Wer in Wien einen besonders schönen Konferenzraum sucht, ist im Hochparterre des prunkvollen neugotischen Rathauses oder auf der Spitze des 160 Meter hohen, voll verglasten Millennium-Towers am Donauufer sicher nicht falsch. Der attraktivste Besprechungstisch aber steht im Palmenhaus der städtischen Blumengärten. Von Sittichen umschwärmt, tagt man hier auch im tiefsten Winter bei 26 Grad und mehr als 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, mit Blick auf einen kleinen Wasserfall, auf träge Leguane und Weißbüscheläffchen, die munter durch das saftig grüne Blätterdach tropischer Pflanzen turnen. Nirgendwo lässt sich entspannter über den Treibhauseffekt sprechen – und darüber, warum das neuartige Konzept, mit dem die österreichische Hauptstadt den CO 2 -Ausstoß eindämmen will, auch in Deutschland vorbildlich sein könnte. BILD

Es ist noch nicht lange her, da trugen die 66 Glashäuser, in denen 1,5 Millionen Blumen für Wiens repräsentative Parkanlagen herangezogen werden, im großen Stil zur Energieverschwendung bei. Die 1956 gebaute, hoffnungslos veraltete Anlage schluckte jedes Jahr Strom und Fernwärme für eine Million Euro. Seit diesem Winter sind es nur noch 800.000. Stolz führt Betriebsleiter Robert Fahsel die zentrale Computersteuerung vor, mit der Heizung, Beleuchtung und Lüftung optimal auf die Wetterbedingungen abgestimmt werden. 50 Kilometer Kabel wurden dafür verlegt, zwölf automatische Schattierschirme installiert, Rohrleitungen gedämmt und das Bewässerungssystem erneuert.

Wie viel das alles gekostet hat, kann der Stadt egal sein. Denn bezahlt und durchgeführt wurde die energetische Komplettsanierung von Siemens Bacon, einem sogenannten Contractor. Vertraglich hat er die Senkung des Energieverbrauchs um 20 Prozent zugesichert und darf dafür die eingesparten Kosten bis zu einem Höchstbetrag von 2,8 Millionen Euro behalten. Sobald diese Summe erreicht ist, spätestens aber nach 14 Jahren, endet der Vertrag. Danach profitiert die Stadt von den gesunkenen Energiekosten.

Die schlimmsten Klimasünden sind die Bauten der fünfziger bis siebziger Jahre

Das Beispiel ist typisch für das gewaltige Potenzial, das in Effizienzmaßnahmen schlummert. 40 Prozent des europäischen Energieverbrauchs könnten mit Wärmedämmung und verbesserter Technik ohne Abstriche am Komfort eingespart werden. Die Hälfte dieser Maßnahmen würde sich vollständig amortisieren oder sogar einen Überschuss abwerfen. Fachleuten ist längst bekannt, dass ein »Negawatt« – so nennt der amerikanische Physiker Amory Lovins die eingesparte Energie – weit preisgünstiger zu haben ist als ein Megawatt aus erneuerbaren Quellen. Doch die Erkenntnis hat sich in den Klimaschutzprogrammen, die Nationalstaaten, Bundesländer und fast alle europäischen Großstädte inzwischen verabschiedet haben, noch nicht richtig niedergeschlagen.

Auch in Wien werden schon seit 1978 Energiekonzepte erstellt. Trotzdem ist der Gesamtverbrauch der Stadt von 1993 bis 2003 um 24 Prozent angestiegen und würde ohne staatlichen Eingriff bis 2015 noch einmal um 12 Prozent zulegen. Um das zu verhindern, hat der Magistrat der 1,6-Millionen-Metropole Fachleute aus der Praxis zusammen mit Umweltverbänden, Politikern und Wissenschaftlern auf die 30 Stühle eines runden Tisches gerufen. Zwei Jahre später war das Städtische Energieeffizienz-Programm (SEP) fertig und konnte Mitte 2006 vom Stadtparlament einstimmig verabschiedet werden.