine Teufelsmischung aus Gleichgültigkeit und Relativismus. Nun, das ist ein auch hierzulande gern verbreiteter Irrtum, der selbst einer Publizistin wie Necla Kelek leichtsinnig aus der Feder fließt. Tatsächlich war Multikulturalismus auf dem Feld der Theorie der Versuch, den gordischen Knoten zu lösen: Wie muss eine Gesellschaft beschaffen sein, die die Rechte kultureller Minderheiten achtet – und gleichzeitig ihre Freiheitsrechte durchsetzt? Verschärft gefragt: Wie verfährt sie mit jenen, die diese Freiheitsrechte als Angriff auf ihre Religion deuten? Das ist die Frage aller Fragen, und vielleicht erwächst daraus in Europa ein zweiter großer Streit über das Verhältnis von Vernunft, Demokratie und Religion. Zweihundert Jahre nach Voltaire, nur unter einem neuen alten Titel: Multikulturalismus.