Guantánamo/Havanna
Auf Guantánamo drückt die Mittagsglut. Die Männer aller Hautschattierungen drängen sich dort zusammen, wo die Sonne nicht hinfällt. Nichtstun ist das Schicksal der meisten. Die Stadt im Südosten Kubas mit ihren 200.000 Einwohnern hat wenig zu bieten. Am wenigsten Arbeit. Selbst die Busse mit den europäischen Touristen umfahren sie. Nur hin und wieder passierte in den vergangenen Jahren eine kleine Schar die Stadt auf dem Weg zum Mirador de Malones 35 Kilometer südlich. Von diesem Aussichtspunkt lässt sich der amerikanische Militärstützpunkt in der Karibik ausmachen. Der Blick auf das Gefangenen- und Folterlager des großen Erzfeindes war zur kleinen, nicht unwillkommenen Touristenattraktion geworden. Für die Exkursion benötigten die Schaulustigen eine Sondererlaubnis, die sie mindestens 24 Stunden vorher bei Reiseagenturen in Santiago de Cuba oder beim Hotel Guantánamo einzuholen hatten. Kubas Alte fürchten die Rückkehr der reichen Exilanten BILD

Seit einigen Monaten aber muss die marineblau livrierte Empfangsdame im Guantánamo den Kopf schütteln: »Da läuft nichts mehr. « – »Warum?« – »Keine Ahnung.« Eine Ahnung kann gewinnen, wer die Signale registriert, die Raúl Castro aussendet, seit ihm sein fünf Jahre älterer Bruder Fidel am 31. Juli 2006 vom Krankenbett aus alle auf den commandante en jefe zugeschnittenen Ämter übertragen hat. Einiges spricht dafür, dass der Fernblick auf Guantánamo nicht länger gestattet ist, weil der jüngere Castro den US-Kongress mit kleinen Gesten versöhnlicher stimmen will.

Den bisher spektakulärsten Versuch unternahm er am 2. Dezember. Da bot Raúl Castro Washington Gespräche und »geduldiges Warten« an. Man solle die »fortgesetzten Differenzen auf der Grundlage von Gleichheit und Respekt überwinden«. Nur zwei Wochen später kamen sechs demokratische und vier republikanische Kongressmitglieder nach Havanna – die größte US-Delegation, seit die Castro-Brüder 1959 die Macht erobert hatten. Auch ohne konkretes Ergebnis stand der Besuch in scharfem Kontrast zur Kubapolitik von George W. Bush und den Exilkubanern, die mit seinem Bruder Jeb geschäftlich eng verbandelt sind. Diesem Wählerstamm hat der US-Präsident versprochen, dass Washington nur eine neue Führung ohne Fidel und Raúl Castro und das bisherige System akzeptieren werde. Demonstrativ setzte Bush sogar schon einen »Übergangskoordinator« für Kuba ein – nach dem Beispiel von Paul Bremer im Irak.

Der Lärm um die »Schlacht der Ideen« ist plötzlich verstummt

Dem 75-jährigen Raúl Castro geht es nicht vorrangig um die USA. Er will weg vom charismatischen Führer- und Revolutionskult, von den endlosen erratischen Einfällen hin zu nüchternen Entscheidungen, mit denen ein versöhntes Parteikollektiv kontrollierte Wirtschaftsreformen einleiten soll. Das sagt er natürlich nicht öffentlich. Und das ist aus dem gewohnten westlichen Blickwinkel auf Kuba und seine 11 Millionen Einwohner auch kaum auszumachen. Doch im »wilden Osten« der Insel, wo alle Aufstände seit dem 19. Jahrhundert begannen, in den Provinzen Guantánamo und Santiago de Cuba, sind die ersten Signale schon vor Fidels offiziellem Rückzug Ende Juli zu orten gewesen.

Bereits im Frühjahr stürzte der Parteichef der beiden Ostprovinzen, Juan Carlos Robinson. Im Juni veröffentlichte das Parteiorgan Granma die damals kaum beachtete Meldung, dass seit Mai ein Drittel aller Parteisekretäre in Kubas Provinzen ausgewechselt worden sei. Robinson erhielt eine Haftstrafe von zwölf Jahren, weil er seine Macht »hochnäsig« missbraucht und seine Funktionen öffentlich zur Schau gestellt habe. Das sind Formulierungen, die zu Raúl Castro passen, der im bisher einzigen Interview seit seiner Ämterübernahme der Granma sagte: »Ich bin immer diskret gewesen.« Aus all dem klingt die Botschaft: Personalismus, Schaustellerei sollen den máximo líder nicht überleben.