VorbilderLand ohne Helden

Ein Gespräch mit Margarete Mitscherlich über das Urbedürfnis nach Vorbildern und den gesunden Zweifel gegenüber kollektiver Verehrung

Die 89-jährige Psychoanalytikerin leitete mit ihrem Mann Alexander Mitscherlich das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt und ist eine der einflussreichsten Autorinnen der Bundesrepublik. 1978 erschien ihr Buch »Das Ende der Vorbilder. Vom Nutzen und Nachteil der Idealisierung«.

DIE ZEIT: Frau Mitscherlich, wofür brauchen wir eigentlich Vorbilder?

Margarete Mitscherlich: Ich glaube, sie sind ein menschliches Urbedürfnis. Wir werden als total hilflose Wesen geboren, und deshalb brauchen wir Erwachsene, die mit der Welt zurechtkommen und an denen wir uns orientieren können. Außerdem brauchen wir Ideale, nach deren Verwirklichung wir streben können. Sonst sind wir einem Gefühl der Leere ausgesetzt. Nehmen Sie die Religion, auch sie ist auf dieses Bedürfnis zurückzuführen.

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ZEIT: Gibt es heute noch genügend Vorbilder?

Mitscherlich: Da müssten Sie in den Familien nachsehen oder in den Schulen. Ich glaube, Vorbilder sind Menschen, die Kindern oder Jugendlichen das Gefühl vermitteln, dass sie Interesse an ihnen haben, dass sie sie verstehen wollen.

ZEIT: Sie haben in den Siebzigern ein Buch über das »Ende der Vorbilder« geschrieben.

Mitscherlich: Ja, ich habe die Jugend beschrieben, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufwuchs und konfrontiert war mit dem Verlust aller Traditionen, aller Ideale und Vorbilder. Davor kannten die Deutschen nur Kaiser und Könige von Gottes Gnaden. Diese patriarchalische Stimmung hatte man nun satt. Wir versuchten, die Demokratie zum neuen Ideal zu machen, den Gedanken, dass jeder gleich viel wert ist. Und inzwischen haben wir sogar eine Kanzlerin.

ZEIT: Sind die Deutschen vorbildlich geworden?

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