Reformation Luther brauchte keinen Hammer

Auch der neueste Fund klärt nicht, ob der Reformator seine Thesen wirklich angeschlagen hat

Hat er nun, oder hat er nicht? Das ist hier die Frage, wieder einmal. Noch in der alten Schul- und Schwarz-Weiß-Film-Zeit ist uns Deutschen, jedenfalls den Protestanten unter uns, mit schweren Hammerschlägen in Bild und Ton regelrecht eingebläut worden, dass Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hat, mit denen die Reformation eingeläutet, ja geradezu eingehämmert wurde. Deshalb werde seither ja auch der Reformationstag am 31. Oktober begangen.

Diese starke Szene wurde in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zwar als Mythos dekonstruiert, aber nun – so scheint es – ist ein neuer Beweis aufgetaucht. Und zwar fand man in Jena in einer 1540 gedruckten Luther-Bibel einen Eintrag des Luther-Mitarbeiters Georg Rörer: »Im Jahr 1517, am Vortag des Allerheiligenfestes, hat Doktor Martin Luther in Wittenberg an den Türen seine Ablassthesen bekanntgegeben.« Muss also der berühmte Hammer doch wieder aus der Requisitenkammer geholt werden? Gemach!

Der Hammer-Mythos geht zurück auf eine Erwähnung des angeblich realen Ereignisses durch Philipp Melanchthon aus dem Jahr 1546 – also 29 Jahre später. Melanchthon war zudem erst post festum nach Wittenberg gekommen, im August 1518; er war also kein Augenzeuge. Auch Georg Rörer, dessen schriftliche Notiz aus den Jahren 1541 bis 1544 stammt (in dieser Zeit befand sich jenes Bibelexemplar in seiner Hand), war erst 1522 nach Wittenberg gekommen – ist also auch kein verlässlicher Zeuge für eine Szene, die Luther selbst nie erwähnt hat, auch nicht in seinem Lebensrückblick zur deutschsprachigen Ausgabe seiner Schriften.

Was nun – da wir so schlau sind wie zuvor? In Wirklichkeit kommt es darauf gar nicht an. Denn sowohl Luther als auch seine gelehrten Leser machen den eigentlichen Durchbruch zu seiner reformatorischen Theologie gar nicht fest an jenem legendären Thesenanschlag. Niemand zweifelt an der Existenz der Thesen, sondern nur an der martialischen Publikationsmethode.

Das reformatorische Denken Luthers beginnt vielmehr mit der Neuentdeckung einer Passage aus dem Römerbrief des Paulus, in welcher der Irrglaube abgewehrt wird, der Mensch könne (und müsse) sich sein Seelenheil durch fromme Werke selbst erarbeiten. Und obwohl diese Betrachtungsweise den Punkt eher trifft, lässt sich ein epochaler Vorgang wie die Reformation weder auf einige Hammerschläge noch auf einen Geistesblitz reduzieren, wie es Volksmythologen oder Schulfilmer gerne hätten.

 
Leser-Kommentare
  1. Luthers Thesen waren in ihrer Form nach die Einladung zu einer Disputation, wie sie allenthalben an der damaligen Universität zu finden waren . Sie schärften seine reformatorische Erkenntnis, setzen sich aber auch offen dem Widerspruch aus. Es waren daher alles andere als Hammerworte, sondern vernehmend, verstehende Thesen, die auf Bewahrheitung oder Widerspruch geradezu warteten.

    Daraus hat die evangelische Kirche das Gegenteil gedroschen. Thesen wurden zum Dogma degradiert und der hörend, suchend und sich dem Widerspruch ausliefernde Teil des protestantischen Glaubens ertrank in interlektuellem Magerquark.

    Luther war ein Mönch seiner Zeit: gebildet durchaus. Vernehmend las er schon die Psalmen in seinem Kommentaren vor der reformatorischen Entdeckung auf die Rechtfertigung allein aus Glauben in Latein seinen Studierenden vor. Immer wieder im Akt der Exegese beschäftigt, fand er, was seiner Suche zuträglich war. Aber auch das nicht als unumstößliche Erkenntnis, sondern in den Formen der scholastischen Disputation.

    Die heutigen Pfarrer wissen nur noch wenig davon. Und der Protestantismus ertrinkt in seiner Harmlosigkeit, weil er sich der Welt nicht mehr auszuliefern vermag, dem Widerspruch wie ihn dereinst auch ein Bonhoeffer entdeckte. Alles keine Glaubenshelden und doch stets an der Wahrheit bemüht. Gerade in der Anfechtung groß und im Dogma eher suchend und bescheiden.

    Die Evangelischen heute machen da schnell eine Haifischflosse auf den aus Urzeiten als Friedenssymbol überkommenen Fisch und laden zum Kirchentag ein, wo alles vor kommt und nichts bei raus. Der Haifischprotestantismus schnappt sich unserer Kinder - an Verdummung und Harmlosigkeit kaum zu toppen. Man plakatiert inzwischen wieder mit Solgans, die eine Werbeagentur für teures Geld erst finden musste. Arme Protestanten, denen der Mut ausging auf dem Wege.

    Wer es nicht glauben will - schau bitte hier:
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  2. Nicht jeder evangelische Christ ist ein Martin Luther.
    Manche Menschen suchen auch nur Gemeinschaft in ihrer Kirche.
    Beten, Singen, sich die Bibel erklären lassen usw.
    Sie heiraten mit dem Segen der Kirche, sie bringen ihre Kinder zur Taufe. Sie hören das Wort Gottes und sie tanken Kraft für das schwierige Leben. Und viele von Ihnen machen die Erfahrung, dass sich alle Stürme legen, wenn sie Jesus gefunden haben.
    Die Botschaft der Heiligen Schrift wirkt, ohne dass man sie in messianischem Eifer den Menschen um die Ohren hauen müsste. Wir haben heute eine andere Situation, als zu Zeiten von Luther.
    Es ist die katholische Kirche, welche ganz dringend einer Reformation bedarf. Aber aus deren Reihen heraus.
    Es sei denn, man wollte dort noch einmal tausend Jahre an der Bibel vorbei wursteln.

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  • Quelle DIE ZEIT, 01.03.2007 Nr. 10
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