Nein, auf dieser Geschichte liegt kein Segen, denn sie fing schon nicht gut an. Ein Menschenpaar geht von zu Hause fort, doch der Abschied scheint kühl, und ihr Winken wird bald nicht mehr erwidert. Wie Hänsel und Gretel markieren sie ihren Weg, aber ein Wind verweht ihre Spuren. Es gibt kein Zurück, und die beiden werden sich verirren, als sei das Verirren ihre Bestimmung. Andere Paare machen sich auf den Weg, es ist ein Kommen und Gehen, ein Hin und Her und Auf und Ab. Doch auch ihre Spuren werden verweht, und sie werden verloren gehen auf ihrem Kreuzweg durch die Zeit. So irrt man vorwärts und schlägt sich die Köpfe ein, so gut man kann. Der Sohn bricht mit dem Vater, die Frau mit dem Mann, Isaak tötet Abraham und Medea ihre Kinder. Bis heute. Der Anfang will nicht enden und schleppt sich in die Gegenwart. Es ist Krieg im Frieden und der Herbst vor dem Winter. Und warum? Das weiß kein Mensch. BILD Es zischt und kracht, doch das große Weltbuch bleibt leer (Konrad Singer, Christina Drechsler)

Spuren der Verirrten heißt Peter Handkes neues Theaterstück, das Claus Peymann fürs Berliner Ensemble artig zurechtgezimmert und in Dialogform gegossen hat. Streng genommen ist es gar kein Drama, sondern ein wunderbarer Prosatext, das lange Selbstgespräch eines Zuschauer-Gottes, der zwischen Wohlwollen und Fassungslosigkeit beobachtet, wie seine Figuren auf der Bühne des Welttheaters durch die Schöpfung stolpern, durch die Zeit und die Zeiten – erst unschuldig, dann mit Blut an den Händen, schließlich mit dem Bollerwagen an der Hand und der letzten Habe unterm Arm.

Handkes Zimmertheater handelt von nichts Geringerem als von der Menschheitsgeschichte, ein paar tausend Jahre Zivilisation in knapp zwei Stunden. Es geht kurz aufwärts, und danach nur noch halsbrecherisch bergab. Karl-Ernst Herrmanns Bühne ist mit rasiermesserscharfen Wänden umstellt, eine trist moderne Höhle, aus der es für die Paare und Passanten kein Entrinnen gibt. Das ist unsere Höhle, die Höhle der Gegenwart, und darin tobt ein Bürgerkrieg im Großen wie im Kleinen. Ein zappeliger Leitermann mit Rettungsseil sucht noch einen Notausgang, aber vergeblich. Der Frieden ist aufgebraucht, denn man hat ihn bloß zum Hassen benutzt. Selbst in den privaten Geschichten wispert die große Geschichte. Ihre Namen sind Feindschaft, Gewalt – und Gleichgültigkeit.

Handke ist so kalt und düster wie selten zuvor. Sein Stück ist extrem, auch extrem polemisch, und das kann nur übersehen, wer sich pointenselig über Peymanns Passionsspiele lustig macht. Handkes Figuren behaupten nämlich, »der Westen«, dieser »anders Wilde«, habe sich wie die Pest auf dem Globus ausgebreitet und stecke in allem Denken, Fühlen und Trachten. Nun gibt es nur noch einen bleichen Himmel und eine bleiche Erde, nur ein Gesetz und eine Weltfarbe. Der Westen ist der König der Welt, aber er macht lebensmüde. Er frisst die Träume und die »Freude«, das »Andere« und das Fremde. Was ihm nicht gleicht, das verschwindet, und was sich ihm entgegenstellt, wird untergepflügt. Niemand kann unter seinem Regime ohne Angst verschieden sein, und am Ende überleben nur die Selbstähnlichen mit ihrem Einmaleins, dem klitzekleinen.

Zugegeben, diese Schwarzmalereien kennt man von Handke, schließlich zitiert er sich ausgiebig selbst. Und doch schlägt das Stück eine neue Melodie an: Mit dem »Anderen«, so erzählt es dem Zuschauer, verschwindet auch der sogenannte »Dritte« (Axel Werner), und dieser »Dritte« ist das unspielbare, das sperrige Rätsel des Stücks. Der »Dritte« ist zugleich eine Person und eine Allegorie, er hat keinen Namen und trägt auf dem Kopf einen Piratenhut. Um ein Haar wäre er im Meer der Geschichten von Zwillings-Finsterlingen, zwei Selbstähnlichen, erschlagen worden. Tatsächlich ist der »Dritte« (oder das »Dritte«?) der metaphysische Angelpunkt des Stückes. Vielleicht ist es die Natur, der Tod oder die Endlichkeit, denn nur um den Preis des Selbstverlustes darf man den »Dritten« vergessen. Geschieht dies, beginnt sofort wieder das Hauen und Stechen, und dann tritt die Zeit auf der Stelle oder läuft aus wie jenes »Weltbuch«, das der Leitermann ratlos in den Händen hält. Ohne den »Dritten« hat das Leben ausgespielt, die Zeit ist um und verrinnt zwischen den Fingern. Sie »zeitet« nicht mehr; sie schrumpft und dehnt sich aus, alles in einem. Die Tage »tagen« und das Grün »grünt« nicht mehr. Darüber versammeln sich die Kriegsversehrten der Zivilisation zu einer großen Klage – über die Taubheit ihrer Gefühle, über den Mangel an realer Gegenwart, übrigens fast gleichlautend wie in Kali, Handkes neuem Roman (Suhrkamp Verlag). Hier, auf dem Friedhof der Hoffnungen, herrscht blanker Hass. Die Ähnlichen ertragen ihre Ähnlichkeit nicht, und wer sich am nächsten ist, der bekämpft sich am schlimmsten – so wie die beiden Nachbarinnen, die Peymann auf die Bühne schickt. Gleiches Kostüm, gleicher Hut, gleicher Hass. Die alten Tanten erheben gegeneinander die Hand und gehen sich ans Leder. Nur die Gewalt schafft die Unterschiede im Unterscheidungslosen der »westlichen« Zeit.

Zum Glück hat es Handke aufgegeben, irgendwelche Erlöserfiguren und Könige ausfindig zu machen, die das »Volk« aus der modernen Zeit-Höhle herausführen und den Thron der Wahrheit besteigen. Das ist noch immer schiefgegangen und hat ihn zuletzt in die Arme von Milošević getrieben, in die Einfühlung in den Verbrecher.