Politisches Buch Ein kalter, dunkler Fleck
Anne Siemens erzählt die Geschichte der RAF aus der Perspektive der Opfer
Dieses Buch will sich gar nicht unter die »großen« zeitgeschichtlichen Darstellungen der RAF mischen. Es stellt weder die Frage nach dem Wie noch nach dem Warum der Morde, es wirft vielmehr aus einer ganz anderen Perspektive Licht auf ein auch nach gut dreißig Jahren im Grunde noch undurchsichtiges Phänomen. Es ist eine Perspektive, die im Laufe der Zeit dem punktuellen kommunikativen Beschweigen des Deutschen Herbstes anheimgefallen war. Und dass es bei aller RAF-Hermeneutik solche Zonen der Ausblendung und der Verdrängung gegeben hat, noch immer gibt, lehrt die Lektüre dieses Buches unter anderem auch.
Die Autorin hat die Hinterbliebenen der Mordopfer befragt, behutsam ergänzt sie deren Aussagen durch Fakten. Indem ihr nicht an der Durchsetzung einer These gelegen ist, stärkt sie den Eindruck der Lektüre. Die Tathergänge der Zäsuren setzenden Fälle wie des Überfalls auf die deutsche Botschaft in Stockholm im April 1975 oder der Schleyer-Entführung samt anschließendem Kidnapping der Landshut im Herbst 1977 lesen sich heute aus Sicht der Mitopfer immer noch bedrückend, teils erschütternd. In Wirklichkeit kämpfte ja nicht »der Staat« gegen eine terroristische Bedrohung, sondern Politiker, Beamte und Familien gegen kriminelle Täter, deren Entschlossenheit zum Bösen bis dahin beispiellos war. Das macht einen Unterschied.
34 Tote gehen auf Kosten der RAF, mindestens die Hälfte von ihnen waren Unbeteiligte. Im Buch von Anne Siemens erhalten jedenfalls einige durch die Erzählungen ihrer Ehefrauen und Kinder eine Persönlichkeit, eine eigene Geschichte zurück. Eines wird augenfällig: Keines der Opfer entsprach dem Zerrbild des Systemfunktionärs, das die RAF malte, um ihre Anschläge zu rechtfertigen. Aus Individuen wurden Repräsentanten, erst für die Täter, doch nach ihrem Tod, einem perfiden Mechanismus folgend, blieben sie es in der Öffentlichkeit.
Ihre Taten nachträglich zu kollektivieren, sie aus dem angeblichen politischen Kampf eines mit welthistorischer Energie angereicherten Zentrums hervorgehen zu lassen und stillschweigend Einzelverantwortung zu verwischen war eine Strategie, mit der die RAFler bis heute erfolgreich sind. Ungewollt korrespondierte diese Strategie mit einer öffentlichen Sicht auf die Ereignisse, die im Wesentlichen unrevidiert blieb: dass es sich beim RAF-Terror um einen zwar realen, vor allem aber hochsymbolischen Konflikt handelte, nämlich um eine historische Herausforderung des deutschen Rechtsstaates (die Probe auf die wehrhafte Demokratie), die dieser letztlich parierte.
Sicher gab es auch diesen Aspekt. Nur hat er den Konflikt gewissermaßen anonymisiert, ihn zu einem staatspolitischen Schauspiel gemacht – und die Handelnden zu dessen Gestalten. Er hat in der Öffentlichkeit auch dafür gesorgt, dass das rechtsstaatliche Handeln nicht, wie in jedem gewöhnlichen Mordfall, Ausdruck eines gemeinsamen Interesses der Bürger war. Es blieb vielmehr monströs, fremd, und tatsächlich war es das bis zu einem gewissen Grad auch. Diese Selbstentfremdung der Republik ist bis heute ein kalter, dunkler Fleck.
- Datum 26.02.2007 - 11:18 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.02.2007 Nr. 09
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'Aus Individuen wurden Repräsentanten, erst für die Täter, doch nach ihrem Tod, einem perfiden Mechanismus folgend, blieben sie es in der Öffentlichkeit.'
Woraus um Gottes Willen leitet der Autor diese Schlußfolgerung ab?
Die Vorstellung des Buches macht Lust, es zu lesen und die tragische Geschichte um neue Facetten zu bereichern. In einem möchte ich dem Verfasser des Artikels allerdings vehement widersprechen. Er stellt den Beamte, Politiker und Angehörige auf die eine Ebene, die 'zum Bösen entschlossenen' Terroristen auf die andere. Die Rolle der Beamten des Staates und die Rolle der Politiker war in diesem ganzen Casus von Anfang an eine höchst dubiose und zweifelhafte - die agierenden Beamten und Politiker auf eine Stufe mit den Angehörigen zu stellen, erscheint mir dem Leid der Angehörigen und den bekannten Fakten nicht angemessen.
Die Leserschaft stelle sich für einen kurzen Augenblick vor, die RAF hätte sich 'Braune Armee Fraktion' genannt. Horst Mahler läßt grüßen.
Wie wäre es dann um die verklausulierte Sympathie der Medien bestellt, die Kritik der Journalisten am Staat - immerhin einer SPD/FDP - Regierung.
Es ist schon unerhört wie der deutsche Terrorismus sogar von dem Rezensenten zu einem 'deutschen Herbst' verniedlicht wird. Waren ja noch nicht einmal 40 Opfer - was regen wir uns auf.
Zur Erinnerung sei nur kurz darauf hingewiesen, daß dem 'deutschen Herbst' die 'heiteren Spiele' in München vorausgingen. Auch die Straßenschlachten Ende der 60er/Anfangs der 70er Jahre dürfen nicht vergessen werden.
Inzwischen scheint der Marsch durch die Institutionen gelungen, noch 10 Jahre und die ersten Städte werden den 'Kämpfern' der RAF Denkmale errichten. Wie auch der ehemalige Straßenkämpfer Joseph Fischer dem breiten Publikum nur noch als Friedensfürst bekannt ist.
Versagt hat in dieser Zeit aber nicht der Staat und seine Repräsentanten. Versagt haben die Medienvertreter, die es sogar heute noch nicht über das linke Herz bringen, sich von den Verbrechern von einst eindeutig zu distanzieren.
Auf München folgte Mogadischu. Auf Mogadischu folgten Gladbeck und Bad Kleinen.
Jawohl, auch die Erkenntnisse aus Gladbeck haben der Bevölerung die Ohnmacht des Staates deutlich vor Augen geführt. Nach Bad Kleinen durfte monatelang über dieTodesumstände eines eiskalten Mörders spekuliert werden. Der Beamte Michael Newrzella wurde bis heute mit Nichtbeachtung gestraft. Geldbeschaffung und Schulung der Terroristen werden mit gutem Grund bis heute nicht gründlich hinterfragt.
Nein, liebe Journalisten. Stellt Euch nur einmal vor, die Terroristen hätten ein Hakenkreuz als Symbol gewählt und sich als das entpuppt was sie wirklich sind, eine Konkurrenzorganisation zum Terror von rechts ...
So manchen, die sich heute haarsträubenden Gedankenspiralen über Gnade, Reue und Verstehen hingeben, würden ihre Zeilen so absurd erscheinen wie sie sind. Die Feinde der Demokratie müssen nicht nur auf dem rechten Auge blind sein, auch eine linke Sehschwäche ist dem freien Staatswesen nicht förderlich.
korfstroem
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