I. Die Europäische Union sei eine Wertegemeinschaft, so hören wir es fast täglich von Politikern, und die Werte, auf die sich die EU gründe, seien die europäischen. Aber stimmt das eigentlich? Das geografische Europa, das Europa vom Atlantik bis zum Ural, war nie eine Wertegemeinschaft. Große Teile Europas haben an der Herausbildung der Werte, auf die sich die EU beruft, keinen Anteil gehabt. Umgekehrt sind die Werte, zu denen sich die Vereinigten Staaten, Kanada, Australien, Neuseeland und der Staat Israel bekennen, keine anderen als die, die wir so gern die »europäischen« nennen.

Historisch liegt der Ursprung dieser Werte im alten Okzident. Das war jener Teil Europas, der im Mittelalter und in manchen Ländern lange darüber hinaus sein geistliches Zentrum in Rom hatte, also zur Westkirche gehörte. Nur dieser Teil Europas hatte die beiden vormodernen Formen der Gewaltenteilung erlebt, der Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt und von fürstlicher und ständischer Gewalt, und nur hier hatten, wenn auch nicht überall mit gleicher Intensität, die spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Emanzipationsprozesse der Renaissance und des Humanismus, der Reformation und der Aufklärung stattgefunden. Im Bereich der Ostkirche, von Byzanz und später Moskau, gab es zwar nicht das, was man »Cäsaropapismus« genannt hat, die personelle Einheit von geistlicher und weltlicher Gewalt, wohl aber eine Unterordnung der Ersteren unter die Letztere. Der Osten kannte auch nicht jenes für den europäischen Feudalismus kennzeichnende wechselseitige Treueverhältnis von Herrn und Lehnsmann, wie es im Dualismus von Fürst und Ständen fortwirkt. » Typisch westlich« war auch das in diesem Dualismus angelegte ständische Widerstandsrecht gegen Fürsten, die eine Willkürherrschaft errichtet hatten oder zu errichten versuchten.

Der Historiker Otto Hintze hat 1931 das Wort vom »dualistischen Geist« geprägt, der die ständischen Verfassungen des Abendlandes hervorgebracht habe. Dualismus kann man auch die (wenn auch nur unvollständige) Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt im Investiturstreit des 11. und 12. Jahrhunderts nennen. Der Dualismus ist ansatzweise bereits ein Pluralismus, und dieser elementare Pluralismus war die Bedingung dafür, dass sich der typisch westliche Geist des Individualismus entfalten konnte. Anders gewendet: Der Dualismus trug den Keim der Freiheit in sich, die das herausragende Kennzeichen des Okzidents ist.

Die Trennung von geistlicher und weltlicher Herrschaft setzte eine Unterscheidung voraus, die auf Jesus selbst zurückgeht: »So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.« Das war zwar noch nicht die Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt. Aber die dialektische Antwort Jesu auf eine ihm gestellte Fangfrage war doch die Verkündung eines Prinzips, in dessen Logik die Trennung lag und mit ihr die Säkularisierung der Welt und die Emanzipation des Menschen.

II. Siebzehneinhalb Jahrhunderte später »übersetzte« ein französischer Aufklärer, der dem Christentum innerlich fernstand, der Baron de Montesquieu, den christlichen Grundgedanken der Trennung der Sphären von Gott und Kaiser wie folgt: »Man darf nicht durch göttliche Gesetze regeln, was durch menschliche Gesetze geregelt werden muss, und ebenso wenig durch menschliche Gesetze ordnen, was durch göttliche Gesetze geordnet werden muss.« Dem Christentum bescheinigte derselbe Autor, es vertrage sich mit einer gemäßigten Regierung besser als der Islam - bei der despotischen Regierungsweise sei es umgekehrt.

Die moderne Gewaltenteilung, wie sie Montesquieu lehrte, die Trennung von gesetzgebender, vollziehender und rechtsprechender Gewalt, war eine Fortentwicklung der vormodernen Formen der Gewaltenteilung, der Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt und der von fürstlicher und ständischer Gewalt. Das Land, in dem Montesquieus Lehre von der Gewaltenteilung die größten Wirkungen entfaltete, gab es zu seinen Lebzeiten noch gar nicht: die Vereinigten Staaten von Amerika. In den Federalist Papers, den von Alexander Hamilton, John Jay und James Madison verfassten Artikeln zur Verteidigung der amerikanischen Verfassung von 1787, wie sie aus den Arbeiten des Konvents von Philadelphia hervorgegangen war, war er der mit Abstand meistzitierte Autor.

Einen Grundrechtsteil indes enthielt die amerikanische Verfassung von 1787 nicht. Dieser kam erst als Zugeständnis an die Opposition in mehreren Einzelstaaten hinzu, in Form der ersten zehn Zusatzartikel der sogenannten Bill of Rights, die 1791 in Kraft trat. Dennoch können die Vereinigten Staaten von Amerika das historische Erstgeburtsrecht in Sachen Menschenrechte für sich beanspruchen. Die Virginia Declaration of Rights vom 12. Juni 1776 begann ihren Grundrechtekatalog, den ersten umfassenden Katalog dieser Art überhaupt, mit den programmatischen Worten: »Alle Menschen sind von Natur aus gleichermaßen frei und unabhängig und besitzen gewisse angeborene Rechte.«