Auch Marilyn braucht ab und zu eine Pause. Im schulterfreien weißen Kleid aus Das verflixte 7. Jahr stellt sie sich bei Starbucks an, zieht rasch die Lippen nach, setzt sich dann mit ihrem Pappbecher auf die Terrasse und checkt ihre Handy-Nachrichten. Genauer betrachtet, füllt Marilyn ihr Kleid an den entscheidenden Stellen nicht aus, und auch ihre Nase ist erheblich spitzer, als man sie in Erinnerung hatte. Aber was macht das schon? Hier, im Hollywood-&-Highland-Einkaufscenter, sind die Leute daran gewöhnt, dass die Stars sich nicht ganz ähnlich sehen. Marilyn ist nur eine aus der Phalanx der Straßendarsteller, die draußen auf dem Hollywood Boulevard ihren Lebensunterhalt verdienen, indem sie Arm in Arm mit Touristen für die Fotokamera posieren. Szenegänger kommen in Hollywood wieder auf ihre Kosten. Klicken Sie auf das Bild für mehr Eindrücke aus Hollywood

Ach, Hollywood! Die echte MM ist nun schon verdammt lange tot, und die falschen Stars auf dem Boulevard waren bis vor Kurzem das traurige Wahrzeichen jenes Stadtviertels von Los Angeles, in dem die amerikanische Filmindustrie vor rund einem Jahrhundert ihren Anfang nahm. Sicher, der Name Hollywood mit seiner Aura von Eleganz, Exzess und Entrücktheit hat nie aufgehört, Besucher aus der ganzen Welt hierher zu locken – 19 Millionen Glamourhungrige kommen jedes Jahr. Aber lange wurden sie heftig enttäuscht. Der Stadtteil Hollywood hatte überhaupt nichts mehr mit der Traumfabrik Hollywood zu tun. Von den Filmstudios war einzig Paramount übrig geblieben, die Stars lebten in Beverly Hills, Bel Air oder Malibu; und die großen, prächtigen Filmtheater waren geschlossen und verfielen. Statt Aura gab es Obdachlose, Junkies, Nutten, Straßenkinder und Gang-Angehörige. »Hollywood war die Toilette von Los Angeles«, sagt der Amateur-Denkmalschützer George Kiel, der sonntags Führungen an die Stätten der Hollywood-Geschichte leitet.

Im Jahr 1992 hatte Hollywood 52 Morde zu vermelden

Wer je gesehen hat, wie Richard Gere sich am Anfang von Pretty Woman (1990) in einer Gegend voll zwielichtiger Gestalten verfährt, der weiß, wie es damals, am Tiefpunkt seiner Geschichte, auf dem Hollywood Boulevard aussah. 1992 hatte Hollywood 52 Morde zu vermelden. Kein Wunder, dass die Besucher prompt zurück zu ihren Bussen strebten – oder in den nüchternen Zahlen des Fremdenverkehrsamts ausgedrückt: Die durchschnittliche Verweildauer eines Touristen auf dem Boulevard betrug rund 28 Minuten. Gerade Zeit genug, die Hand- und Fußabdrücke der Stars auf dem Vorplatz von Grauman’s Chinese Theatre zu bewundern; in einem der Ramschläden ein T-Shirt zu kaufen oder eine billig glänzende Oscar-Statuette.

Doch wie in einem echten Hollywood-Film ist dieser Niedergang des einst so ruhmreichen Stadtviertels noch nicht der Schluss der Geschichte. Nein, Tusch, Trommelwirbel und Applaus, Hollywood erlebt ein Comeback! Alles wird gut werden für die Touristen wie für die Anwohner, alles wird so schön und edel werden wie früher. An diesem Happy End schreiben gerade eifrig die Stadtplaner, Restaurant- und Nachtklubbetreiber, die Bauunternehmer, Vertreter der Handelskammer, Denkmalschützer und Lokalpolitiker von Los Angeles.

»Wir haben uns darangemacht, die Marke Hollywood neu zu besetzen«, sagt Kerry Morrison, die Direktorin des Hollywood Entertainment District, eines Verbands lokaler Grundstückseigentümer. »Als ich diesen Job vor zehn Jahren angetreten habe, bin ich jeden Morgen aufgestanden und habe mir eingehämmert: Wir werden die Erneuerung schaffen! Aber jetzt ist tatsächlich der Wendepunkt erreicht.«

Kerry sitzt in einem kleinen, engen, mit Unterlagen vollgestopften Büro hoch über der berühmtesten Kreuzung des Viertels, der zwischen Hollywood Boulevard und Vine Street, an der sich in den zwanziger Jahren alles ansiedelte, was in der jungen Unterhaltungsbranche Rang und Namen hatte. Von dieser großen Geschichte ist in den abgenutzten Räumen ihres gemeinnützigen Verbands nichts zu spüren. Aber indem der Hollywood Entertainment District die Grundstückseigentümer rund um den Boulevard Mitte der neunziger Jahre davon überzeugte, einen Teil ihres schwer verdienten Geldes in einen kollektiven Topf für private Polizeipatrouillen, Putzkolonnen und PR-Aktivitäten zu stecken, hat der unglamouröse Verband den Boden für eine Renaissance Hollywoods erst bereitet. »Das war das Zeichen«, sagt Kerry, »dass auch die Geschäftsleute vor Ort bereit waren, in diesen Traum zu investieren.«

Oscar-Gewinnerin Charlize Theron hat sich hier ein Penthouse gekauft

Doch der Traum ist schon mehrfach geplatzt. Es hat in den letzten Jahrzehnten immer neue, groß angekündigte Comeback-Anläufe gegeben; der letzte wurde dadurch zunichte gemacht, dass nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center im September 2001 auf einen Schlag die Touristen wegblieben. Könnte die Entwicklung auch jetzt wieder kippen? Kerry schüttelt den Kopf. »Ich glaube nicht, dass Hollywood in seinen alten Zustand zurückfallen wird. Dazu ist inzwischen zu viel Geld geflossen.«