Sie sind die Architekten der großen Entspannung. Sie bauen Urlaub, die schönsten Dünenhäuser in der Karibik, wogende Hotels an den Küsten Amerikas. Und auch der deutschen Mitte, seit längerem schon ideologisch verspannt, wollen sie mit ihren massageweichen Formen zu nie gekannter Lockerheit verhelfen. Ausgerechnet der Berliner Schlossplatz soll es sein, ein Ort erbitterter Debatten um rekonstruierte Barockfassaden, irrwitzige Palastabrisse und überhaupt um die richtige Geschichtspolitik der Republik. Was macht die Architektengruppe namens Graft aus der historischen Schwere? Lässt sie schweben. Wohnen im Wellenhaus: Entwurf des Architektenbüros Graft für eine Urlaubsanlage in der Dominikanischen Republik BILD

Vermutlich ist es die kalifornische Sonne. Sie leuchtet den Architekten hinterher, hinein sogar in den Plattenbau in Berlins Mitte, einst ein Kindergarten, nun vollgestopft mit Plänen, Computern, Plastiksesseln. Sehr jugendzimmerhaft sieht das aus, gerade recht für ein Architektenbüro, das kein Büro sein will, eher ein Club der Jungen, Wilden, Unbeschwerten. Sie selber sagen Label dazu, vor zehn Jahren auf den Namen Graft getauft, nicht in Berlin, sondern in Los Angeles. Es war der Beginn einer steilen Erfolgsgeschichte. Manche nennen es das Bubenwunder der deutschen Architektur.

Alle vier Partner, Lars Krückeberg, Wolfram Putz, Thomas Willemeit und Gregor Hoheisel hatten in Braunschweig grundsolide studiert. Dann lockte sie ein Stipendium an die SCI-Arch-Hochschule nach Kalifornien. »Wir wollten unser Studentenleben verlängern«, sagt Putz. Zu dritt lebten sie in einer Einzimmerwohnung, die zugleich ihr Büro war. Erste Kunden wurden auf der Veranda an einem wackeligen Tischchen empfangen. Über das, was dann geschah, würden sie am liebsten schweigen. »Wir hassen diese Zipfelmütze des Celebrity-Architekten«, sagt Lars Krückeberg. Wenn sie aber nicht eine Bekannte gehabt hätten, die einen kannte, der Brad Pitt kannte, wäre ihr Leben wohl anders verlaufen. Dieser Bauherr, nebenher auch Hollywoodstar, wollte von ihnen keine Luxusvilla, nur ein kleines Atelierhaus. Und wollte die Pläne dafür gemeinsam mit den Architekten entwickeln. Etwas Besseres hätte ihnen nicht passieren können. »Wir haben ja keine Standards, keine Lösungen«, sagt Krückeberg. »Wir mögen das Herumspinnen, das Blödeln, das Rumwerkeln.« Am Ende entstand ein Haus, das wie ein Schweizer Taschenmesser funktioniert – die Möbel lassen sich herausklappen wie Nagelfeile oder Korkenzieher. Besonders großartig sieht das nicht unbedingt aus, das musste es aber auch nicht sein. Der Name des Bauherrn reichte.

Ein Filmstudio rief an, wenig später eine Hotelkette. Binnen weniger Jahre konnten sie ein gutes Dutzend Aufträge realisieren, darunter auch Hochhäuser in Las Vegas. Bald schon gründeten sie eine Dependance in Peking, dann in Berlin. Auf der kalifornischen Welle reitend, fanden sie Bauherren in Japan und Georgien, sogar am Kudamm. Ein Hotel durften sie dort ausbauen, bei aller Beengung geschmeidig und gleitend in den Formen. Selbst die Trennung von Bett und Badewanne wird überspielt, das eine liegt direkt neben dem anderen, Schlafen und Plantschen werden eins.

Sie lieben das Verbinden, Verbrüdern, Verschmelzen, selbst eine Zahnarztpraxis in Berlin verwandeln sie in einen Ort reinster Ausgeglichenheit. Nichts ist klinisch, nichts riecht nach Zahnarzt. Sonnengelbe Wände wölben sich wie Dünen, das Wartezimmer wird zum Kuschelraum mit weinroten Liegen und Kamin. Architektur als Schmerztherapie: Aus Angst soll Entspannung werden.