Vorbilder Mama ist die Beste
In Meinungsumfragen zu den wichtigsten Vorbildern landet immer wieder auf Platz 1: Die eigene Mutter. Die 23-jährige Autorin Lara Fritzsche weiß, warum
Zuerst wurde die süße Art von Brenda aus der US-Soap Beverly Hills 90210 kopiert, dann die Coolness der Rocksängerin Gwen Stefani, schließlich such-ten wir kollektiv nach einem Friseur, dem der Haarschnitt des australischen Soap-Stars Natalie Imbruglia gelang. Ein paar arme Seelen, die zu viel männlichen Umgang hatten, verirrten sich zu Pamela Anderson. Wir, die Normalen, feierten Jennifer Aniston, weil die sich trotz mittelmäßigen Aussehens einen Top-Mann geangelt hatte. Die Jungs hingegen zeigten in dieser Angelegenheit ihre beständige Seite: Sie eiferten der gesamten Schulzeit einem einzigen Vorbild nach. Bei den meisten war es ein Sportler.
Eine Phase, in der wir – ob Mädchen oder Junge – nicht zu irgendjemandem aufgeschaut, seine Poster aufgehängt oder einen Schnipsel von ihm aus Bravo, Glamour und Co im Portemonnaie aufbewahrt hätten, gab es nicht. Die Unkenrufe der Soziologen, Vorbilder hätten bei der Jugend ausgedient, sind bei uns irgendwie nie angekommen.
Vorbilder gab es immer. Die Definition hat sich bloß geändert. Ein Vorbild ist niemand, der für eine besondere Idee steht, sondern jemand, der gut aussieht, viel Geld hat oder schlicht so ist, wie wir auch gern wären. Die eigenen Eltern nennt sicher kein 16-Jähriger als Vorbild. Was war an denen schon besonders? Die gehen arbeiten, kochen, reden, putzen, lesen Zeitung und schlafen. Wie viel das ist, merkt man erst, wenn man es selbst tut. Erst dann überholen die Eltern die Popstars auf der Liste der am häufigsten genannten Vorbilder. Aber dafür muss man ein bisschen älter werden.
Mit etwa 16 wurden wir Mädchen allesamt individuell. Trugen wir schon alle den gleichen H&M-Wintermantel, sollte wenigstens unser Vorbild nur uns allein gehören. Je abgedrehter, desto besser. Von Marilyn Monroe über Vanessa Paradis bis hin zu Manga-Mädchen aus japanischen Zeichentrickserien stand so einiges hoch im Kurs. Da hatten wir noch nicht kapiert wie nervig die Sache mit dem Anderssein werden würde. Eine verdammt einsame Angelegenheit. Immer anecken, Ärger machen und mit den Eltern streiten – die Phase hielt nicht lange an, sie brachte nur Nachteile: am Abend früher nach Hause kommen müssen, elende Stille beim Abendessen, weniger ertragreiche Shoppingtouren mit Mama. Der Leiter der Shell-Jugendstudie und Jugendforscher Klaus Hurrelmann hat 2002 den Begriff »Generation Pragmatismus« geprägt. Er hat das stark euphemistisch so ausgedrückt: Ideale und Träume habe die Jugend nur, soweit die Realität das zulasse. Wer ein Praktikum sucht, hat grad keine Zeit zum Demonstrieren. Welch ein Drama damals für die politisierten Eltern. Wurden doch Jimi Hendrix und Co bestenfalls wegen der Musik und des Kleidungsstils nachgeahmt.
Mit 18 hatten wir genug von Individualisierung und gespielter Auflehnung gegen gar nichts. Zeit für Kate Moss. Sie vereinte uns alle wieder – in einer Diät. Ein paar Jahre mit dünnen, schönen und operierten Vorbildern folgten. Erst Abitur und Auszug aus der Parallelwelt Kinderzimmer brachten die Wende. Die Vorbilder mussten dringend überdacht werden. Das lief bei uns etwa so ab: Schauspielerin Angelina Jolie, die ihren Erfolg dem Ruhm ihres schauspielenden Vaters verdankt, wird ausgetauscht gegen Lehrertochter Franka Potente. Der junge Mann mit Ambitionen zum Unternehmer verabschiedet sich vom Vorbild Bill Gates und wendet sich dem eigenen Onkel zu, der erfolgreich Hörakustik vertreibt.
In diese Zeit etwa gehört auch die Studie mit dem grausamen Namen null zoff & voll busy der Universität Siegen, die als Erste wieder einen Trend zum Vorbild feststellt. Zwei von drei Jugendlichen hätten demnach wieder eines. Auf Platz eins der Jungs thront immer noch der Sportler, gefolgt von Papa. Bei den Mädchen belegen Popstars, Models und Schauspielerinnen nur Rang zwei, drei und vier. Vorbild Nummer eins ist Mama, fanden die Forscher um den Erziehungswissenschaftler Jürgen Zinnecker heraus. Das sollte sich auch nicht mehr ändern. Die aktuelle Shell-Studie 2006 besagt dasselbe: Eltern, Familie im weiteren Sinne und Bekannte der Eltern sind noch heute die häufigsten Vorbilder für junge Menschen.
- Datum 22.02.2007 - 06:04 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.02.2007 Nr. 09
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