Frankreich

Paris en rose

Männer sind Edith Piaf bis heute verfallen, Frauen hören an ihrem Grab ihre Lieder. Ein Spaziergang vom Eiffelturm nach Belleville, wo die Erinnerung fortlebt.

Als der Eiffelturm noch das höchste Bauwerk der Welt war und dem Pariser Westen mehr Glanz als je zuvor verlieh, wurde am anderen Ende der Stadt Edith Giovanna Gassion geboren. Belleville im Jahr 1915 – das bedeutete Rotwein in der Nuckelflasche für die Säuglinge, viel Prügel und keine Bildung, rachitische Kinder und rheumatische Erwachsene. Die Bourgeoisie blickte mit Abscheu auf die kommunistischen Arbeiter, während die Bänkelsänger des Quartiers sich als verkrachte Existenzen in Szene setzten: »Belleville ist das verfluchte Viertel. Das ist Dantes Hölle.«

Edith entkam der Hölle. Sie schaffte den Sprung vom verpönten Osten in den feinen Westen. Als sie 1963 im Alter von 47 Jahren starb, hatte sie ein Vierteljahrhundert in enger Nachbarschaft zum Eiffelturm gewohnt. Der war als die Nummer eins unter den Türmen zwar längst vom Empire State Building abgelöst worden. Doch Edith, die mit ihren 1,47 Metern immer so klein wie ein Mädchen geblieben war, hatte es als Frankreichs größte Stimme zu Weltruhm gebracht.

Anlässlich der Uraufführung des Hollywoodfilms Der längste Tag diente ihr das Wahrzeichen an der Seine 1961 sogar als Bühne. »Da oben hat sie gestanden, die Arme in den Nachthimmel gereckt und über Lautsprecher Tausende von Fans am Flussufer beschallt«, sagt Charles Dumont, der 77 Jahre alte Musiker, der 1960 zum Favoriten in Ediths Hofstaat aufstieg, als er der bereits todkranken Sängerin mit seiner Komposition Non, je ne regrette rien, nein, ich bedaure nichts, zum krönenden Abschluss ihrer Karriere verhalf.

In diesen Tagen ist Dumont einer der letzten Zeitzeugen, der Olivier Dahans Piaf-Film La vie en rose aus eigener Erfahrung beurteilen kann. Es befremdet ihn, wenn die Schauspielerin Marion Cotillard in der Rolle seines Idols von den Plakatwänden der Stadt herab schaut. »Vor Edith gab es niemanden, der die französische Identität so einzigartig verkörperte, nach ihr wird es niemand geben«, sagt er. Dumont schrieb für die Piaf 28 Melodien, mit denen er seit über 40 Jahren allein auftritt.

Die goldenen Schallplatten hat er in seiner großzügigen Wohnung im Künstlerviertel Saint Germain-des-Prés aufgehängt. Den Mittelpunkt des Salons bildet ein Flügel, ein geschecktes Hündchen kläfft. Charles Dumont, der auf einem vergoldeten Louis-seize-Sessel sitzt, erinnert sich an die Zeit, da hier am linken Seineufer Boris Vian und Juliette Gréco noch als Geheimtipp kursierten, während die Stars auf der rechten Seite des Flusses residierten und das Massenpublikum in die Säle des Olympia und ABC-Theaters strömte.

»Der Mythos Piaf war nicht hier, sondern zwischen Triumphbogen und Eiffelturm zu Hause«, sagt Dumont. »Jetzt liegt die Szene anderswo, doch das 16. Arrondissement hat seine Klasse bewahrt.«

Und die stellt sich sogar dem einfachen Metro-Passagier zur Schau. Die Untergrundbahn fährt nämlich oberirdisch. Freier Blick auf Bürgerhäuser aus einer illustren Epoche, museumsreife Stationseingänge des Art-nouveau-Architekten Hector Guimard, der mit seinen verschnörkelten Lotosgirlanden aus Eisen und den muschelförmigen Glasüberdachungen Schwung in die strenge Symmetrie der Boulevards gebracht hat. Die Damen, die an der Haltestelle Passy aussteigen, tragen ihre Empfindsamkeit mitten im Gesicht. Manche haben sich einen Mundschutz vorgebunden, die Jüngeren schotten sich mit den Kopfhörern ihrer MP3-Player von den Zeitgenossen ab. Sehr stille Schülerinnen mit Lackstiefelchen und dunkelblauen Samtstirnbändern im Haar wandern im Gänsemarsch hinter ihrer Lehrerin Richtung Rathaus, das wie ein Loire-Schloss aussieht und in dem ein pensionierter Minister als Bürgermeister arbeitet.

Am Eingang wachen zwei mürrische Beamte in Livrée. Die Frage, in welchem Raum Edith Piaf am 9. Oktober 1962 dem 20 Jahre jüngeren Théo Sarapo das Jawort gegeben hat, beantworten sie mit Schweigen. Die Aufmunterung »Souriez-moi, Milord«, lächeln Sie mich an, mein Herr, lassen sie nicht an sich herankommen.

Sang- und klanglos führt der Streifzug durch das Viertel. Hinter den Toren gesicherter Wohnanlagen beschneiden dunkelhäutige Gärtner das Immergrün der Vorgärten. In einwandfreien Einkaufstaschen auf Rädern – allesamt schottisch kariert und durch den Herstellernamen Rosler geadelt – befördert die betagte Stammkundschaft der Feinkosthändler den Proviant für ihren Einpersonenhaushalt über das Trottoir. Und auch weiter hinten, wo die Rue Pierre Charron auf die Champs Elysées zuläuft und schon das 8. Arrondissement beginnt, herrscht gediegener Ordnungssinn.

An der Front des Viersternehotels Château Frontenac sind Europas Fahnen gehisst. Kein Akkordeonspieler an der Ecke, keine schmächtige Straßensängerin im ausgewaschenen Rock, die einen Gassenhauer schmettert, wie es Edith Giovanna Gassion tat, als sie sich 1935 zum ersten Mal von Belleville hierher wagte. Sie bestand ihre Feuertaufe. Louis Leplée, der Besitzer des Nachtclubs Le Gerny’s, hörte, sah und wusste: Das ist die Stimme. Er nahm die 19-Jährige unter seine Fittiche und nannte sie »La Môme Piaf« – Spatz und Göre in einer Person. Das gefühlte Alter der Göre muss jedoch höher gewesen sein. Ein paar Monate bevor Ediths Stern im Gerny’s aufging, hatte sie ihre zweijährige Tochter Marcelle begraben.

Drei Auftritte pro Tag, Frankreichtourneen, Plattenaufnahmen – innerhalb weniger Jahre hatte die Piaf genug verdient, um ihre eigenen vier Wände im Nobelstadtteil zu erwerben. Anders als die ausgeschlafenen Nachbarn mit den geregelten Speisezeiten machte sie die Nacht zum Tag und ihr Wohnzimmer zum Probenraum nach der Spätvorstellung. Rechts neben dem Eingangsportal des Boulevard Lannes 67 erinnert eine von Scheinquitten überwachsene Plakette an die prominente Bewohnerin, die hier ihre letzten zehn Lebensjahre verbrachte. Trotz Krebses, chronischer Erschöpfung und Medikamentenmissbrauchs malträtierte sie im ersten Stock die Musiker ihrer Truppe, forderte Aufmerksamkeit bis zum Morgengrauen. Charles Dumont vergisst nicht, wie er mit seinen Notenblättern mehrfach abgewiesen wurde, bis er die Gnade der Anhörung erfuhr. »Kollegialer begrüßt und mit einem Taschengeld bedacht wurden ein paar Clochards, die regelmäßig vom Bois de Boulogne herüberkamen«, sagt er.

An diesem Nachmittag lüftet auf dem ehemaligen Piaf-Balkon eine Pelzjacke über dem Geländer aus. Abgetragen, ein wenig stumpf – als ob sie aus der Mottenkiste der Sängerin stammen würde. Die stilsichere Journalistin Françoise Giroud hätte sich zu Lebzeiten in ihrem abfälligen Urteil über die Aufsteigerin aus Belleville bestätigt gefühlt. »Sie ist schließlich nicht dafür verantwortlich, wenn sie eine Aura von Elend umgibt. Sie trägt Nerz, sie wohnt im Bois. Aber der Nerz sieht an ihr wie ein Kaninchenfell aus«, schrieb Giroud zu Beginn der fünfziger Jahre in dem Boulevardblatt France-Dimanche.

Den Ruch von Belleville wurde die Piaf niemals los. Und als ihr allerletzter Vorhang fiel, fand der Rückzug in das Revier der Kindheit statt. 400000 Trauernde folgten dem Sarg am 14. Oktober 1963. Sie ließen die Prachtboulevards rücklings liegen und strebten dem hügeligen Gelände des 20. Arrondissements entgegen. Da weichen die Alleen mit den Namen von Generälen gewundenen Straßenzügen. In der steilen Rue des Pyrénées wittert der Pariser Höhenluft. Hier kommt es nicht darauf an, ob man Nerz, Kaninchenfell, den Anorak von vorgestern oder einen Kaftan trägt. Im Gewimmel des Boulevards de Belleville, dem zentralen Nervenstrang des Viertels, ersetzen knallige Farben und laute Töne die gedämpfte Ästhetik des Westens.

An der Metrostation Belleville stimmen russische Musikanten Flöten und Geigen, kurz vor Schluss des Dienstagsmarktes verscherbeln die Händler Süßkartoffeln, Kochbananen und Ananas zum halben Preis. Mit Plastiktüten bepackte Afrikanerinnen haben ihre Babys in bunten Tüchern auf dem Rücken verstaut. Männer in weißem Burnus oder gestreifter Dschellaba stehen zusammen und ereifern sich, Italiener, Armenier, osteuropäische Juden, Muslime, Schwarzafrikaner, Chinesen – nach Mademoiselle Gassions Auszug ist die traditionelle Arbeiterhochburg Flüchtlings- und Einwandererstadt geworden. Mit seinen etwa 110000 Einwohnern entspricht das 20. Arrondissement der Größe von Metz oder Mühlhausen, doch es beherbergt Angehörige aus 80 Nationen.

Hinter den Mauern des Friedhofs Père Lachaise lässt der Lärm der Straße nach. Palastartige Mausoleen, vermooste Büsten und Skulpturen kennzeichnen den Schauplatz. Eine Million Tote wurden in den vergangenen 200 Jahren beerdigt, eine Million Besucher touren pro Jahr zwischen den Gräbern, um den erkalteten Berühmtheiten möglichst nah zu kommen: Kussmünder aus Lippenstift auf dem Sockel von Oscar Wildes Ruhestätte, Dominosteine und eine Rose für Gertrude Stein, Mitleid mit Alfred de Musset, der sich eine Weide über dem Grab erbat und eine Linde bekam.

Schlicht und schwarz wie das Kleid, das sie beim Auftritt trug, liegt die Marmorplatte der Piaf über der Gruft. Darunter sind alle versammelt, die Edith in einem untypischen Anflug von Familiensinn auf ewig um sich haben wollte: der Vater, der in Belleville als Schlangenmensch tingelte; die Tochter Marcelle, die starb, bevor sie das Sprechen lernte; der letzte Gatte Théo Sarapo, den man verdächtigte, ein Gigolo zu sein, und der Edith um nur sieben Jahre überlebte. Dieu réunit ceux qui s’aiment, Gott vereinigt die Liebende, ist in goldenen Lettern in den Stein graviert – ein Zitat aus dem Chanson Hymne à l’Amour , das eine englische Friedhofstouristin jetzt nochmals zum Vortrag bringt. Von ihrem Handy spielt sie die Piaf ab, ein wenig blechern, doch unverkennbar: das Lied von der Erde, die ruhig untergehen kann, solange die Liebe triumphiert.

Die rastlose Liebesjägerin Piaf, die männerverschlingende Zwergin – im 20. Arrondissement wird sie postum entschädigt für die Enttäuschungen, die ihr das private Leben schwer machten. Edith Piaf ist – abgesehen von Maurice Chevalier – das Wunderkind aus Belleville und dessen ganzer Stolz. Wer auf den Treppenstufen vor dem unscheinbaren Haus in der Rue de Belleville 72 stehen bleibt, wird von älteren Passanten aufgeklärt: »Ist Ihnen klar, wo Sie sich gerade befinden? Das ist Piafs Elternhaus. Der Legende nach wurde sie auf dieser Treppe geboren.« Das geschah allerdings mit höherer Wahrscheinlichkeit im nahe gelegenen Krankenhaus Tenon, in dessen Schatten vor ein paar Jahren ein kleiner Piaf-Platz gestaltet wurde.

Umwabert vom Dönergeruch türkischer Imbisse, umgurrt von fetten Tauben, thront da der Spatz aus Bronze – die Augen himmelwärts gerichtet und etwas stabiler als im wahren Leben. Damit die Fans von heute richtig zupacken können, wenn sie für eine kurze Umarmung posieren.

Ein dauerhaftes Tête-à-Tête ist Bernard Marchois mit der schwarzen Madonna eingegangen. Seit 30 Jahren teilt er sein Vierzimmer-Appartement in der Rue Crespin du Gast mit der Toten. »Rechts wohne ich, links liegt Ediths Reich«, sagt der ewige Liebhaber, der Ediths Erbe verwaltet: das kleine Schwarze, den Morgenmantel, Handtaschen, Pumps in Größe 34, Plüschtiere, Briefe, Plattenaufnahmen, Fotos und Porträts in Öl und die Boxhandschuhe des geliebten Mittelgewichts Marcel Cerdan. Im Alter von 16 Jahren lernte Marchois die Sängerin 1958 in ihrer Wohnung am Bois de Boulogne kennen, als er mit seinen Eltern zum Hauskonzert eingeladen war. Er verfiel der Stimme und sammelte alles, was von ihrem Leben übrig blieb.

Mit dem Ohrwurm Non, je ne regrette rien legte Edith Piaf den Grundstein für das Glück des Komponisten Charles Dumont. Mit den Relikten aus ihrem Haushalt stiftete sie Sinn im Dasein des Devotionalienjägers Bernard Marchois. Dass er sein Privatmuseum in Belleville eröffnete, passt ins Bild: Hier steht die Wiege des Chansons, hier spielt noch immer die Musik.

Beharrlich pflegen ein paar Nostalgiker die Tradition des bistrot à chanson mit volkstümlichem Liedgut und Hausmannskost. Im Le Vieux Belleville serviert der Wirt Hühnchen in Rotweinsauce, während Minelle, die Akkordeonspielerin, Ediths Java Bleue intoniert. Zum Finale erklingt jeden Abend die Internationale, damit niemand vergisst, dass er im Herzen des alten Arbeiterviertels ist. Und das Publikum singt dazu – der tunesische Bäcker, der Automechaniker mit Motoröl unter den Fingernägeln und die argentinische Stammkundin Nelida, die im Viertel seit vielen Jahren als Malerin lebt. Selbst die jungen Japaner summen verstohlen mit.

Weil die Banausen aus der Nachbarschaft wegen nächtlicher Ruhestörung klagten, musste die künstlerisch anspruchsvollere Musikkneipe Au Limonaire umziehen. So hat sich Noëlle Tartier – seit 20 Jahren Förderin des Sängernachwuchses im Geist von Piaf, Brel und Gainsbourg – im 9. Arrondissement unweit des legendären Olympia eingemietet. Sauvage culture, wilde Kultur, steht auf dem T-Shirt dieser zerbrechlichen Dame, die sich mit dampfenden Eintopfgerichten und schweren Bierhumpen durch den Pulk der Gäste kämpft. Dann betritt Daniel Lefore die Bühne: ein Liedermacher, der noch heute davon träumt, mit seinen ironischen Texten und zärtlichen Melodien ein paar Häuser weiter auf den Brettern des Olympia zu stehen.

Auf der Aussichtsterrasse über dem Parc de Belleville haben sich unterdessen die Nachtschwärmer versammelt. Sie sind dem Rummel auf den Treppen von Sacré-Cœur entflohen, um den Tag im engeren Kreis ausklingen zu lassen. Den Sundowner bringen sie selbst mit, einer packt seine Gitarre aus. Zierlich wie eine Magnetnadel versinkt weit im Westen der Eiffelturm in der aufziehenden Dunkelheit.

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    • Von Christiane Schott
    • Datum 10.5.2007 - 08:38 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 22.02.2007 Nr. 09
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