Lebenszeichen Die Machtfrage
Harald Martenstein ringt mit einem gestörten Kater
Der alte, schwarze Kater, den ich vor einiger Zeit von meiner verstorbenen Alt-68er-Tante geerbt habe, ist irgendwie gestört. Als sie jung war, hat meine Tante übrigens ähnlich gut ausgesehen wie Uschi Obermaier. Sie besaß ein erweitertes Bewusstsein und die Platten von Bob Dylan, rauchte Gott weiß was und trug Blumen im Haar. Dies alles aber hat den Kater nicht davor bewahrt, gestört zu werden. Purple haze is in his brain .
Der Kater kann zum Beispiel nur schlafen, wenn sein Schlafplatz der höchste Punkt im Raum ist und wenn er seinen Blick von oben über die Wohnung schweifen lassen kann wie der König der Löwen auf seinem Felsen. Wenn er nicht am höchsten Punkt des Raumes liegen kann, wandert er die ganze Nacht heiser schreiend und mit glühenden Augen in der Wohnung umher wie Behemoth. Ich nehme an, er fühlt sich nur ganz weit oben sicher vor den anderen, jüngeren Katern. Ich kenne dieses Gefühl. Oder es hat gesellschaftliche Ursachen. Wir haben ihm überall in der Wohnung Katzenkörbe mit Polsterung angeboten, er aber hat sie auf seine gestörte Weise verschmäht und wollte in das Wohnzimmer, wo das Bücherregal steht.
Der Kater ist auf die Stereoanlage gesprungen, die neben dem Bücherregal steht, und dann, um in den alten Gelenken warm zu werden, einige Male auf ein niedrig gelegenes Regalbrett und wieder zurück, schließlich mit einem großen Satz ganz oben auf das Regal. Aber er hat das Regal nur mit seinen Vorderpfoten erreicht, und sein dürrer, schlaffer Altherrenhinterleib pendelte frustriert in der Luft. Daraufhin hat der Kater seine Technik verändert, er ist jetzt von der Stereoanlage, die inzwischen stark verkratzt ist, schräg an die Wand gesprungen, von der Wand hat er sich mit allen vier Pfoten abgedrückt, und so ist er relativ easy auf das Regal gekommen. Der Sprung sieht spektakulär aus.
An der Wand hängt jetzt die Tapete in Fetzen herunter, und die Wand hat Dellen. Das kann ich nicht hinnehmen. Ich habe die Stereoanlage und den Stereoschrank in die Mitte des Wohnzimmers gerückt, damit der Kater sie nicht mehr als Absprungrampe benutzen kann.
Daraufhin hat der Kater in der Wohngemeinschaft die Machtfrage gestellt und die ganze Nacht pausenlos geschrien, weil seine Bedürfnisse nicht befriedigt werden. Lenin sagte: Wer wen, so lautet die Machtfrage. Ich habe aus dem Keller die alte rostige Leiter geholt, jetzt hinkt der Kater mit knackenden Knochen über die Leiter auf das verdammte Regal, und die rostige Leiter steht Tag und Nacht im Wohnzimmer. An bürgerliches Wohnen ist in diesem Wohnzimmer nicht mehr zu denken. Im Badezimmer kann ich nicht mehr baden, weil das Katzenklo zu stark riecht. Mein Sohn macht es regelmäßig sauber, um Verantwortung zu lernen, aber irgendwas stimmt nicht mit dem Kot dieses Katers, ich kenne doch Katzen, dieser Kot aber riecht wie kein Kot, den ich je kannte. Der Kater hat ein Verdauungsproblem. Oder es ist ein Drogenproblem.
In letzter Zeit schreiben sie wieder alle über Uschi Obermaier, die 68er und die Tage der Kommune. Fragt mich!
Lebenszeichen 2007:
Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - chronologisch archiviert »
- Datum 22.02.2007 - 11:14 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.02.2007 Nr. 09
- Kommentare 4
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Lieber Harald,
ich glaube, dass die Anschaffung dieses Tieres doch für Sie eine unerwartete Schwierigkeit bedeutet, insbesondere dann, wenn man als Schriftsteller so viel arbeitet wie Sie. Vielleicht bietet sich ja die Möglichkeit diese Katze zu einer lieben, älteren Verwandten zu geben wo Sie, sie hin und wieder dann, wenn auch etwas scheinheilig, besuchen können. Ich glaube, dass es auch wichtig für Sie ist in Ruhe arbeiten zu können, denn es liegen ja noch große Aufgaben vor Ihnen. Ihren ersten Roman werde ich mir natürlich kaufen, weil die Auszüge in dieser Zeitung, haben mich davon überzeugt, dass diese Geschichte einfach lesenswert ist.
Liebe Grüße LK
Lieber Herr Harald,
meine Kommune und ich leben auch gemeinsam mit einem schwarzen Exemplar der Katzenähnlichen (Feloidea). Gleichfalls in Teilen behindert bzw. 'overall challenged'.
Das Exemplar ist ebenfalls männlich, nimmt aber wohl keine Drogen bzw. wurde mit solchen in seiner Vergangenheit eingeräuchert. Allerdings stammt das Exemplar aus einem Heim für Ausgestoßene. Wer weiß, was man ihm früher angetan hat.
Jedenfalls verfügt das Raubtierähnliche inzwischen nur noch über einen sehr stark eingeschränkten Zahnvorrat, dies(er) jedoch scheint ihm nicht bewusst, denn es 'beisst' und steht seinen Mann bestimmungsgemäß weiterhin sehr aktiv bei vermuteten feindlichen Übergriffen... Außerdem hat es beeindruckenden Mundatem. Abstandhalten bei Gähnsequenzen ist also ratsam.
Das Wesen isst natürlich gerne, was bleibt ihm auch, nach der Entmannung. :-(
Die leichte Debilität hat es sich vermutlich durch ungeplante und tragische Zusammenstöße mit Mauern infolge Sprungzielverfehlung zugezogen - das Leben, ein ständiges Risiko.
Gerne pflegt es Gras zu verzehren, was ja für ein Raubtierähnliches darauf hindeutet, dass doch(!) alles im (gras)grünen Bereich ist.
Ingesamt zeigen sich bei der Verhaltensanalyse seltsam-erruptive Phasen des 'Innehaltens' - insbesondere während der täglichen Waschgänge. Das Raubwesen starrt dabei wie gebannt mehrere (lange) Sekunden an eine befreundete Wand oder auch nur in die Luft - so scheint es Mitwohnenden wenigstens. Aber wer weiß, es sieht wohl was, was sie nicht seh'n. Es ist ja ein höheres Raubwesen. :-)
Gerne schlingt das Raubwesen morgendlich seine Ärmchen um die meist noch schlafende Mitbewohnerin, die ihm Dauerasyl gewährt, gerne dabei auch das Hinterteil auf deren Gesicht ablegend. Dann weiß die Mitwohnende: es ist 5.00 Uhr irgendwas, Kuschelangriff mit einseitig-freudvollen Krallenausfahrexerzizien...
Alles in allem also macht das Raubtierähnliche einen gesunden und prachtvollen Eindruck....an vierfüßigen Stunts muss es aber wohl noch arbeiten. Auch Dellen in Wänden hat es noch nicht geschafft. :-)
Es grüßt aus dem felloideal-gestörten Club,
eine Nicht-68erin (aber von solchen Produzierte). :-)
Auszug:
Wirkung von Heimtieren
Menschen und Tiere leben schon immer in einer Gemeinschaft. Tiere sind für uns schon lange nicht mehr nur Nutztiere, sondern wir betrachten sie mehr und mehr als Freund und Begleiter. Dadurch wurden zunehmend die körperlichen und seelischen Wirkungen von Tieren auf Menschen systematisch untersucht. So ist es kein Geheimnis mehr: Tiere zu Hause fördern das Wohlbefinden und die Gesundheit des Menschen. Dabei wirken Haustiere in vielfacher Weise: pädagogisch, präventiv, psychologisch, therapeutisch. Prof. Reinhold Bergler untersuchte unter anderem die Wirkung von Heimtieren auf Kinder.
Vor allem im Bereich der Stressbewältigung bieten Heimtiere eine positive Unterstützung. Stress ist ein Belastungs-, Bewertungs- und Bewältigungsprozess. Insbesondere die alltäglichen Kleinigkeiten (daily hassles) beeinflussen den Menschen in seiner Stimmungslage, seinem Wohlbefinden und auch in seiner körperlichen Gesundheit. Durch Stress entstehen häufig so genannte psychosomatische Erkrankungen. Ein Heimtier kann uns helfen, Misserfolge in der Partnerschaft, Probleme im beruflichen Bereich, Belastungen durch Hausarbeit, Ärgernisse im Straßenverkehr, etc. besser zu bewältigen. Wir erleben neben diesen unangenehmen Situationen mehr Freude, Entspannung und Entlastung im Zusammenleben mit den Tieren und können die daily hassles leichter ausgleichen.
Ein interessanter Gedanke stammt dazu von dem amerikanischen Mediziner McCulloch. Tiere reizen zum Lachen und Spielen und würden dadurch die Ausschüttung von Endorphinen im menschlichen Gehirn anregen. Diese Endorphine helfen dem Menschen glücklicher zu sein, verringern das Schmerzempfinden und bauen Stress ab.
=> Also, ran an die interessanten Raubwesen, dat hielft!!! :-)
Wenn ich den Eindruck habe, daß Job und Kinder mir allzuviele Sorgenfalten ins Gesicht malen, dann lese ich einfach Ihre Texte. Dann fühle ich mich um Jahre verjüngt. Wie damals als Kind-da konnte ich allerdings genauso über Kishon lachen.
Ganz viele Grüße aus Schleswig-Holstein
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