Italien Das erstarrte LandSeite 4/4

Der Mittelstand hingegen hat die Steuererhöhungen, mit denen das Staatsdefizit um 15 Milliarden Euro gesenkt und die von Brüssel angemahnte Defizitmarke von weniger als drei Prozent des Haushalts endlich unterschritten werden soll, noch nicht verdaut. »Wer Steuern zahlt, zahlt zu viel«, kommentierte Notenbanker Draghi. Andererseits gibt es immer noch zu viele Bürger, die auf die Entrichtung von Steuern verzichten. Vor allem im Süden, wo fast alle Geschäftsleute bereits ihre Mafia-»Steuer« entrichten müssen. Wer an die Paten zahlt, sieht eben oft nicht ein, dass er auch noch für einen Staat arbeiten soll, der ihn nicht schützt.

Ein »posto alle poste« , also der Platz bei einem Staatsunternehmen, ist oft die einzige Alternative zum risikobeladenen eigenen Geschäft. Das führt zu einem grotesk aufgeblasenen Bürokraten-Apparat. Die Regionalverwaltung von Sizilien etwa hat 18.239 Angestellte und beschäftigt darüber hinaus rund 30.000 Forstpolizisten – obwohl schon die alten Römer die Insel auf das Gründlichste entwaldet hatten.

Die Regierung in Rom will jetzt die Verwaltung entschlacken. Versetzungen sollen erleichtert werden, den fannulloni, den »Nichtstuern« unter den Bürokraten, will man auf die Finger klopfen. Durch ihre Bummelei bringen es manche Staatsangestellte auf zwei Monate Urlaub im Jahr – das kann sich Italien wirklich nicht mehr leisten. Ebenso wie die fast bankrotte Fluglinie Alitalia, die nun endlich privatisiert werden soll.

Ein absolutes Novum in einem Land, in dem Konsumenten traditionell wie Untertanen behandelt werden, ist Verbraucherschutz. Der Minister für Wirtschaftsentwicklung, Pierluigi Bersani, ist in kürzester Zeit zum populärsten Mitglied der Regierung aufgestiegen, weil er Liberalisierungen durchsetzte, die im übrigen Europa hier und da längst selbstverständlich sind. Italiener sollen demnach Arzneimittel auch billiger im Supermarkt kaufen können und müssen keine Aufladegebühren für Handys mehr entrichten – an denen italienische Gesellschaften zuletzt 1,7 Milliarden Euro im Jahr verdienten, mehr als an den Gesprächen. Mit seinen Reformen verschafft Minister Bersani jedem Haushalt um die 1000 Euro an jährlichen Einsparungen. Für die Italiener eine völlig neue Erfahrung: Der Staat kümmert sich um ihre Portemonnaies. Und zwar um alle, im Norden wie im Süden.

»Zwei Schritte vorwärts« hat der Economist der Regierung Prodi bescheinigt. Das ist aber längst nicht genug. Selbst wenn Italien seinen immensen Reformstau überwindet, reicht das nicht für jenen Teil des Landes, dessen Krebsgeschwür Mafia eine Gefahr für alle darstellt. Es ist beunruhigend, wie sehr der Süden Italiens, fast die Hälfte des Landes, abgehängt und verdrängt wird. Es ist erschreckend, wie beharrlich Italiens Wirtschaftsexperten, Politiker und Leitartikler den Mezzogiorno ignorieren. »Die Kluft zwischen Nord- und Süditalien ist heute noch genauso groß wie vor 50 Jahren. 1954 betrug das Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt im Mezzogiorno 54 Prozent von dem im Norden, heute hat es sich gerade mal auf 60 Prozent verbessert«, sagte Ende der vergangenen Woche Unternehmerpräsident Luca Cordero di Montezemulo der Tageszeitung La Repubblica .

Im Januar veranstaltete die Regierung ihren Wirtschaftsgipfel im Schloss zu Caserta. Dort beschloss sie, in den kommenden sechs Jahren 100 Milliarden Euro in den Süden zu stecken. Das Geld kommt überwiegend von der EU. Die Minister aßen dann noch Büffel-Mozzarella und besichtigten die Seidenwebereien. Aber nach zwei Tagen waren sie wieder weg. Und der Müll blieb da.

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Leser-Kommentare
  1. 1.

    Dieser Artikel ist leider typisch deutsch. Furchtbar voller Gemeinplätze, von einer Person geschrieben, die vielleicht nur Spaghetti, Pizza, Vino, Sole und ..... Mafia kennt. Es wäre dasselbe, wenn ich, ohne Deutschland zu kennen, sagen würde 'Alle Deutschen sind Nazis'. Nichts für ungut!
    Anna

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Liebe Anna,

    ich selber lebe seit einigen Jahren in Italien, habe sowohl deutsche als auch italienische Verwandte, die in Neapel leben und sich somit auch mit der dortigen Realität auseinandersetzen müssen. Des weiteren möchte ich anmerken, dass es sich bei der Autorin Birgit Schönau nicht etwa um eine Deutsche handelt, die nur "Spagehtti, Pizza, Vino, Sole und Mafia" kennt, sondern hier handelt es sich um eine Person, die ebenfalls in Italien lebt, bereits einige Bücher über dieses Land verfasst hat und meiner Meinung nach aus nächster Nähe schreibt. Ich finde, dass man diesen Artikel eher etwas nüchtern und realistischer betrachten sollte. Die Probleme, die angesprochen werden, sind selbst den Italienern nur zu gut bekannt. Ich möchte hier nur kurz an Neapel und an das Müllproblem erinnern, was uns in der letzten Zeit viele Schlagzeilen bereitet hat.
    Beim Lesen dieses Artikels werde ich eher ein wenig traurig und verärgert darüber, dass man in einem Land wie Italien, mit so vielen Chancen und Möglichkeiten, eben diese nicht nutzt.
    Ich empfehle Dir, Dich noch etwas ausführlicher über die Autorin zu informieren. Vielleicht wird dann einiges klarer.

    Liebe Grüße aus Mailand.
    Dagmar

    Liebe Anna,

    ich selber lebe seit einigen Jahren in Italien, habe sowohl deutsche als auch italienische Verwandte, die in Neapel leben und sich somit auch mit der dortigen Realität auseinandersetzen müssen. Des weiteren möchte ich anmerken, dass es sich bei der Autorin Birgit Schönau nicht etwa um eine Deutsche handelt, die nur "Spagehtti, Pizza, Vino, Sole und Mafia" kennt, sondern hier handelt es sich um eine Person, die ebenfalls in Italien lebt, bereits einige Bücher über dieses Land verfasst hat und meiner Meinung nach aus nächster Nähe schreibt. Ich finde, dass man diesen Artikel eher etwas nüchtern und realistischer betrachten sollte. Die Probleme, die angesprochen werden, sind selbst den Italienern nur zu gut bekannt. Ich möchte hier nur kurz an Neapel und an das Müllproblem erinnern, was uns in der letzten Zeit viele Schlagzeilen bereitet hat.
    Beim Lesen dieses Artikels werde ich eher ein wenig traurig und verärgert darüber, dass man in einem Land wie Italien, mit so vielen Chancen und Möglichkeiten, eben diese nicht nutzt.
    Ich empfehle Dir, Dich noch etwas ausführlicher über die Autorin zu informieren. Vielleicht wird dann einiges klarer.

    Liebe Grüße aus Mailand.
    Dagmar

  2. Liebe Anna,

    ich selber lebe seit einigen Jahren in Italien, habe sowohl deutsche als auch italienische Verwandte, die in Neapel leben und sich somit auch mit der dortigen Realität auseinandersetzen müssen. Des weiteren möchte ich anmerken, dass es sich bei der Autorin Birgit Schönau nicht etwa um eine Deutsche handelt, die nur "Spagehtti, Pizza, Vino, Sole und Mafia" kennt, sondern hier handelt es sich um eine Person, die ebenfalls in Italien lebt, bereits einige Bücher über dieses Land verfasst hat und meiner Meinung nach aus nächster Nähe schreibt. Ich finde, dass man diesen Artikel eher etwas nüchtern und realistischer betrachten sollte. Die Probleme, die angesprochen werden, sind selbst den Italienern nur zu gut bekannt. Ich möchte hier nur kurz an Neapel und an das Müllproblem erinnern, was uns in der letzten Zeit viele Schlagzeilen bereitet hat.
    Beim Lesen dieses Artikels werde ich eher ein wenig traurig und verärgert darüber, dass man in einem Land wie Italien, mit so vielen Chancen und Möglichkeiten, eben diese nicht nutzt.
    Ich empfehle Dir, Dich noch etwas ausführlicher über die Autorin zu informieren. Vielleicht wird dann einiges klarer.

    Liebe Grüße aus Mailand.
    Dagmar

    Antwort auf "Kommentar Nr. 1"
    • SuF
    • 19.02.2008 um 16:03 Uhr

    Gerade heute habe ich eine kleine, im Grunde unbedeutende Geschichte erlebt, die wohl "typisch" italienisch ist. Aber sie weist auf etwas Generelles hin. Im Haus hier gibt es meinen eigenen Eingang und einen Treppenaufgang zu vier zurzeit unbewohnten Wohnungen. Einer ist hier gemeldet, ansonsten sieht man ab und zu jemanden. Nur ich habe aber einen Briefkasten, die anderen nicht. Komische Eigenarten, die es wohl überall gibt. Der Postbote oder besser: die wechselnden Postboten stecken immer alle Briefe, meine und jene der Halb- und Unbekannten in meinen Postkasten und ich stehe dann da mit zum Teil offiziellen, also amtlichen Schreiben, die die Post für zugestellt hält und weiß nicht, was ich tun soll. Mal lege ich sie auf einem Gartentisch ab und der Postbote holt sie, mal lege ich sie vor die Tür der anderen....besonders, seit der Postbote die falschen Briefe nicht mehr vom Tisch mitnimmt. Viermal habe ich mit der Post schon darüber verhandelt, mir doch bitte nur meine Post zuzustellen. Oh......grazie signora....danke, dass Sie uns darauf aufmerksam machen!! Nach etwa einer Woche geht es dann weiter mit den falschen Briefen. Nun habe ich sie wieder in die offiziellen Postkästen der Post zurück getan, zumal erneut wichtige Briefe hier angekommen sind, die ich nicht draußen liegen lassen wollte. Heute kamen sie zu mir zurück. Sieben! Rechnungen auch von der Gasgesellschaft. Vermutlich etwas zu deutsch im Geiste, habe ich dann gedacht, ich sag denen von der Gasgesellschaft mal, dass deren Briefe nicht zugestellt oder wenigstens ordnungsgemäß zurückgesandt werden, denn die haben ja schließlich Forderungen. Nun aber gebe ich es auf: die Frau bei der Gasgesellschaft hatte nicht das geringste Interesse daran, was mit ihren Rechnungen passiert und meinte, ich solle halt irgendwas damit machen. Kam mir ganz schön blöd vor. So deutsch halt. Dabei bin ich eigentlich gar nicht verbohrt. Wirklich!

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