Roman Vom Krieg und von der Liebe

Harald Martenstein hat seinen ersten Roman geschrieben: »Heimweg«. Ein Auszug

Ich bin nur ein Kind, obwohl ich schon so lange auf der Welt bin. Es ist das erste Mal, dass ich eine Geschichte aufschreibe. Ich habe keine Erfahrung mit so etwas. Es ist wohl eine Art Liebesgeschichte. Fragen Sie nicht, in welchem Jahr sie spielt, nicht einmal mein Großvater würde es schaffen, diese Frage zu beantworten. Natürlich könnte man im Hintergrund eine Fernseh- oder Radiosendung laufen lassen, wie es in Filmen oft gemacht wird, mit dem ostdeutschen Aufstand von 1953, mit dem ersten Elvis-Presley-Hit oder irgendeinem Wahltag, dann hängt zufällig auf der Straße ein Plakat mit dem Kopf von Konrad Adenauer. Aber das ist doch nur ein Trick. Als ob Elvis Presley und Konrad Adenauer so wichtig wären für alle und jeden.

Meinen Großeltern sind solche Sachen egal gewesen. Für sie gab es eigentlich nur die Zeit vor dem Krieg, eine kurze Zeit, in der sie sehr jung waren, es gab den Krieg, und es gab die endlos lange Zeit danach, diese Zeit, die den weitaus größten Teil ihres Lebens ausmachte und die ihnen doch in manchen Momenten beinahe bedeutungslos vorkam, weil ihr Leben für immer im Schatten der beiden früheren, kürzeren Episoden lag. Es war so ähnlich wie bei einem erfolgreichen Sportler, nehmen Sie Boris Becker, dessen Karriere früh endet und der sein weiteres, womöglich sehr langes Leben als ein endloses Danach zu empfinden gezwungen ist. Mit dem Unterschied, dass die entscheidenden Jahre von Boris Beckers Leben, diese Erinnerung, die er niemals loswird, Jahre des Triumphes gewesen sind. Das kann man von der Generation meiner Großeltern nicht behaupten.

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Das ganze Geschichtenerzählen ist ein einziger Betrug. Ich meine – man kennt als Erzähler das Ende, tut aber so, als ob man es nicht kennt. Man könnte alles ganz schnell erzählen und sich viel Zeit sparen, aber nein, man erzählt es langsam. Das, was man schreibt, ist manchmal klüger oder dümmer als man selber, genau wie ein Kind, bei dem die Eltern manchmal staunen, was, das soll von uns abstammen, aber wir verstehen es nicht, es ist anders.

Viele fragen sich: Warum bin gerade ich übrig geblieben?

Da es sich um meine Großeltern handelt, und da es mich zweifellos gibt, muss irgendwann ein Kind auftauchen, das sagt einem der gesunde Menschenverstand. Es dauert aber eine Weile, werden Sie in dieser Hinsicht nicht ungeduldig. Das Ziel meines Großvaters ist klar. Er möchte die Liebe seiner Frau zurückerobern, ohne genau zu wissen, ob er diese Liebe überhaupt jemals besessen hat. Und er möchte seine Kriegserinnerungen loswerden. Das Ziel meiner Großmutter besteht darin, dass sie ihr Leben genießen und ein Stück Sonne sehen will.

Leser-Kommentare
  1. wie Martenstein schreibt. Manchmal hatte ich den Eindruck, sein Stil sei eine Mischung zwischen Mann und Tucholsky, eventuell aber mehr Tucholsky und deswegen wohl auch leichter zu verdauen. Ich bin selbst bereits in der Naehe des Alters vom Grossvater, mein Kohlenklau und alles andere war daher kurz nach 1945. Ich werde mir das Buch daher wohl nicht kaufen. Haben wir das nicht alles selbst erlebt ? Muessen wir es nochmal lesen ?

  2. Richtig, 'schon nett...', um eine Anleihe bei einem früheren Kommentator zu nehmen.
    Aber was mehr?
    Nett heißt auch: Das reißt mich nicht vom Hocker.

    • Colon
    • 23.02.2007 um 20:37 Uhr

    Beim abendlichen Kamillentee las ich Martenstein und dachte mir, so müssten alle Buchrezensionen der ZEITausfallen. Die Herren und Damen Redakteure mögen in Zukunft, einfach einen Vorabdruck eines Kapitels der je beabsichtigten Neuerscheinung ins Blatt setzen oder auf der Webseite ablegen. Danach fällt die Meidbewegung oder, meinetwegen, die Hinwendung leichter. Die Redaktion wäre kolossal entlastet und könnte beginnen altersentsprechende
    Spielturniere zu veranstalten, öfter zu feiern oder aber, gemeinsam nun auch die Fußballspiele der Kreisligen anzuschauen.

    Was übrigens in den editorischen Angaben noch ergänzt werden könnte, ob das Werkchen bei 'Bekenntnisliteratur' oder unter 'Prominenz schreibt', immerhin eine Entäußerung des neuntwichtigsten Kulturjournalisten Deutschlands, abgegriffen werden kann. Sicher ist es auch ratsam, das Werk über den
    einschlägigen Buchclub zum Sonderpreis unter die Leute zu bringen und für eine Großdruckausgabe zu sorgen.

    Ganz recht, dieses Büchlein darf keinesfalls nackt den Weg zum Leser antreten. Einige heimelige Illustrationen wärmen das Herz, steigern den Wert und trösten über je individuell entdeckte, gähnend öde Lesestrecken hinweg.

    Zum Schluss bleibt mir nur, verzweifelt anzufragen: War die irre Katze endlich beim Psychiater? - Ich bin jetzt mal weg.

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