Der ehemals kranke Mann Europas macht Luftsprünge, und die Nachbarn reiben sich die Augen: 2,7 Prozent Wachstum, Rekordgewinne der Unternehmen, so viele Erwerbstätige wie lange nicht – das soll jenes Deutschland sein, das sechs Jahre lang stagnierte und im Ausland zum Gespött wurde? Die Deutschen selbst erkennen ihr Land nicht wieder. Sie sind schon gewöhnt an die Rolle von Verlierern, um nicht zu sagen von Opfern der Globalisierung, und mancher von ihnen hat sich darin gefallen. Es geht aufwärts - doch für alle? BILD

Sorry, das ist erst einmal vorbei. Der Exportweltmeister ist ein Gewinner der Globalisierung. Seine Maschinen- und Anlagenbauer rüsten die aufstrebenden Volkswirtschaften von China bis Brasilien aus. Seine Solar- und Windkraftprodukte sind in aller Welt gefragt. Schon jetzt fehlen 20000 Ingenieure und noch einmal so viele Computerfachleute. Bei den größten 30 Konzernen, denen man nur Massenentlassungen zutraute, sind 15000 Jobs zu besetzen, sogar die Baufirmen stellen nach einem Jahrzehnt des Niedergangs wieder Leute ein.

Auch wenn die Börsenkurse einmal wegsacken wie zu Beginn dieser Woche: Der Aufschwung ist real, das Arbeitslosenheer ist geschrumpft. Zunächst produzierte die Wirtschaft lediglich Leih- und Minijobs. Mittlerweile schafft sie viele Vollzeitstellen, und aus so manchem prekären Job verspricht ein dauerhafter Arbeitsplatz zu werden, falls das Wachstum anhält.

So gehört sich das für einen echten Aufschwung. Und doch ist dieser anders. Er kommt nämlich im Volk nicht an: Fast 60 Prozent der Bevölkerung spürten den Aufschwung nicht, sagen die Demoskopen aus Allensbach. Gut der Hälfte aller Berufstätigen ergehe es ebenso.

Teilweise spricht daraus der Zweckpessimismus nach sechs Jahren des Stillstands und der betrogenen Hoffnungen. Hier zeigt sich aber auch eine neue Realität. Im Durchschnitt haben die Arbeitnehmer im Jahr 2006 keine Kaufkraft gewonnen. Auch vom Aktienboom haben nur wenige profitiert. Unter dem Strich, nach Inflation und Abgaben, geht es ihnen nicht besser als zu Beginn des Jahrzehnts.

Das ist die Kehrseite der neuen wirtschaftlichen Stärke. In Tausenden von betrieblichen Bündnissen, mit mehr Klein- und Billigjobs hat die deutsche Wirtschaft ihre Lohnkosten – gemessen an der Produktivität – in den vergangenen Jahren um mehr als ein Zehntel gesenkt. Das war wahrscheinlich Weltrekord. Und selbst ertragreiche Firmen stellen ganze Abteilungen zur Disposition, verändern sie, verlagern sie, verkaufen sie. Angesichts dieser riesigen Aufräumaktion muss der Aufschwung länger dauern als ein Jahr, bevor sich Arbeitnehmer wieder sicher fühlen.