Schriftzeichen Karthagische Schule
Der Münchner Germanist Theo Vennemann glaubt, den Ursprung der germanischen Schrift gefunden zu haben – sie kam mit den Phöniziern in den Norden.
Glaubt man germanischen Mythen, dann stammen die Runen von Göttervater Odin höchstpersönlich. Der rammte sich zum Zweck der Bewusstseinserweiterung einen Speer durch den Leib und hängte sich daran auf. Die Visionen, die er während dieser Extrem-Meditation empfing, lehrten ihn, wie man Runen ritzt – und ihre magische Macht nutzt.
In der historischen Realität jedoch lässt sich die Frage nach der Entstehung der ältesten germanischen Schrift nicht so eindeutig beantworten. Zwar sind sich die Wissenschaftler einig, dass die Germanen die spitzwinkligen Zeichen nicht selbst erfanden, sondern eine Vorlage abwandelten. Ob es nun das griechische, etruskische oder lateinische Alphabet war, die alle auf die phönizische Schrift zurückgehen – darüber streiten die Gelehrten. Keine Variante setzte sich durch, auch wenn die Mehrheit der Forscher heute die Latein-Lösung bevorzugt.
Doch nun kommt Bewegung in die sonst so beschauliche Runologen-Szene: Der Münchner Germanistikprofessor Theo Vennemann hat eine These entwickelt, die die herkömmlichen Lehrmeinungen über den Haufen wirft. Danach waren es weder Griechen noch Römer oder Etrusker, die die Germanen zum Runenschreiben inspirierten, sondern die Phönizier selbst, genauer gesagt die Karthager. Bevor die Großmacht von den Römern am Ende des 3. Jahrhunderts vernichtend geschlagen wurde, beherrschte sie mit ihrer starken Kriegs- und Handelsflotte Teile Nordafrikas, Spaniens und die großen Inseln des westlichen Mittelmeers. Vom heutigen Cádiz aus unternahmen die Karthager auch Expeditionen in den atlantischen Norden.
Die Konsequenzen der Karthager-Theorie sind beträchtlich. Datiert man bislang die Geburt der Runenschrift auf das 2. Jahrhundert nach Christus, so verlegt Vennemann ihren Beginn in die Zeit zwischen 500 und 200 vor Christus.
Belegt ist, dass die Karthager in dieser Epoche Expeditionen zu den Britischen Inseln unternahmen, wo Metallvorkommen lockten. In Vennemanns Szenario gründeten sie außerdem Handelsniederlassungen an der kontinentalen Nordseeküste und kamen so in intensiven Kontakt mit der germanischen Bevölkerung. Deren Elite übernahm von ihnen nicht nur die Buchstaben, sondern lernte auch die phönizische Sprache, die wie Hebräisch oder Arabisch zur semitischen Sprachfamilie gehört.
- Datum 22.02.2007 - 11:23 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.02.2007 Nr. 09
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Es ist schwierig, den Artikel zu kommentieren, wenn man Vennemann nicht selbst gelesen hat - eine Quellenangabe zu seinem Aufsatz wäre da hilfreich gewesen.
Es ist auf jeden Fall mal eine neue und spannende Theorie, aber mir stellen sich da noch einige Fragen:
- Buchstabennamen: die Phöniker scheinen ihre Buchstaben nach Dingen benannt zu haben, denen sie ähnlich sahen (Stier, Haus, Kamel, ...) und der Anlaut dieser Worte entsprach dem Lautwert des Buchstabens. Die Germanen hätten dann also die Buchstabenform übernommen, wobei sie auch die Entsprechung zwischen Buchstabennamen und Lautwert beibehielten? Eigentlich ein schöner Gedanke, aber er vernachlässigt, daß dabei die einprägsame bildhafte Beziehung zwischen Buchstabenform und Buchstabennamen, die es im Phönikischen gab, aufgegeben wurde. Warum sehen denn Runen nicht so aus, wie sie heißen? (Denn eine F-Rune sieht nun nicht mehr wie ein Rind aus und die Rune für nasaliertes a sieht nicht wie ein Ase aus, aber das beth-Zeichen sieht wie ein Haus aus und das gimel-Zeichen wie ein Kamel - naja, mit etwas Phantasie jedenfalls :-) Es ist verführerisch, daß diese Hypothese auf den Blick, d.h. beim ersten Buchstaben, scheinbar hinhaut, ABER: bei den restlichen Buchstabennamen scheint es keine weiteren Übereinstimmungen mit den phönikischen Namen mehr zu geben, und auch beim ersten Buchstaben ist doch der Name der u-Rune (uruz = Auerochse) eigentlich eine ebensogute, wenn nicht bessere Übersetzung von phönikisch Rind, als der Name der f-Rune (fehu = Vieh)
- wenn man die Runen plötzlich um 500-700 Jahre älter macht, müsste man erklären, warum ihre Kenntnis umso viel länger einem arkanen Zirkel von Schriftmeistern vorbehalten geblieben sein soll: man wußte doch von den Karthagern um die wirtschaftliche Bedeutung der Schrift? Und wer sagt eigentlich, daß 'nur eine kleine Elite der Germanen ... die Runenschrift' beherrschte (s. Artikel)? Zumindest im Mittelalter waren Runen offenbar eine völlig alltägliche Schrift, wie die Bergen-Funde belegen
- das Phänomen 'Ablaut' ist in den meisten indogermanischen Sprachen bekannt: wenn es hier als Argument für sprachliche Beeinflussung genannt wird, müssten die Prinzipien im Phönikischen schon sehr deutlich mit germanischen Verhältnissen übereinstimmen: kann hier vielleicht jemand Phönikisch und etwas mehr dazu sagen?
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