Für einen kurzen Augenblick war die Welt noch einmal zum Fürchten. Weißhaarige Greise mit Kruzifix auf der Brust wiesen die Frauen zurück auf die hinteren Plätze. Mächtige Publizisten und in Ehren ergraute Feuilletonisten haben dieses letzte Aufgebot mit ihren Reden über die biologische Bestimmung des Weibes munitioniert, seine angeblich sogar durch gehirnphysiologische Messungen ermittelbare natürliche Eignung zum Bauklötzchenspiel und zur Krankenpflege. Angeheizt durch die Sorge um sinkende Geburtenzahlen und alarmiert von der Aussicht, die angekündigte Verdreifachung des Krippenangebots könnte zu vermehrter weiblicher Erwerbstätigkeit führen, schlug das Patriarchat noch einmal kräftig mit den Flügeln und wackelte mit dem Zeigefinger. Wie wäre es mal damit? Mutter und Vater teilen sich die Pflichten - und den Spaß BILD

Jetzt, wo alles vorbei ist, die Krippenplätze geschaffen werden und die Experten nur noch darüber streiten müssen, wem man das Geld wegnimmt, um sie zu finanzieren, darf man dieser kleinen, aber rhetorisch zu allem entschlossenen männlichen Widerstandstruppe fast ein wenig nostalgisch gedenken. Vermutlich hat es sich um die allerletzten Lebenszeichen des Patriarchats gehandelt, das es sich zwar in der einen oder anderen Talkshow noch auf den Ledersesseln gemütlich macht, aber ansonsten selbst in seiner Stammpartei ideell und personell nur noch rechts außen Obdach findet.

Auf dem Weg in die moderne, manche sagen auch in die offene Gesellschaft musste das Patriarchat eine Bastion nach der anderen verloren geben: den männlichen Haushaltsvorstand, dem die Familie wie die Graugänslein überall hinterherwatschelt; die Zustimmungspflicht des Gatten zur weiblichen Berufstätigkeit; die ungleiche Bezahlung für gleiche Arbeit; das Wir-sind-unter-uns-Gefühl in der Arbeitswelt, in der Frauen äußerstenfalls hilfsbereit hinter der Schreibmaschine hervorlächeln durften.

Zuletzt blieb beinahe nur noch der Herrschaftsanspruch über die urältesten weiblichen Verklärungsfiguren des Chauvinismus übrig: über die Hure und die Heilige, über die durch Geld sexuell gefügig gemachte Frau und die durch mangelnde Kinderbetreuungsangebote ans Haus gebundene Mutter. Ein absurder Vergleich? Vielleicht. Aber die einfache Tatsache, dass es bisher in einem der reichsten Länder der Erde für ganze sieben Prozent der Kinder Krippenplätze gab und deswegen nach Adam Riese 93 Prozent aller Mütter von Kleinkindern daran gehindert wurden zu arbeiten, ist nüchtern betrachtet nichts anderes als eine mehrheitlich von Männern zu verantwortende Diktatur über Frauenleben.

Der Argumente, warum die traditionelle Mutti-kocht-Vati-arbeitet-Ehe angeblich allen anderen Familienformen überlegen und dem Kindeswohl einzig dienlich sein soll, sind genug gewechselt. Die Debatte darf – nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass jedes dritte deutsche Kind heute nicht mehr in einer klassischen Familie lebt – als beendet betrachtet werden. Inzwischen hat es sich sogar in der Union herumgesprochen, dass es einen signifikanten Unterschied gibt zwischen einer bundesdeutschen Ganztagskrippe und einem rumänischen Waisenhaus. Wenngleich man natürlich bei der weiteren Verbesserung und Verschönerung dieser Einrichtungen keine Mühen und Kosten scheuen sollte.

Auch die Bindungstheorie, die von den Gegnern einer frühkindlichen Betreuung bis heute heftig für ihre Zwecke instrumentalisiert wird, ist eine zu komplexe Wissenschaft, um sich für so durchsichtige Nutzanwendungen weiterhin gebrauchen zu lassen. In der Vergangenheit konnten sich Eltern letztlich für jede getroffene Betreuungsentscheidung von der Wissenschaft die passende Legitimation zusammenstellen lassen. Unumstritten ist, dass kleine Kinder eine sichere Bindung zu beiden Eltern brauchen. Wann diese Bindung allerdings sicher genug ist, um die Arbeit wieder aufzunehmen, lässt sich nur im Einzelfall entscheiden. Die Unterstellung der Krippengegner, der kleine Mensch sei ein nach festen Regeln funktionierendes Wesen, für dessen Wartung und Pflege allgemeinverbindliche Normen gelten würden, ist nicht haltbar. Niemand kann einer Mutter mit letzter Sicherheit sagen, was ihrem Kind wirklich schadet: die Ganztagskrippe für Einjährige, die École maternelle für Halbjährige oder erst die Wochenkrippe für Säuglinge, wie sie die DDR für ihre Heldinnen der Arbeit im Angebot hatte. Umgekehrt kann auch niemand genau sagen, wie schädlich es für Kleinkinder ist, jahrelang isoliert mit der Mutter oder höchstens noch mit Brüderchen oder Schwesterchen zu verbringen, vom Vater nicht mehr als seine Frühstückszeitung zu sehen und allenfalls beim Supermarktbesuch unter Menschen zu kommen. Ein Modell, das sich erst das spätbürgerliche Zeitalter hat einfallen lassen. Das richtige Maß hängt von vielen Faktoren ab. Wer hier wieder einfach Ordnung schaffen will, ist ein Scharlatan. Und vergisst ganz nebenbei auch noch die Väter, von denen in dieser ganzen Debatte wieder einmal nicht die Rede war.

Es ist keine Frage: Das Familienproblem bleibt eines der brennendsten unserer modernen Gesellschaften, in denen Frauen erst seit einer Generation in nennenswertem Umfang wie Männer ausgebildet werden und arbeiten – und in ihrer Freizeit wie Frauen leben. Es gibt keine Rollenvorbilder für den Spagat, den wir zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte versuchen. Die häufigsten weiblichen Reaktionen auf das Kinderproblem in Deutschland – Kinderlosigkeit oder Teilzeitarbeit – sind keine sehr zukunftstauglichen Lösungen. Eine Spezies, die sich ihr Leben so eingerichtet hat, dass sie sich nicht mehr fortpflanzt, sprengt die Naturgesetze. Die dauerhafte Beschränkung der Mütter auf Teilzeitstellen verhindert, dass Frauen und Männer sich die Welt gleichberechtigt teilen.

Dem alten Familienmodell kann nachtrauern, wer mag. Es kommt davon nicht wieder. Die Moderne lässt sich nicht rückgängig machen. Interessanter ist die Frage: Woher neue Familienmodelle nehmen? Und woher die dazugehörigen Bilder von dem, was eine Mutter, was ein Vater heute ist? Darauf brauchen wir dringend eine Antwort. Und in einem hat Seine Exzellenz Bischof Mixa, der Frau von der Leyen so ungehobelt attackierte, sogar recht: Diese Antwort kann sich nicht darauf beschränken, Mütter bis zur völligen Erschöpfung einfach alles machen zu lassen, den Vollzeitjob und die Familienarbeit. Und die Erziehungsarbeit in den 30 bis 60 kostbaren Minuten, die den vollberufstätigen Eltern abends für ihre Kleinkinder bleiben, sowieso. Gute Kinderbetreuung ist familienlebenswichtig. Wie übrigens auch bezahlbare Mieten in den deutschen Großstädten, um größere Familien nicht weiterhin buchstäblich zu marginalisieren. Aber genauso dringend brauchen Mütter und Väter heute Familienzeit, die diesen Namen verdient. Sie brauchen eine neue innovationsfähige, kinderfreundliche Arbeitskultur, frei von unnötigen Präsenzritualen und eingefahrenen Abläufen. Der Preis, den wir für unsere Hochleistungsgesellschaft in unseren Familien zahlen, ist zu hoch. Nicht nur für uns Frauen.

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