Die Zukunft der Natur (1) Die Monster, die wir selber schufen

Die vorherrschende Form von Politik ist heute die Politik der Angst: Wir haben Angst vor Einwanderern, vor anderen Ethnien oder Religionen. Wir haben Angst vor Verbrechen, vor der Macht des Staates, Angst vor Belästigungen und Übergriffen. Und wir haben Angst vor einer Katastrophe, die unsere Zivilisation umwälzen oder gar zerstören könnte.

Heutzutage streben Wissenschaft und Technik nicht mehr nur danach, die vorgefundene Natur zu beherrschen. Sie wollen etwas Neues erschaffen, das besser und stärker ist als die normale Natur und damit auch als wir selbst. Dafür steht zum Beispiel die obsessive Beschäftigung mit künstlicher Intelligenz, also der Versuch, ein Gehirn zu erfinden, das dem des Menschen weit überlegen ist. Solche Obsessionen machen den Begriff der »zweiten Natur« heute so zwingend. Wenn wir von »zweiter Natur« sprechen, meinen wir zunächst einmal künstlich erzeugte Monstrositäten wie deformierte Kühe, oder um einen positiveren Traum zu nennen genetisch veränderte Organismen, die wir für unsere Zwecke »optimiert« haben. Doch der Begriff der »zweiten Natur« meint noch etwas anderes: dass uns unsere eigenen Handlungen entgleiten und dabei etwas Monströses entsteht, das über ein unkontrollierbares Eigenleben verfügt. In diesem Fall ist es nicht die Macht der Natur, die uns in Schock- und Schreckzustände versetzt es sind die nicht vorgesehenen Ergebnisse unseres eigenen Tuns, die Entsetzen auslösen. Wir erschrecken vor den Folgen unserer eigenen Autonomie.

Neu an unserer derzeitigen Situation ist, dass sich diese beiden Bedeutungen von »zweiter Natur« auf unheilvolle Weise verbinden. Es gibt zum einen den gesellschaftlichen Prozess, der sich über unseren Köpfen verselbstständigt und zu einer verhängnisvollen zweiten »Natur« erstarrt, die wir mit den Mitteln der Politik kaum mehr steuern können. Dieser autonom gewordene gesellschaftliche Prozess erzeugt nun gleichzeitig natürliche Monstrositäten zum Beispiel die Klimakatastrophe. Was außer Kontrolle zu geraten droht, ist nicht mehr nur der Prozess der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung, es sind die »natürlichen« Vorgänge selbst von der Erderwärmung bis hin zu den unabsehbaren Folgen der Genmanipulation.

Und wie reagieren wir auf diese Bedrohungen? Indem wir sie einfach verleugnen. Natürlich wissen wir es, aber wir glauben nicht wirklich daran. Nehmen wir das Beispiel der Erderwärmung: Angesichts der wissenschaftlichen Erkenntnisse besteht das Problem nicht in einer Unsicherheit in der Sache, sondern in unserer Unfähigkeit zu glauben, dass dergleichen Prognosen wirklich eintreten könnten. Wir haben also nicht ein Problem mit unserem Wissen, sondern mit unserem Glauben.

Denn sobald wir aus dem Fenster schauen, sind wir wieder beruhigt: Wir sehen Gras und blauen Himmel, die Natur folgt ihrem Rhythmus. Es ist wie nach Tschernobyl: An Ort und Stelle sieht die Welt so aus wie eh und je, und doch wissen wir, dass etwas nicht stimmt. Die Veränderung, mit der wir es heute zu tun haben, findet nicht auf der Ebene der sichtbaren Realität statt. Vielmehr ist die Beschaffenheit der Wirklichkeit selbst von einer tiefgreifenden Veränderung betroffen.

Für unsere Ungläubigkeit sollten wir aber nicht einfach die moderne Wissenschaftsideologie verantwortlich machen. Sie hat schon immer versucht, uns das Unbehagen an der wissenschaftlich-technischen Zivilisation auszutreiben, den Zweifel des gesunden Menschenverstands.

Das Problem liegt tiefer. Das Problem ist unser gesunder Menschenverstand selbst, sein unbeirrbares Vertrauen in die natürliche Lebenswelt. Er hat sich so sehr an sie gewöhnt, dass es ihm schwerfällt, einen radikalen Gedanken wirklich zu denken: dass der natürliche Fluss der alltäglichen Realität einmal unterbrochen werden könnte.

Wir können uns also weder auf die wissenschaftliche Geisteshaltung noch auf unseren gesunden Menschenverstand verlassen. Das wissenschaftliche Denken vertritt eine nüchterne, objektive Abschätzung von Gefahren und Risiken in einem Bereich, in dem eine solche Abschätzung effektiv nicht möglich ist. Und der Alltagsverstand wehrt sich gegen den Gedanken, es könne wirklich zu einer Katastrophe kommen. Für uns heißt das: Wir müssen unser ursprüngliches Weltvertrauen »verlernen«, das Gefühl, unverbrüchlich in die Lebenswelt eingelassen zu sein. Denn was einmal Quelle der Weisheit war, ist heute zur Gefahrenquelle geworden. Wir sollten »erwachsen werden« und lernen, diese letzte Nabelschnur, die uns mit unserer Lebenswelt verbindet, zu durchtrennen. Das Problem mit der wissenschaftlich-technischen Geisteshaltung ist nämlich nicht, dass sie so abgehoben von unserer Lebenswelt ist. Das Problem ist vielmehr der abstrakte Charakter dieser Abgehobenheit, der die Blindheit unseres Weltvertrauens nur noch verstärkt.

Noch einmal: Die Herausforderung unserer Gegenwart besteht nicht darin, dass wir uns wieder vor Augen führen müssten, wie sehr wir in unsere Lebenswelt eingelassen sind. Sie besteht im Gegenteil darin, sich aus dieser Einbettung loszureißen und den radikalen Abgrund unserer Existenz anzuerkennen. Nichts ist mehr gewiss.

In seinen Vorlesungen zur Philosophie der Natur nennt Hegel die Wurzeln einer Pflanze ihre »Eingeweide«. Im Unterschied zum Tier hat die Pflanze ihre »Eingeweide« außerhalb ihrer selbst im Erdboden - sie kann ihre Wurzeln nicht abschneiden und frei umherstreifen, es wäre ihr Tod. Sind wir Menschen, solange wir in eine vorreflexive symbolische Lebenswelt eingebettet sind, nicht auch so etwas wie »symbolische Pflanzen«? Gleicht unsere Lebenswelt nicht auch einem symbolischen Eingeweide, das außerhalb unserer selbst zu liegen scheint? Und besteht die wahre ökologische Herausforderung nicht darin, den Übergang von Pflanzen zu Tieren auf symbolischer Ebene zu wiederholen? Das allerdings würde bedeuten, dass wir unsere symbolischen Wurzeln durchtrennen und den Abgrund unserer Freiheit akzeptieren müssten.

Der Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Zizek ist internationaler Direktor am Birkbeck-Institut in London

Aus dem Englischen von Michael Adrian

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.09 vom 22.02.2007, S.48
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