Musik Das Ende der BescheidwisserSeite 4/4
Ob die Popmusikkritik, die letztlich eine Popkulturkritik sein muss, nun aber zur einen oder zur anderen Möglichkeit neigt, das grundlegende Dilemma wird sie nicht los: In ihrer postheroischen, postavantgardistischen Phase weiß sie es nicht besser als das informierte Publikum. Alles, was sie tun kann, ist, dieses Dilemma fruchtbar zu machen: indem sie auf Gesten der Souveränität verzichtet und sich ihrem Gegenstand mit Geduld und Kenntnis nähert; indem sie ihr Fasziniertsein in einer Sprache ausdrückt, die auf Preisungsfloskeln und Anbiederungen verzichtet; indem sie, ohne auf unmittelbare Wirkung zu hoffen, ihre Verstrickung in die Gegenstände einbekennt und nicht vom Hochsitz aus formuliert. Die neue, vorläufig letzte Rolle des Kritikers bestünde demzufolge in einer Geschmacksbildung auf Augenhöhe. Für die Kunstkritik, die diese Diskussion seit Längerem führt, hat Boris Groys es einmal so ausgedrückt: Der Kritiker ist ein Zeigender. Er zeigt auf die Dinge, die er interessant findet, und damit immer auch auf sich selbst.
Und die neue, die von den Toten auferstandene Spex? Noch ist, bei guten Ansätzen, nicht abzusehen, wo genau sie sich innerhalb dieser Gemengelage verorten wird. Erkennbar ist der Wille, den Betrieb stärker als bislang Betrieb sein zu lassen und bei einem aufs Wesentliche reduzierten Layout auf selbst gesetzte Themen zu vertrauen. In der Relaunch-Ausgabe schreibt Klaus Theweleit über Pasolini, ein 14-seitiges Special widmet sich dem 10. Todestag von Martin Kippenberger, dazu gibt es Musikartikel unterschiedlicher Machart und Güte. Auf die Spex- Debatte selbst reagiert das Editorial, indem die Redaktion sich von der Last des Erbes freizuschwimmen versucht: Die »Nostalgie der Echtheit« seit Punkzeiten habe zu einem Denken in Abschieden geführt, das dem unverdrossenen Weitermachen der Popkultur nicht gerecht wird. Gern hätte man ein wenig mehr darüber erfahren, wo bei dieser Bestandsaufnahme einer Bestandsaufnahme, programmatisch gesehen, die Zukunft liegt. Doch wie es auch immer kommen mag, zurück nach vorn führt kein Weg: Wer heute nichts kennt als seine eigene Coolness, scheitert auch daran. Wer weiß, was die Stunde geschlagen hat, lebt selbst als Totgesagter ganz vergnügt.
- Datum 21.02.2007 - 07:15 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.02.2007 Nr. 09
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die spex, besser die ganzen ehemaligen ex-redaktionen der spex sollten wohl eine abreibung bekommen. mag sein, dass so mancher sich durch lesen oder verweigern der spex mit den inhalten nicht einverstanden war oder es als zu elitär fand..
ich teile diese ansicht nicht. auch wenn heute alle so demokratisch ist, so wird auch alles sehr gleich - schauen sie sich nur die ganzen fussgängerzonen in deutschland an. ausserdem glaube ich nicht, dass irgendwer der damaligen spex (auch wenn er noch so arrgant gewesen sein könnte) musikhörer/-liebhaber hätte ausschliessen wollen. es gibt nunmal schlechten und guten geschmack. was solls?
Leider, leider,
haben sich zu Tode geupdated. Irgendwann in den neunziger Jahren wurden sie ein ( ideologischer ) Teil des kölschen Klüngels um VIVA-Dieter Gorny und dessen 'NEUE MITTE'-Vorstellungen von Popkultur. Wodurch sie den Ulf Poschardts dieser Welt ( 'FDP wählen ist POP' ) den Weg bereiteten. Tja nun haben wir den Salat und erzreaktionäre Spießer wie mein Vorredener ( Agitator ) haben die Deutungshoheit über so wunderbare Dinge wie Kunst und Musik. Wie schade!
Seit 1983 habe ich jede Ausgabe von SPEX gelesen und genossen. Gelernt und delektiert. In der Debatte um SPEX wird ein Aspekt vernachlässigt, der viel stärker ins Zentrum gestellt werden sollte. Diese Zeitschrift diskutierte, kommentierte, bewertete nicht nur Pop/Kunst, sondern hat sich immer auch selbst als Kunst präsentiert. SPEX-Hefte waren und sind bisher Kunstwerke gewesen. Man vergleiche nur einmal die Coverart von SPEX mit anderen respektablen Musikmagazinen. SPEX wollte eben immer mehr sein als guter Popjournalismus; jedes Foto, jede Story, jede Rezension schrie, oft zu Recht: 'Seht her - ich bin Kunst!' Ich hoffe, daß dieser Kunstanspruch erhalten bleibt, soliden Popjournalismus finde ich auch woanders, aber nicht diese Leidenschaft, in der Kommunikation über Kunst selbst Kunst zu produzieren und zu sein.
'jedes Foto, jede Story, jede Rezension schrie[...]: 'Seht her - ich bin Kunst!''
Und deshalb ist dieses Heft für diverse Plagen in der deutschen Musikszene mitverantwortlich zu machen. 'Seht her - ich bin Kunst!' ist zu einer Attitüde geworden, die den deutschen Independent-Musikbereich über weite Strecken unerträglich gemacht hat, von der völlig dämlichen (wahrscheinlich postmodernstrukturalistischdiskursiven) Selbstdarstellung der Kunststudenten-Bands bishin zu den immergleichen Texten, in denen die banalsten 'Einfälle' durch Aufbietung irgendwelches (nicht zuletzt aus der SPEX angeeigneten) kruden, selbstverliebten Gefasels zu 'Kunst' erklärt wird.
Das Ganze natürlich ständig mit einer guten Dosis 'Punk' als stets willkommene Entschuldigung dafür, daß man sich mit der Musik (natürlich nicht aus Mangel an Talent, sondern absichtlich!) keine besondere Mühe machte. Einfach uncool und wahrscheinlich inhärent reaktionär (oder heute neoliberal), sich erst vor das Publikum zu trauen, wenn man etwas Vernünftiges vorweisen kann. Arbeitsverweigerung, Streik als Grund für Fantum.
Je mehr 'Kunst', desto mehr ist schlechte Musik gut, oder anders herum: Wenn etwas subjektiv einfach schlecht wirkt, so ist dies in jener Welt der verqueren Wahrnehmung eigentlich schon der Garant für 'Kunst'. Begriffe wie 'Qualität' müssen dafür natürlich gleich mit umgekehrt werden, damit keiner was merkt und sich verwundert die Augen reibt.
Das entsprechende Publikum lebt längst in derselben Umpolung. Wer das nicht mitdenkt, der gehört schlicht zum Pöbel, und der hat natürlich (hier muß dann auch mal Schluß sein mit der Punk-Attitüde) überhaupt keine Ahnung davon, was gut ist.
Über die Schnittmengen von Ballermann-Techno und 'Kunst'-Musik demnächst mehr.
wenn 'kunst!' zur pose gerinnt, kommt natürlich nur das raus, was vorher schon drin war. und wenn nur 'sch.....' drin war, kommt auch nur 'sch.....' raus.
ob sie gut oder schlecht ist, ist der kunst selbst aber eigentlich egal.
ob sie gefällt oder mißfällt spielt da keine rolle.
geschmacksfragen laßen sich auf dieser ebene also gar nicht diskutieren.
dafür ist geschmack zu subjektiv, kunst als solche aber dem publikum gegenüber zur objektivität verpflichtet [auch wenn sie subjektives zelebriert].
echte könnerschaft dagegen ist schön und imposant zu bestaunen, also schon selbst wieder kunst. solange jedoch epigonal gedehnte redundanz hinten raus kommt, ist sie kröpfchenweise überflüßig.
ich habe nie spex gelesen.
und wüßte nicht, wieso ich jetzt damit anfangen sollte.
das reden [+schreiben+lesen] über musik, hält doch die meisten nur vom eigentlichen, dem hören [+machen] ab...
"Warum bespricht man das eine und vernachlässigt das andere?" ist eine Frage, die sich jeder Autor nicht erst seit der Ankunft der sogenannten "neuen Medien" gestellt haben sollte, bevor er anfängt zu schreiben. Im Zweifel bespricht man doch das, was einen selbst und bestenfalls auch den Leser interessiert, und vor allem: womit man sich auskennt. Das relativiert sich dann nämlich auch nicht zwangsläufig durch den nächsten Schreibanlass. Wenn ein Kritiker ins Schwimmen gerät, dann hat er diese Grundregel missachtet. Den Anspruch, eine allgemein verbindliche Geschmacksbibel zu schreiben, kann sich der Kritiker von heute freilich von der Backe wischen; aber "Geschmacksreiseführer" sollten alleine aufgrund der heutigen Informationsflut gefragter denn je sein - und dafür braucht es beim angehenden Kritiker vier Dinge: Enthusiasmus, analytische Fähigkeiten, beschreibende Fähigkeiten und Feldexpertise. Diese Kompetenzen vereint nicht jeder in sich, insofern kann vom "Tod des Kritikers" keine Rede sein. Will er sich das draufschaffen, dann wird er sich zwangsläufig einem "slow journalism" verschreiben müssen; und damit einen neuen Distinktionsgewinn gegenüber jenen Aktualitätszwitscherern gewinnen, die auf jeder Welle mitsurfen zu müssen meinen, bloß weil sie gerade 'aktuell' ist - und denen darüber die Muße verloren geht, sich mit einem bestimmten Feld vertieft auseinanderzusetzen. Hier gilt freilich: Mancher Kritiker befindet sich - zu Recht - in der Krise.
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