Filmmusik Spiel mir das Lied vom Film

Niemand hat den Klang des Kinos so geprägt wie Ennio Morricone. Jetzt bekommt der Komponist einen Oscar für sein Lebenswerk. Ein Gespräch über seine 12000 Stücke, edle Regisseure und die perfekte Fußball-Hymne

DIE ZEIT: Maestro, wann haben Sie zuletzt einen Film ohne Musik von Ennio Morricone gesehen?

Ennio Morricone: Es war Million Dollar Baby von Clint Eastwood. Aber Eastwood war nicht zu sehen, und ich war nicht zu hören. Es war mächtig entspannend!

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ZEIT: Würden Sie Ihre eigenen Filmmusiken überhaupt alle erkennen?

Morricone: Vielleicht zu 99 Prozent. Ich entsinne mich aber nicht immer, für welche Filme ich sie geschrieben habe.

ZEIT: Ist es vorgekommen, dass Sie die richtige Musik zum falschen Film geschrieben haben?

Morricone: Ja, das gab es. Als ich jung war, kriegte ich eine Reihe von B-Filmen. Für die habe ich gearbeitet, weil ich Geld brauchte. Ich sah also so ein Machwerk, in dem die Schauspieler wie Marionetten durch die Gegend staksten, und verspürte das Bedürfnis, es irgendwie zu retten – mit richtig guter Musik. Ein ungeheuerlicher Fehler! In Rom sagen wir: »Einen Papagei wie den Papst anziehen«. Das habe ich versucht, und es ging schief.

ZEIT: Von Ihnen weiß überhaupt keiner, wie Sie sich anziehen. Sie sind vermutlich der unbekannteste unter den berühmten Komponisten der Welt. Millionen Leute pfeifen Ihre Melodien, aber die wenigsten haben Ihr Gesicht präsent. Eher denken sie, wenn sie Ihre Musik hören, an Clint Eastwood. Stört Sie diese Unsichtbarkeit?

Morricone: Aber nein, überhaupt nicht. Es reicht mir, wenn die Leute meine Musik kennen.

ZEIT: Und in Rom, Ihrer Heimatstadt? Erkennt man Sie hier auf der Straße?

Morricone: Nein. Manchmal glaube ich, dass ich im Ausland ohnehin bekannter bin als in Italien. Allerdings muss ich sagen, dass ich in Rom gut 30 Konzerte gegeben habe – und die waren immer sehr gut besucht.

ZEIT: Sie leben mitten in Rom in einer Wohnung am Fuße des Kapitols. Wir stellen uns vor, wie Sie dort am Klavier sitzen und komponieren. Sind Sie ein Stubenhocker?

Morricone: Ich komponiere gar nicht am Klavier. Ich arbeite am Schreibtisch. Ich probiere die Ideen höchstens später am Flügel aus. Aber das mit der Stubenhockerei stimmt. Das Herumreisen gefällt mir nicht. Schon gar nicht mit dem Flugzeug!

ZEIT: Sie haben viel mehr geschrieben als Ihre sowieso ungemein vielgestaltige Filmmusik, beispielsweise eine Chorkomposition zum 11. September, Voci dal silenzio, außerdem sinfonische Musik und Kammermusik. Man hat Sie als musikalisches Chamäleon bezeichnet.

Morricone: Das Chamäleon Morricone hat aber klassisch begonnen. Als junger Mann wollte ich ja nicht Filmkomponist werden, sondern ganz einfach Komponist.

ZEIT: Sie hatten in Goffredo Petrassi einen hochrangigen Kompositionslehrer. Und natürlich kannten Sie Ihre Kollegen Nono, Dallapiccola, Berio, Donatoni; oft standen Sie gemeinsam auf Konzertplakaten. Was halten Sie rückblickend von ihnen, und wie stimmt das italienische Publikum ab?

Morricone: Berio und Donatoni sind von denen, die Sie genannt haben, die modernsten. Nono gefiel mir sehr, vor allem seine Chormusik. Die Italiener indes mögen zeitgenössische Musik gar nicht. Sie ist den Leuten hier ziemlich egal. Die wenigen Konzerte, die es gibt, finden vor leeren Reihen statt. Und wenn Sie innerhalb eines klassischen Konzerts mit Mozart und Beethoven etwas Modernes bringen, müssen Sie damit rechnen, dass das Publikum den Saal verlässt.

ZEIT: Finden Sie das nicht bedauerlich?

Morricone: Ich bin davon überzeugt, dass man dem Publikum etwas anbieten muss, was es auch verstehen kann. Etwas, das die fundamentalen Musikerfahrungen der Leute respektiert, aber in einer zeitgenössischen Sprache kommuniziert wird. Musik ist doch Kommunikation! So lange man das nicht berücksichtigt, fürchte ich, dass zeitgenössische Musik nicht nur in Italien weiter enorme Akzeptanzprobleme haben wird.

ZEIT: Wie waren Ihre eigenen Erfahrungen damals als Neutöner? 1958 waren Sie ja sogar Besucher der Darmstädter Ferienkurse.

Morricone: Ich sage Ihnen, geschlagene neun Monate schrieb ich an meinem ersten Orchesterstück, das auf dem Festival von Venedig aufgeführt wurde. Und für diese ganze Arbeit bekam ich lächerliche 60000 Lire. Da begriff ich, dass ich von solchen Kompositionen keine Familie ernähren konnte.

ZEIT: So wird man also Filmkomponist?

Morricone: Genau. 1946 begann ich, Arrangements für das Varieté-Theater zu schreiben, dann für das Radio und das Fernsehen. 1961 kam der erste Kinofilm, Il Federale von Luciano Salce . Viele Jahre war ich dann mit dem Kino so beschäftigt, dass ich meine ursprüngliche Kompositionsarbeit liegen ließ. In den achtziger Jahren fing ich aber wieder damit an. Ich selbst betrachte mich also als einen Komponisten, der auf zwei Säulen steht.

ZEIT: Ist es Ihnen passiert, dass Sie eine Melodie oder ein ganzes Stück im Kopf hatten, Ihnen aber der Film dazu fehlte?

Morricone: Ehrlich gesagt, nie. Ich denke mir nämlich nicht einfach so eine Melodie aus. Ich brauche dazu den Film, und dann fällt mir auch sofort eine Menge ein.

ZEIT: Das haben wir über die Jahre gemerkt.

Morricone: Ich erzähle Ihnen eine Anekdote mit Warren Beatty. Ich spiele einem Regisseur natürlich nicht nur ein, zwei Themen vor für seinen Film, sondern viel mehr. Auf 16 Themen habe ich es einmal gebracht, der Regisseur kann sich dann eines aussuchen. Warren Beatty spielte ich für seinen Film Bugsy fünf oder sechs vor, und sie gefielen ihm alle. Als ich dann nach Amerika zu einer Preisverleihung eingeladen wurde, hielt Beatty die Laudatio. Und er sagte: »Morricone hat sechs Themen für mich geschrieben. Ich durfte eines davon auswählen. Und jetzt muss ich die Filme für die übrigen fünf drehen!«

ZEIT: Haben Sie denn eigentlich ein Lieblingsstück?

Morricone: Nein, wie soll das gehen? Schauen Sie: Für jeden Film habe ich durchschnittlich 30 Musikstücke geschrieben. Und ich habe für rund 400 Filme komponiert. Das macht – warten Sie (holt einen Taschenrechner aus der Hosentasche) – 12000 Musikstücke. 12000! Wie soll ich daraus eins auswählen?

ZEIT: Zu Ihrem Ärger werden Sie immer noch als Komponist der italoamerikanischen »Spaghetti-Western« einsortiert, obwohl das Etikett nur auf einen Bruchteil Ihrer Filmmusik zutrifft. Wenig bekannt ist zum Beispiel, dass Sie eng mit Pier Paolo Pasolini zusammengearbeitet haben. Wie war Pasolini?

Morricone: Sehr höflich. Er hatte einen tiefen Respekt vor Professionalität. Der erste Film, bei dem wir zusammengearbeitet haben, war Uccellacci e uccellini. Pasolini brachte mir eine Liste von Musikstücken mit, die ich entweder imitieren oder in meine Kompositionen einbauen sollte. Da wurde ich wirklich sauer und sagte: »Pasolini, da sind Sie bei mir an der falschen Adresse. Ich habe nämlich Spaß daran, die Musik selbst zu schreiben. Das ist übrigens auch mein Beruf. Was Sie da von mir wollen, kann ich nicht akzeptieren.«

ZEIT: Wie hat Pasolini reagiert?

Morricone: Er sagte: »Na, dann machen Sie, was Sie wollen.« Er war der einzige Regisseur, der mir das jemals gesagt hat. Mit den Brüdern Taviani habe ich nicht mehr zusammengearbeitet, weil sie sich dauernd einmischten, andere versuchten das auch immer wieder. Pasolini überließ mir große Freiheit, aber auch große Verantwortung. Er hatte nur einen Tick, ich glaube, das entsprang irgendeinem Aberglauben. Er wollte immer ein Zitat in seinen Filmen. Für Uccellacci e uccellini musste es eine Mozart-Arie sein. Für Teorema wollte er ein kleines Stück aus Mozarts Requiem. Das habe ich gemacht, aber das Zitat derart versteckt, dass er es allein gar nicht erkannt hätte. Und das amüsierte ihn. Unsere Zusammenarbeit war fantastisch, aber ein paar seiner späteren Filme hätte ich ablehnen sollen.

ZEIT: Warum denn das?

Morricone: Für das Decameron wollte er ein neapolitanisches Lied, für die Erzählungen von Canterbury sogar, dass ich ein Stück für den Dudelsack komponierte. Grässlich. Für Salò – Die 120 Tage von Sodom habe ich nur ein kleines Pianostück geschrieben, zu dem sie sich während der Orgie aus dem Fenster werfen. Ich habe den Film übrigens erst später, als ganz normaler Zuschauer, im Kino gesehen. Pasolini wollte ihn mir nämlich nicht zeigen.

ZEIT: Wie bitte?

Morricone: Er schämte sich. Er wusste, dass der Film sehr provozierend war. Aber er wollte die Kritiker und das Publikum damit provozieren, nicht mich. Er war ein Mensch mit einer edlen Seele. Er wollte mir die Scheiße und andere, schlimmere Sachen einfach nicht zumuten.

ZEIT: Pasolini und Sie hatten eine gemeinsame Passion: Fußball. Sie, Maestro, sind seit Ihrer Kindheit ein glühender Fan des AS Rom.

Morricone: Ja, und mein enger Freund Sergio Leone, Römer wie ich, war Fan des Lokalrivalen Lazio Rom. Wir haben so manches Derby zusammen gesehen. Mein erstes Match als Kind aber war AS Rom gegen Juventus Turin, 1:0, im Oktober 1938. Damals spielte meine Mannschaft noch im Stadion des Schlachthofviertels Testaccio. Später hatte ich über viele Jahre eine Dauerkarte im Olympiastadion. Ich muss sagen, in dieser Saison spielt AS Rom wie ein richtig gutes Orchester.

ZEIT: Wie würden Sie es anstellen, eine Musik zu einem Fußballspiel zu schreiben?

Morricone: Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Jetzt erwischen Sie mich kalt. Ich kenne die Komposition eines römischen Kollegen über einen Boxkampf in drei Runden. Sehr hübsch. Aber Fußball? Erstens dauert ein Spiel zu lange. Man kann nicht volle 90 Minuten untermalen.

ZEIT: Vor allem wenn, wie so oft, nicht viel passiert.

Morricone: Eben. Und dann stellt sich die Frage: Soll ich die Energie der Mannschaft zum Thema machen oder den Seelenzustand des einzelnen Spielers? Ganz sicher brauchen wir da eine ambivalente Musik, die beide erfasst, Spieler und Mannschaft. Also eine, die feurig ist, intensiv und dynamisch.

ZEIT: Wirklich erhellende Gedanken! Grazie.

Morricone: Was bekomme ich dafür?

ZEIT: Unsere ewige, uneingeschränkte, tief empfundene Dankbarkeit, Maestro.

Morricone: Perfetto!

Das Gespräch führten Wolfram Goertz und Birgit Schönau

Ennio Morricone wurde 1928 in Rom geboren. Er studierte unter anderem Komposition bei Goffredo Petrassi. 1961 schrieb er seine erste Filmmusik. Berühmt wurde er durch Filme wie »Spiel mir das Lied vom Tod«, »Es war einmal in Amerika«, »Die Unbestechlichen« oder »Cinema Paradiso«. Fünfmal wurde er für den Oscar nominiert – gewonnen hat er ihn nie. Doch bei der Verleihung am 25. Februar erhält er die Auszeichnung für sein Lebenswerk. Aus diesem Anlass veröffentlichte Sony/BMG die CD »We all love Ennio Morricone«, an der Celine Dion, Renée Fleming, Yo-Yo Ma, Metallica, Bruce Springsteen, Roger Waters, Quincy Jones und Herbie Hancock mitgewirkt haben

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