Die gewaltigen neuen Guanghua-Türme auf dem Campus der Fudan-Universität in Shanghai spiegeln mehr als das Selbstbewusstsein einer wissenschaftlichen Einrichtung, die ihr Soll an nationaler Elitebildung erfüllt. Die Zwillings-Wolkenkratzer mit dem gräkoromanischen Prunk signalisieren den Anspruch Chinas, eine Wissensgesellschaft zu sein – und den Willen, der Wissenschaft eine wichtige Rolle in der Gesellschaft zuzuweisen. Vor den Türmen erstreckt sich ein großer freier Platz, auf dem man Paraden abhalten kann. Konfuzianische Schüler und Studenten zollen dem chinesischen Gelehrten Konfuzius Respekt - der Geburtstag des Philosophen wird nicht nur gefeiert, wenn er rund ist. In diesem Jahr wäre Konfuzius 2558 Jahre alt geworden BILD

In den vergangenen zehn Jahren vervielfachte China seine Akademikerrate, die Wirtschaft kann auf eine verlässliche Versorgung mit Ingenieuren und Ökonomen zählen, die Eliteuniversitäten des Landes finden in immer mehr Fächern den Anschluss an die internationale Spitze. Die Zustimmung zum nationalen Projekt des Wirtschafts- und Bildungsaufbruchs scheint ungebrochen zu sein, schon gar unter Akademikern. Trotzdem fragen sich auch Chinesen immer häufiger, was ihre Gesellschaft eigentlich zusammenhält – wenn es denn der Marxismus offensichtlich nicht mehr ist und der Wille zum Wohlstand die sozialen Fliehkräfte inzwischen eher verstärkt als mildert.

Die chinesische Gesellschaft wird vom Gefühl eines tief greifenden Sinndefizits heimgesucht. Also erfindet das Land heute seine Traditionen neu, teils unsicher und tastend, teils aber auch ziemlich ungestüm. Viertausend Jahre Geschichte sollen den Grund für ein stabiles Selbstwertgefühl bilden. Den Geisteswissenschaften wird ausdrücklich die Aufgabe zugewiesen, diese kulturelle Kontinuität herzustellen.

Was nicht einfach mit einem Federstrich angeordnet werden kann. Mehrmals kappte China im 20. Jahrhundert seine Wurzeln in die Vergangenheit, zuletzt die in Maos Kulturrevolution, deren Ende erst 30 Jahre zurückliegt. Mehrfach verstieß es seine geistigen Eliten. Die Intelligenz ist vorsichtig geworden – und heute dennoch erstaunlich selbstbewusst. Der Pluralismus der Ideen lässt sich auch in China nicht wieder kassieren. Dabei erfreuen sich die Geisteswissenschaften offiziell großer Hochschätzung. Man erwartet etwas von ihnen, anders als in Deutschland, wo keiner mehr weiß, wozu sie gut sein sollen.

Der Marxismus spielt weiterhin eine große Rolle. Aber nicht die einzige

In China sind sie zwar ein Werkzeug der Gesellschaftsplanung, aber wer denkt, sie wären immer noch ein ideologisches Bollwerk, der irrt. Das Bild ist vielfältiger. So eröffnen sich Blicke auf ganz erstaunliche geistige Idyllen. Nach sowjetischem Vorbild richtete sich China vor Jahrzehnten in Peking Akademien ein, die der Regierung direkt unterstehen, eine für Naturwissenschaften und eine für Sozialwissenschaften. Ihre Aufgabe sei Grundlagenforschung, erklärt Professor Liu Liqun von der sozialwissenschaftlichen Akademie. Manchmal schneit ein politikberatendes Projekt herein, im Wesentlichen arbeiten die 3000 Wissenschaftler aber eher als Privatgelehrte.

Ein lange nicht gehörter Satz fällt: »Wir haben genug Geld.« Eine mit ausländischer Literatur und Zeitschriften großartig ausgestattete Bibliothek, etwa eine Million Bände, harrt einer intensiveren Benutzung durch Studenten. Man gibt sich weltoffen. Professor Liu meint, dass die Geisteswissenschaften seit den Dengschen Reformen geradezu einen »Boom« erlebten. Tatsächlich wurden die Kapazitäten an den maßgeblichen Pekinger und Shanghaier Universitäten seit den frühen Neunzigern etwa verdoppelt.

Akademischer Austausch ist möglich und erwünscht. Es versteht sich, dass an einer so staatsnahen Einrichtung der Marxismus weiter eine große Rolle spielt. Aber eben nicht länger die einzige. Professor Liu erklärt, was »Grundlagenforschung« heute bedeutet: die Kenntnisnahme westlicher Denkrichtungen, Theorien und Methoden, verbunden mit dem Versuch, sie in einen unverzichtbaren restmarxistischen Rahmen zu integrieren. Vor allem, sie mit der wiederbelebten chinesischen Tradition in Verbindung zu bringen. Will sagen: der konfuzianischen.