Er war Mr. Cool, obwohl aufbrausend, schwierig, geizig, sauertöpfisch. Manche vermuten, seine Coolness sei an seinem Bürstenhaarschnitt in Zeiten von Rock-’n’-Roll-Tolle und Gel abzulesen, andere bewundern diese unnachahmliche Selbstverständlichkeit, mit der ein schlaksiger junger Mann ein riesiges Baritonsaxofon wie eine Tanzpartnerin an sich zieht und wegschiebt. Doch vor allem ist es die Lässigkeit, mit der er die tiefsten Töne wie nebenbei tanzen lässt. Gerald Joseph Mulligan (1927–1996) versöhnt Gegensätze, indem er einfach darüber hinwegspielt. Sturer Sohn einer katholisch-irischen Familie, in Queens, New York, geboren, der sich aufmacht, elegante Arrangements für morbide Big Bands zu schreiben, der am Birth of The Cool- Nonett von Miles Davis beteiligt ist, das 1949 Jazzgeschichte schreibt, und der schließlich Kommerz und Kunst in Kalifornien verbindet: das Gerry Mulligan Quartett mit dem Trompeter Chet Baker. BILD

Es ist der Tanz von Fred Astaire und Ginger Rodgers, den die beiden 1952 wiederbeleben, in Parallelschritten, im Kontrapunkt der Bewegungen, mit einer Leichtigkeit, die vergessen lässt, mit welchem Formbewusstsein und welch kompositorischer Raffinesse das traumwandlerische Spiel improvisiert ist. My Funny Valentine, Line For Lyons oder Walkin’ Shoes werden zu dreiminütigen Klassikern, bei denen sich Saxofon und Trompete hellhörig und verschlungen den Raum teilen. Voraussetzung war die Abwesenheit des Pianos, jenes harmoniestrengen Korsetts, das die Trennung in Rhythmusgruppe und Bläsersatz festzurrte. Nun wurden Bass, Schlagzeug, Saxofon und Trompete gleichberechtigt (und gleich laut). Wer mag, darf den konservativen Mulligan dafür zum Choreografen des Free Jazz eines Ornette Coleman erklären.

Doch das blinde musikalische Verständnis mit dem »James Dean des Jazz«, mit Chet Baker, stand im umgekehrten Verhältnis zur privaten Verträglichkeit, also wechselte Mulligan bald die Partner, spielte mit dem Posaunisten Bob Brookmeyer – die Konzerte 1954 im Salle Pleyel von Paris sind einsamer Höhepunkt der Kunst des Quartetts –, bat Größen wie Lee Konitz, Ben Webster, Thelonious Monk, Stan Getz oder Paul Desmond ins Studio, traf alle, die – wie er – mit einem Bein in der Vergangenheit und einem in der Zukunft der Gegenwart standen. »Mr. Mainstream« war spielsüchtig, später fand er Dave Brubeck oder Astor Piazzolla, deren gemeinsamer Tango Nuevo 1974 zum Klassiker wurde.

Zwei Dinge waren bei Mulligan immer zugleich spürbar: Wenn er arrangierte, war ihm der Radiergummi wichtiger als der Stift. Dirigierte er seine große Concert Jazz Band, dann klang die sparsame Combo durch. Leicht überdeckte er das Schwere, melodiös kaschierte er das Düstere, mit cooler Geste beherrschte er die Trauer. Selten hat sich Understatement entspannter mit Intensität vereint.

Gerry Mulligan: The Original Quartet with Chet Baker (Pacific Jazzin, 2 CDs)