Arbeitsmarkt Arbeiten auf eigene Gefahr

Niedriglöhner erleben, wie Arbeitgeber trickreich ihr Gehalt kürzen und das Geschäftsrisiko auf sie abwälzen.

Manfred Sirch ist wie geschaffen für den Job. Lächelnd, höflich, vertrauenserweckend steht er vor der Tür und reicht dem Kunden die bestellte Pizza. Doch seine Qualitäten stehen nicht hoch im Kurs. »Ach ja, ich mit meinem Drei-Euro-Job…«, sagt er, und sein Tonfall changiert zwischen Resignation und Selbstironie. Sein Arbeitgeber, der Franchisenehmer einer Pizzakette ist, zahlt ihm 3,50 Euro pro Stunde. Das ist legal, in der Branche gelten keine Tarife, und andere Pizzabäcker zahlen auch nicht viel mehr.

3,50 Euro – bei acht Stunden Arbeit ergibt das 28 Euro pro Tag. Mit einer 40-Stunden-Woche hätte Sirch also rund 616 Euro im Monat, brutto. Damit kommt er nicht aus. Die Folge: Er arbeitet quasi rund um die Uhr. Eine 60-Stunden-Woche ist für ihn ganz normal. So kam er im Januar auf 850 Euro brutto. Das macht, minus Sozialabgaben, 680 Euro netto. Für 243 Stunden Arbeit. Sirch würde mit seiner Freundin gern eine Familie gründen. »Aber mit dem Einkommen geht das natürlich nicht.«

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Deutschlands Arbeitswelt befindet sich im Umbruch – weg von der Produktion, hin zu Dienstleistungen aller Art. In der Industrie haben Menschen mit geringer Qualifikation kaum noch Chancen, die entsprechenden Arbeitsplätze sind in Billiglohnländer verlagert. Stattdessen wächst bei den Dienstleistern das Job-Angebot für einfache Tätigkeiten. Doch dort verdient man vielfach einen Hungerlohn; 1,2 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland für weniger als 4,50 Euro pro Stunde. Und in vielen Branchen finden die Arbeitgeber Wege, ihre Lohnkosten immer weiter zu senken – und sei es mit dubiosen Tricks.

Manfred Sirch zum Beispiel unterschrieb zwar einen Arbeitsvertrag. Doch sein Chef hat ihm nie die Kopie ausgehändigt. Auch eine Lohnabrechnung hat er nie erhalten. Lediglich eine Verdienstbescheinigung über die vergangenen Monate bekam er, weil er sie für den sozialen Wohnungsbau braucht. Feiertage, Krankheit, Urlaub? Gezahlt wird nur für tatsächlich geleistete Stunden. Das ist zwar ungesetzlich. Aber Sirch liegt es fern, deshalb mit seinem Arbeitgeber in den Clinch zu gehen. Ein weitverbreitetes Phänomen.

Eine Sekunde Unaufmerksamkeit, und das Trinkgeld eines Monats war weg

Im Niedriglohnsektor grassiert die Angst. Wer dort einen Arbeitsplatz ergattert hat, der weiß, dass er leicht zu ersetzen ist. Als Pizzabote, Wachmann oder Putzfrau ist keine spezielle Qualifikation gefordert, und vor der Tür warten trotz des Aufschwungs immer noch Millionen Arbeitslose. Zudem sind die wenigsten Billiglöhner in der Gewerkschaft. »Da beißt sich die Katze in den Schwanz«, sagt Micha Heilmann, Jurist bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Weil so gut wie kein Kollege Gewerkschafter ist, traut sich kaum jemand einzutreten oder gar einen Betriebsrat zu gründen. Doch ganz allein gegen möglicherweise illegale Arbeitsbedingungen vorzugehen ist ziemlich aussichtslos – und vor allem angsteinflößend. So hat die Gewerkschaf ver.di in Hamburg eine Hotline eingerichtet für Menschen, die zu Dumpinglöhnen arbeiten. Die Anrufer arbeiten vor allem bei Wachdiensten oder Zeitarbeitsfirmen, in Hotels oder in der ambulanten Pflege. Und sie erzählen haarsträubende Geschichten. Doch selbst der Gewerkschaft gegenüber wagen sie meist nicht, ihren Namen preiszugeben. Da arrangiert man sich eher mit dem miserablen Job.

Leser-Kommentare
  1. Die geschilderten Beispiele gibt es gar nicht, in Deutschland bildet Harz IV nämlich eine natürliche Untergrenze für den Lohn, darunter würde niemand arbeiten gehen. Das behaupten jedenfalls die Gegner eines Mindestlohns immer, und da die Politik auf sie hört, werden sie wohl recht haben.

  2. Nun ich komme auf 1180 Euro :-)

    Aber ich hatte im großen Einmaleins schon immer schlechte Zensuren...

    • sbo78
    • 03.03.2007 um 22:31 Uhr

    SaskiaLund hat die Situation sehr treffend beschrieben: Unser derzeitiges Sozialhilfesystem fordert die Arbeitgeber geradezu heraus, niedrigste Löhne zu zahlen. Und gibt selber ein perfektes Vorbild - siehe Ein-Euro-Jobs.

    Sinnvoller wäre IMHO eine Regelung, die einen gesetzlichen Mindestlohn (sechs Euro pro Stunde - entspricht etwa 800,- Euro netto im Monat - ist sicher nicht zuviel?) mit einer negativen Einkommenssteuer kombiniert.

    Diese Form der Sozialhilfe wird in anderen Ländern seit Jahren erfolgreich umgesetzt: Es wird den Menschen, die ein nicht ausreichendes (Arbeits-)Einkommen erzielen, ein Zuschuß ausgezahlt, der sich wie eine Einkommenssteuer mit negativem Steuersatz berechnet.

    So wird über den Mindestlohn vermieden, dass ausländische Unternehmen im Inland zu günstigeren Löhnen arbeiten dürfen als heimische (EU-Recht). Außerdem wird vermieden, dass die Unternehmen Lohnsätze immer weiter drücken können, wie es ohne Mindestlohn möglich wäre ('und den Rest zahlt eh der Staat...'), womit externe Effekte reduziert werden.

    Die negative Einkommenssteuer stellt sicher, dass jede Familie ausreichend Einkommen zur Verfügung hat, auch wenn nur Teilzeit gearbeitet werden kann oder zum Beispiel durch vorhandene Kinder höherer Einkommensbedarf vorliegt.

  3. 4.

    @pmschneider:
    Ein sehr zynischer Kommentar. Ob pro Tag 25€ reinkommen ist Glücksache und wenn ich krank bin, gibt´s gar nix. Egal, ob man eine Familie gründen will oder nicht: Wenn ich jeden Monat zittern muß, ob das (durch einen Vollzeit.Job) erworbene Geld für die nächste Miete reicht, ist die Perspektive eines Tagelöhners. Ich kann und mag nicht einsehen, daß einige Unternehmer ihren (allerdings auch nicht immer üppigen) Lebensunterhalt dadurch bestreiten, daß die Allgemeinheit die Folgen ihrer Dumping-Löhne kompensiert. Wie war der Spruch von Th. Roosevelt nochmal?: „Unternehmen, deren Existenz lediglich davon abhängt, ihren Beschäftigten weniger als einen zum Leben ausreichenden Lohn zu zahlen, sollen in diesem Land kein Recht mehr haben, weiter ihre Geschäfte zu betreiben.' (1938!)

    • eltren
    • 02.03.2007 um 13:40 Uhr

    25 * 20 = 700 ?

    • coeps
    • 02.03.2007 um 13:15 Uhr

    Meiner Meinung nach widersprechen solche Arbeitsverhältnisse der Menschenwürde. Es ist eine Schande, daß eine der reichsten Nationen dieser Welt solche inneren Zustände aktzeptiert. Rauchverbote und andere vergleichbare Nichtigkeiten beschäftigen unser Parlament für Wochen, während mit heuchlerischen Argumenten (das ist ja illegal, da muss man sich halt wehren) ein Mindestlohn abgelehnt wird, der Kinderarmutsbericht in der Versenkung verschwindet und unser Planet den Bach runter geht.
    Was für ein Armutszeugnis für (ehem.) Land der Dichter und Denker

  4. Ausbeutung, Manchesterkapitalismus, Klassengesellschaft, Proletariat, Pauper: Alles nur Begriffe aus der Mottenkiste, alles nur Populismus? Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst eines ungezügelten Kapitalismus.

  5. 'Und während sich die Abgeordneten im Plenarsaal über Niedriglöhne erhitzen, werden sie künftig wohl von ebensolchen Niedriglöhnern bewacht°: Da kann man nur hoffen, dass die billigeren Wachposten dazu führen, dass jemand mit es schafft mit einer salzgeladenen Schrotflinte unerkannt in den Bundestag zu kommen und den dort Verantwortlichen, die seit Jahren(!) einfach nur pennen mal so richtig ordentlich ein paar Ladungen in den Hintern schiesst. Vielleicht wachen sie dann mal auf.

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