Leitfiguren
Brauchen wir noch Vorbilder?
Vor lauter Stars und Prominenten finden wir kaum noch Menschen, an denen wir uns orientieren können.
Sie ist 15, und sie heißt Klara, und wenn sie sich die blonden Haare aus dem Gesicht streicht, dann flackern ihre Augen ein wenig. Als habe sie etwas gesehen, das sie lieber nicht sehen wollte. »Vielleicht werde ich Pornostar, vielleicht werde ich Tierpfleger«, sagt Klara.
Klara lebt in Kreuzberg, so wie ihre Freundinnen Mina und Tanutscha. Prinzessinnenbad heißt der eindrucksvolle Dokumentarfilm, den Bettina Blümner über die drei Mädchen gedreht hat und der gerade mit einigem Erfolg auf der Berlinale lief. Klara, Mina und Tanutscha bewegen sich rauchend und trinkend durch einen Alltag, der keine Richtung zu haben scheint, kein Gestern und kein Morgen. Es wird immer gern gesagt, dass die Jugend heute orientierungslos ist und ohne Vorbilder lebt. Dabei ist die Orientierungslosigkeit auch Teil des Konzepts und der Schönheit der Jugend und vor allem für die irritierend, die dabeistehen und zuschauen.
Aber es passt eben einfach zu gut zusammen, das Wortpaar Jugend und Vorbild: die verlorene Jugend auf der Suche nach der beispielhaften Biografie, dem geglückten Leben. Nur wen will jemand wie Klara sich als Vorbild nehmen? Ihre Mutter? Ihre Freundinnen? Ihren Lehrer? Einen Fernsehstar? Eine Popsängerin? Es ist eine Welt ohne Metaphysik und ohne Moral, durch die die drei Mädchen laufen, eine sehr gegenwärtige Welt, in der die Menschen sich in ihrem Pragmatismus eingerichtet haben, weil sie wissen, dass mehr nicht so leicht zu kriegen ist.
Vorbilder sind Figuren, die Werte darstellen. Und weil es eine ebenso beliebte wie schwierige Diskussion ist, welches nun die Werte sind, an die wir uns halten sollten, ist auch die Rede über Vorbilder nicht ganz einfach. Die klassischen Vorbilder verschwinden zwischen den Fernseh- und Computerbildern. Kann es in einer Gesellschaft, die Instant-Persönlichkeiten zu Idolen macht und Secondhandstars zu Symbolfiguren erhebt, noch Vorbilder geben? Vor fünf Jahren wurde heftig über Big Brother und »Zlatko« und »Boxenluder« debattiert – alles schon wieder Namen und Worte aus der Frühzeit, in der das Fernsehen gerade noch ein Leitmedium war und man sich darüber wunderte, dass Leute, die wenig können, außer sich selbst darzustellen, allein dafür berühmt waren, dass sie berühmt waren.
Heute sind wir noch einen Schritt weiter. Heute geht es nicht mehr darum, dass sich jemand wochen- und monatelang in einen Container setzen muss, um sich von Fernsehkameras filmen zu lassen und einen kurzen Augenblick von Öffentlichkeit zu genießen. Heute reicht es, dass man sich ein paar Stunden vor den Computer setzt und die Webcam anstellt und sein Leben als Videoclip auf YouTube bringt oder MySpace oder wie die neuesten Öffentlichkeitsmaschinen und Ruhmmotoren sonst noch heißen. Im Grunde aber geht es in diesen medialen Spiegelgefechten immer um das Gleiche: Die Menschen wollen gesehen werden, sie wollen erkannt, sie wollen anerkannt werden. Sie wollen ihr Bild selbst bestimmen. Sie wollen ihr eigenes Vorbild sein.
Wenn nun alles und jeder online ist, dann hat das auch Konsequenzen für die Art, wie Vorbilder überhaupt noch funktionieren. Das hat die Journalistin Emily Nussbaum gerade im New York Magazine beschrieben. »Die Jugend entblößt sich selbst im Internet«, sagt sie, »und die alte Generation schaut so alarmiert und verständnislos wie zuletzt in der Frühphase des Rock ’n’ Roll. Die Zukunft gehört den Hemmungslosen.« Nussbaum erzählt davon, wie 17Jährige in Amerika ihr Privatleben auf der eigenen Homepage ausstellen und inszenieren, wie sie ihre narzisstischen Triebe erfüllen, wie sie über Liebe, Sex und Highschool reden – und sie denkt darüber nach, was es bedeutet, wenn jeder von ihnen sein Bild, seine Bilder hundertfach, tausendfach in die Menge werfen kann. In gewisser Weise setzen die Teenager mit ihren Online-Tagebüchern und Live-Videos ihr eigenes Bild an die Stelle eines möglichen größeren Entwurfes, einer moralisch oder ideologisch aufgeladenen Identifikationsfigur, eines Mahatma Gandhi oder Bill Gates oder Che Guevara oder Willy Brandt. Dagegen ist erst einmal nichts zu sagen, es steckt ein Maß an Autonomie und Selbstvertrauen darin, aus dem nicht automatisch ein gesellschaftlicher Solipsismus oder eine moralische Indifferenz erwächst.
Und trotzdem lohnt es sich, gerade mit Blick auf die Frage danach, wer heute ein Vorbild ist oder sein könnte, diese Veränderung im Bilderkonsum zu betrachten. Denn es setzt, in Extremfällen und im normalen Netzalltag, ein seltsamer Mechanismus ein, der dem virtuellen Ich-Kult eine ganz reale Kraft gibt. »Erst war es ein Schock«, schreibt Nussbaum etwa über das Sexvideo von Paris Hilton, das 2004 im Internet zu sehen war, für Nussbaum ein Schlüsselereignis unserer Gegenwart. »Dann war es nichts Besonderes mehr. Dann war es nur ein weiteres bisschen Werbung. Am Ende war es eine Art von Macht.« Aus Scham wurde Ruhm.
Anders gesagt: Im Ansturm der Selbstbilder wird das klassische Konzept von Vorbild erst einmal zerfetzt.
Also: Jeder ist berühmt, jeder ist ein Star. Und natürlich schafft sich das Internet selbst seine Vorbilder, schneller, direkter und weniger steuerbar als früher können sich Menschen aus der gefühlten Bedeutungslosigkeit ins Scheinwerferlicht schieben. Es geht dabei weniger darum, ob man sich in der Computerwelt Second Life eine neue Identität erschaffen kann; wichtiger ist, wie sich auch im Internet Bilder bündeln, wie eine 15-Jährige in Wyoming zum Rollenmodell für Gleichaltrige in Kentucky, Kreuzberg oder anderswo wird. Im Internet, wie auch im übrigen Leben, geht es dabei um das ständig neu zu definierende Verhältnis zwischen dem, was der Einzelne will, kann und bedeutet, und dem, was um ihn herum passiert.
Und so ist die Suche nach Vorbildern ein gesellschaftlicher Reflex, der uns dabei hilft, uns über uns selbst klar zu werden. Jede Zeit hat dabei andere Fragen und damit auch andere Vorbilder. You can get it if you really want , sang der Reggae-Star Jimmy Cliff 1970, und was heute beinahe nach einer neoliberalen Parole im Hippiegewand klingt, das passte schon damals nicht so recht zum Verantwortungsgestus der Zeit. Die 68er waren wohl die Letzten, die noch Vorbilder kannten, deren Leben so überhöht werden konnte, dass sie einem gemeinsamen Guten dienten und ihre Gegenwart in eine etwas goldenere Zukunft zu führen versprachen. Ob sie nun Rudi Dutschke hießen, Che Guevara oder auch Muhammad Ali: Sie standen für etwas, das noch größer war als sie selbst.
Und dennoch, das besingt auch das Lied von Jimmy Cliff, begann damals eine Art politisierter Hedonismus und Egoismus, der die heutige Bilder- und Vorbilderverwirrung bereits vorwegnahm. In den achtziger Jahren tauchte er als ökonomisierter Hedonismus der Yuppies wieder auf, in den Nullerjahren als virtueller Hedonismus der Netzgeneration.
In allen Fällen war das Ich wichtiger als eine kollektive Moral. Vorbilder wurden als Reaktion darauf dem Alltagsleben entrückt, waren Helden einer besseren Welt, aufopferungsvoll Leidende: Jesus, Mutter Teresa und die Geschwister Scholl weit vor allen Erfindern oder Wissenschaftlern oder Revolutionären.
Moral wird also, vielleicht ist das eine speziell deutsche Spielart, als wichtigste gesellschaftliche Kraft gesetzt, als eine Art Ersatzdoktrin, die an die Stelle übergeordneter Entwürfe gestellt wird. Und gesucht wäre heute eine Maxime für richtiges Handeln, die eher aus dem Alltag und aus uns selbst kommt als aus einer abstrakten Idee. Das Ende der Ideologien nach dem Kalten Krieg hat uns einigermaßen frei zurückgelassen, was ja eine gute Sache ist – der Nachteil, wenn man so will, wäre dann nur, dass es eben zum Beispiel keinen Dutschke mehr gibt, in dem sich, für einige, Persönlichkeit und Politik auf eine Art mischen, die ihn zu einem Vorbild machten.
Die Vorbilder von heute schweben entweder meilenweit über allen moralischen Unwägbarkeiten. Oder sie kommen fast zu direkt aus unserem Leben.
Die Listen, die alle paar Jahre veröffentlicht werden, sehen, neben Mutter Teresa, Nelson Mandela, Michail Gorbatschow, Martin Luther King und Johannes Paul II. weit oben. Seltsam enthistorisiert wirken diese Figuren auf solchen Listen, ausgeblendet ist so die Frage, was wir für uns lernen können, woran wir genau uns orientieren sollen bei den politischen Freiheitsheiligen. Deren Lebensleistungen sind so global und groß, dass ein direkter persönlicher Bezug im Grunde unmöglich ist. Die Frage ist in diesem Fall, welche reale Bedeutung Vorbilder noch haben, wenn sie nicht mehr sind als moralisch auffrisierte Pappkameraden am Wegesrand.
Ins andere Extrem verfallen all diejenigen, die in Umfragen als Vorbild ihre Mutter oder ihren Vater angeben. Diese Wahl ist einleuchtend für eine tendenziell konservative Epoche; sie ist außerdem das genaue Gegenteil dessen, was über Jahrzehnte galt, was geradezu eine der Grundmaximen der Popkultur war: dass die Generationen sich mit Hilfe von Vorbildern in Konflikten reiben, die letztlich gesellschaftliche Veränderung erst möglich machen.
Doch in einer Zeit der industriell vorgefertigten Idole sind Vorbilder zunehmend ihrer Vorbildfunktion beraubt. Madonna hat sich vorige Woche mit dem Satz zitieren lassen: »Wir müssten alle sein wie Jesus.« Noch die größten Vorbilder brauchen heute offenbar selbst Vorbilder, an die sie sich halten können.
Vielleicht sollten Vorbilder heute Menschen mit einem wirklichen Gesicht sein, mit einem realen Problem. Menschen gern auch mit einem ungeraden Lebenslauf, mit Sturz, Scheitern und Weiterschauen, gebrochene Helden und gebrochene Biografien also für eine schwierige Zeit. Kate Moss zum Beispiel, eine Medienkonstruktion für den Traum vom Glanz und Ruhm – und zugleich eine Figur, die dafür steht, wie jemand sich in Drogen und an den falschen Mann verliert, wie sie sich von beidem trennt, zu einem zurückkehrt und trotz allem eine Ikone bleibt.
Vielleicht ist die Geschichte von Kate Moss nur ein Popmärchen unserer Tage. Auf jeden Fall aber erzählt sie von einer Figur, die einer abstrakten Moral die gebrechliche Wirklichkeit entgegensetzt.
Denn es geht bei Vorbildern heute nicht darum, dass alles, was sie tun, vorbildlich ist. Vielleicht müssen Vorbilder heute in gewisser Weise näher am Leben sein – ohne gleich einen angenommenen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen wie Rudi Dutschke. Vielleicht sind es Menschen wie Helmut Hochschild, der Übergangsdirektor der Rütli-Schule, der einer angeschlagenen Institution neuen Mut gegeben hat.
Die beiden, Kate Moss und Helmut Hochschild, sind ein seltsames Gespann. Aber sie verdeutlichen doch gut, was sich verändert hat. Ruhm ist nichts Abstraktes mehr, wenn jeder berühmt werden kann; Engagement ist nichts Abstraktes mehr, wenn man sich an Schuldirektoren orientiert und nicht an Nobelpreisträgern. Die Vorbilder von heute müssen nicht mehr perfekt sein; es ist gerade ihre Gebrochenheit, die sie zu Vorbildern macht.
»Interessiert dich nichts?«, fragt im Film Prinzessinnenbad Mina einmal ihre Freundin Klara. »Nein«, antwortet die, »also schon, aber…« Dann schweigt sie und streicht sich die blonden Haare aus dem Gesicht.
An Klara, Mina und Tanutscha, diesen drei Mädchen, die zwischen Freiheit und Verlorenheit schweben, sind die Vorbilder von heute vielleicht näher dran, als sie es selbst ahnen.
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- Datum 25.9.2007 - 03:12 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.02.2007 Nr. 09
- Kommentare 2
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brauchen dann sollten wir nicht unter den Pseudo Promis und anderen aehnlich gepolten Leuten da ihnen suchen.Denn die meisten von den Leuten,die sich permament im Rampenlicht suhlen haben selber keine Ahnung wo sie hinwollen.
Wenn es denn unbedingt ein Mensch mit einem gebrochenen Lebenslauf sein soll, dann habe ich hier den ultimativen Vorschlag anstelle der Kokerei Moss: Einen Menschen, der genug Fehler gemacht hat, um dann aber noch ein Beispiel von Zivilcourage zu geben, an dem sich seine Kritiker noch lange die Zähne ausbeißen werden. Wen ich meine?
Nun, wer war es doch gleich, der gesagt hat: 'Wenn Hitler überhaupt Freunde gehabt hätte, dann wäre ich sein Freund gewesen'?
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