Schriftzeichen Karthagische SchuleSeite 4/4
Der sprachliche Einfluss der phönizischen Handelsherren reichte möglicherweise bis in die Grammatik. Das System der Ablaute, das gerade im Deutschen bei den starken Verben eine so große Rolle spielt, könnte von ihnen stammen. Denn während diese grammatischen Muster in der indogermanischen Sprachfamilie eine Besonderheit darstellen, sind sie ein Hauptkennzeichen der semitischen Sprachen. Die phönizischen Siedler, so lautet Vennemanns Theorie, lernten zwar Germanisch, stülpten ihm aber unbewusst ihr eigenes Ablautschema über. Ihr Prestige sorgte dafür, dass dieses »Ausländer-Germanisch« allmählich auch von den Einheimischen übernommen wurde.
Ein zusätzliches Argument bezieht Vennemann aus zahlreichen religiösen Übereinstimmungen. Dazu gehört zum Beispiel Odins Sohn Balder, dessen Name und Charakter als »sterbender Gott« verdächtige Ähnlichkeiten mit dem semitischen Ba’al aufweist. »Die Berührungspunkte zwischen der germanischen und der semitischen Sprach- und Kulturwelt waren den Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts durchaus bewusst«, sagt Theo Vennemann. »Dass sie im 20. Jahrhundert weitgehend ›vergessen‹ wurden, hatte ideologische Gründe.«
Runenschrift - Elitäres Abc
»Rune« bedeutet »Geheimnis«. Es steckt im Wort »raunen« ebenso wie in »Gudrun« oder »Sigrun«. Runen wurden in Stein, Knochen, Holz oder Metall geritzt. Das englische »to write« wurzelt im germanischen »writan«, dem »Runen ritzen«.
Das Runenalphabet wird nach seinen ersten sechs Lauten »Fuþark« genannt, ähnlich wie unser Alphabet nach den drei ersten Buchstaben Abc heißt. Der þ-Laut entspricht dem englischen th. Das »ältere Fuþark« der Germanen bestand aus 24 Runen. Im 8. Jahrhundert schrumpfte ihre Zahl auf 16, die das »jüngere Fuþark« bilden.
Nur eine kleine Elite der Germanen beherrschte die Runenschrift. Benutzt wurde sie vor allem für Namen, kurze Mitteilungen, Sprüche oder magische Formeln. Längere Texte wurden nicht mit Runen geschrieben. In den heute deutschsprachigen Gebieten kamen die Runen bereits im 7. Jahrhundert aus der Mode. In den nordischen Ländern hingegen entwickelten sie sich zu einer Alltagsschrift, die in einigen Regionen bis in die Neuzeit verwendet wurde.
Etwa 6500 Runeninschriften wurden bislang gefunden, die meisten davon in Skandinavien. Dort wurden auch die ältesten entdeckt – sie stammen aus dem 2. Jahrhundert nach Christus. Andere Funde wurden in Deutschland, England, Irland und den Niederlanden gemacht. Durch die Wikinger gelangten Runen sogar nach Russland und Griechenland.
- Datum 22.02.2007 - 11:23 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.02.2007 Nr. 09
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Es ist schwierig, den Artikel zu kommentieren, wenn man Vennemann nicht selbst gelesen hat - eine Quellenangabe zu seinem Aufsatz wäre da hilfreich gewesen.
Es ist auf jeden Fall mal eine neue und spannende Theorie, aber mir stellen sich da noch einige Fragen:
- Buchstabennamen: die Phöniker scheinen ihre Buchstaben nach Dingen benannt zu haben, denen sie ähnlich sahen (Stier, Haus, Kamel, ...) und der Anlaut dieser Worte entsprach dem Lautwert des Buchstabens. Die Germanen hätten dann also die Buchstabenform übernommen, wobei sie auch die Entsprechung zwischen Buchstabennamen und Lautwert beibehielten? Eigentlich ein schöner Gedanke, aber er vernachlässigt, daß dabei die einprägsame bildhafte Beziehung zwischen Buchstabenform und Buchstabennamen, die es im Phönikischen gab, aufgegeben wurde. Warum sehen denn Runen nicht so aus, wie sie heißen? (Denn eine F-Rune sieht nun nicht mehr wie ein Rind aus und die Rune für nasaliertes a sieht nicht wie ein Ase aus, aber das beth-Zeichen sieht wie ein Haus aus und das gimel-Zeichen wie ein Kamel - naja, mit etwas Phantasie jedenfalls :-) Es ist verführerisch, daß diese Hypothese auf den Blick, d.h. beim ersten Buchstaben, scheinbar hinhaut, ABER: bei den restlichen Buchstabennamen scheint es keine weiteren Übereinstimmungen mit den phönikischen Namen mehr zu geben, und auch beim ersten Buchstaben ist doch der Name der u-Rune (uruz = Auerochse) eigentlich eine ebensogute, wenn nicht bessere Übersetzung von phönikisch Rind, als der Name der f-Rune (fehu = Vieh)
- wenn man die Runen plötzlich um 500-700 Jahre älter macht, müsste man erklären, warum ihre Kenntnis umso viel länger einem arkanen Zirkel von Schriftmeistern vorbehalten geblieben sein soll: man wußte doch von den Karthagern um die wirtschaftliche Bedeutung der Schrift? Und wer sagt eigentlich, daß 'nur eine kleine Elite der Germanen ... die Runenschrift' beherrschte (s. Artikel)? Zumindest im Mittelalter waren Runen offenbar eine völlig alltägliche Schrift, wie die Bergen-Funde belegen
- das Phänomen 'Ablaut' ist in den meisten indogermanischen Sprachen bekannt: wenn es hier als Argument für sprachliche Beeinflussung genannt wird, müssten die Prinzipien im Phönikischen schon sehr deutlich mit germanischen Verhältnissen übereinstimmen: kann hier vielleicht jemand Phönikisch und etwas mehr dazu sagen?
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