Schulreformen "Wenn Schulräte Manager spielen, wird es gefährlich"

Eine Auswahl von Leserbriefen zum Artikel von Martin Spiewak: »Ende einer Dienstzeit«, ZEIT 07/2007



Die Geschichte der Lehrerin Petra Sperfeld ist bedrückend realistisch geschrieben. – Es gibt aber nicht zwei Wahrheiten, sondern nur eine – und die ist momentan in allen Bundesländern mit schlechten Pisa-Ergebnissen gleich. Es geht für die Lehrer weniger darum, nicht mithalten zu können, als zu durchschauen, dass Menschen wie der Schulrat Schneiderhan* – gestärkt durch neue Hierarchien – die Schulen wie Betriebe »auf Vordermann« bringen sollen. Dabei kommen dann so menschenunwürdige Begriffe wie »Minderleister« heraus. Wie bemisst man die Leistung eines Lehrers?

Gerade in den sogenannten Problemvierteln haben Lehrer den Schulalltag mit immer mehr unmotivierten und teilweise nicht beschulbaren Kindern zu organisieren. Häufig leisten sie mehr Sozialarbeit mit Kindern, die nichts gegessen haben, im Winter ohne Strümpfe kommen oder von ihren Eltern geprügelt werden, als Wissensvermittlung zu betreiben.

Natürlich brauchen Lehrer hier ein dickes Fell, aber immer öfter brauchen sie es auch gegen die blinde Reformwut der Obrigkeit. Lernleistungen werden nicht dadurch besser, dass man sie häufiger überprüft. Es müsste auch mehr Ressourcen geben. Schulinspektion sollte dann darauf abzielen, diese zur Verbesserung von Schule einzusetzen, sodass effizientes Arbeiten möglich wird: sprachliche Frühförderung, kleinere Klassen, Fördermaßnahmen für Schwach- und Hochbegabte, Sonderbetreuung für Schüler mit auffälligem Sozialverhalten, didaktisches Training für Lehrer…
Karin Brose, Studienrätin, Hamburg

Herr Spiewak greift ein äußerst brisantes Thema auf, das selbst in Lehrergewerkschaftszeitungen einen stiefmütterlichen Platz einnimmt.

Reformen kosten Geld und Zeit. Besonders Ersteres wird unseren Schulen nicht übermäßig zugeteilt. Mein Vorschlag wäre, Lehrer nach längeren Phasen des Unterrichtens zur Generalüberholung für eine bestimmte Zeit wieder an Universitäten oder ähnliche Einrichtungen zu schicken mit entsprechender Erfolgskontrolle, um so aus »Minderleistern« »Toplehrer« zu machen.

Des Weiteren plädiere ich für weit mehr Autonomie an den Schulen, zum Beispiel für die Selbstverwaltung aller die Schule betreffenden Finanzen, auch die Finanzierung des Lehrkörpers. Staatliche Schulämter halte ich für fragwürdig. Sie sind lediglich Verwaltungsapparate, die Wege und Entscheidungen für Schulen unnötig verlängern und erschweren.

Mit dem durch die Abschaffung der Schulämter frei werdenden Geld könnte man Lehrer qualifizieren und in eine direkte Verwaltung investieren. Endlich könnte sich jede Schule ein Profil erarbeiten, mit dem sie wirbt und konkurriert. Somit wären auch die an Manager erinnernden Schulräte wie Herr Schneiderhan überflüssig und könnten sich einen Job in der freien Wirtschaft suchen oder als Lehrer in Schulen ihr Können unter Beweis stellen.
Waltrud Kron-Wagenhöfer, Haibach

Man könnte die Bezeichnung »Minderleister« in den Stand des »Unworts« des Jahres erheben . Mir jedenfalls scheinen der Erfinder und die Benutzer dieses Wortes ziemliche Minderleister zu sein.
Willi Teepe, Osnabrück

Aus der Sicht eines älteren Lehrers möchte ich anmerken: Die meisten von uns leiden nicht unter der Geschwindigkeit der durchgeführten Reformen, sondern unter der Flut von Unsinn, welche diese Reformen mit sich bringen . Tröstlich für uns ist allerdings, dass wir neben besserwisserischen Dampfplauderern aus Kultusbürokratie und Medien auch stille Verbündete erleben: die Schüler. Diese sind nämlich dankbar für einen älteren Lehrer mit Augenmaß, der den üblichen modischen Schnickschnack nicht mitmacht.
Rolf Kronmüller, Dettingen/Teck

Trotz des im Einzelfall tragischen Ausgangs sehe ich in der konsequenten Leistungsbewertung der Lehrer ein Erfordernis , dem nunmehr nach ewig langer Zeit die nötige Aufmerksamkeit gegeben wird. In der freien Wirtschaft ist es gar keine Frage, dass sämtliche Mitarbeiter in Abständen ihre Eignung für die sich ändernden Anforderungen nachweisen müssen. Sicher haben diese Personen auch dadurch eine gewisse Routine im Aushalten einer derartigen Stresssitutation.

Aber gerade die durch die Schüler so furchtbar gestressten Lehrer sollten stresskompatibler sein. Möglicherweise hat der Schulaufsichtsbeamte noch Bedarf an grundlegenden Fertigkeiten in der Konflikt-Kommunikation; zweckmäßig wäre es, vor der Aburteilung des Lehrers eine Prüfung zu wiederholen, um Tagesform-Fehler auszuschließen.
M. Wünsche, Dresden

In keinem anderen Land wurde auf die Pisa-Studie so hysterisch reagiert wie bei uns. Dazu haben in nicht geringem Maße viele Medien beigetragen! Da wundert es nicht, dass man nun äußerst zweifelhafte und inhumane Methoden (unter anderem Drohungen, disziplinarische Konsequenzen) anwendet, sogenannte »Minderleister« zu ermitteln, mit den entsprechenden Folgen.

Mit der Aussage, »in zehn Minuten« die Arbeit einer Lehrerin beurteilen zu können, disqualifiziert sich Herr S. selbst. Ich frage mich, wer eigentlich die Inspektoren kontrolliert? Wodurch sind sie legitimiert.
Elli Racky-Reuscher, Eitelborn

Als Herr Spiewak unlängst verlauten ließ, die Lerngruppengröße sei irrelevant für den Unterrichtserfolg, mochte man diese Aussage nicht ernst nehmen. Jetzt hat er einen Beitrag verfasst, für den ihm der Pulitzerpreis gebührt. Das Leben einer Lehrerin, die vom »Schulrat« als »Minderleister« eingruppiert wird, endet tragisch. Für Kenner des Milieus ist die Bezeichnung Schulrat schon lange eine Perversion . Geraten wird selten. Jahrzehntelang wurden mehr oder weniger sinnvolle Verwaltungsvorschriften zugestellt; neuerdings wird drakonisch Qualität eingefordert. Wann setzt sich die Erkenntnis durch, dass alle Reformen von oben an der Trägheit des Systems scheitern? Schule wird verändert durch eine andere, bessere Lehrerausbildung, ergänzt durch überzeugende Fortbildung. Letztere wurde parallel zum Reformeifer vielerorts eingespart.

Vielleicht sind Opfer wie Frau Sperfeld selten. Aber sie zwingen uns zum Nachdenken.
Dr. Günter Reuel, Berlin

Ich bin Lehrerin, und der Reformdruck belastet mich ebenfalls – aber nicht weil ich zu alt bin, um dessen Tempo zu folgen, sondern weil ich zu idealistisch bin , um mich mit seinen Zielen zu identifizieren. Kinder nur noch als Hardware zu sehen, in die möglichst effizient möglichst viel Daten einzuspeichern sind, wäre für uns als Studenten zu wilhelminisch gewesen. Wir wollten Kinder nicht als Material benutzen, wir wollten ihnen auf ihrem Weg einen Schritt weiterhelfen. Wir hatten also andere Erfolgkriterien als die, um die es jetzt geht. Unser Erfolgskriterium war, wie viele Kinder selbstbewusst und fröhlich ihren Weg zu finden gelernt haben. Unser Leistungsziel war deshalb, ab und zu auch etwas auszuhalten, hinzuhören, statt ständig nur den Ton anzugeben.
Kathrin Ehrenspeck, Darmstadt

 
Leser-Kommentare
  1. Immerhin gibt es Diskussionsbedarf und erfreulich ist es daher, dass Pädagogen sich hier äußern - sind sie doch in letzter Zeit allzusehr zum Spielball der Pisa-'Wissenschaft' degradiert und zum Sündenbock gesellschaftlicher Entwicklungen abgestempelt worden.
    Da ergeht allerdings flugs eine Anweisung des RP Detmold an die Schulen, der den Lehrerinnen und Lehrern untersagt, sich öffentlich in Leserbriefen zur Schulpolitik zu äußern. - Hört hört: Dies ist Stand der Realität im Februar 2007!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 22.02.2007 Nr. 09
  • Kommentare 1
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Lehrer | Bildungspolitik | Schulreformen | Hamburg | Dresden | Osnabrück
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service