FantasyfilmDie hohe Kunst der Verdrängung

Guillermo del Toros erschütternder Film »Pans Labyrinth«. von Anke Leweke

Ein solches Kinomonster hat die Welt noch nicht gesehen. Es besitzt die Gestalt eines Menschen, mit kahlem Schädel, bleicher Haut, hervortretenden Knochen und geschwollenen Adern. Seit Urzeiten scheint die Kreatur in einem Kellergewölbe zu lauern und auf ihr nächstes Opfer zu warten. Wirklich schrecklich aber ist dieses Monster, das über der Schlüsselszene von Pans Labyrinth thront, weil es augenlos ist.

In dem Horrorwesen kommen die Themen und Motive von Guillermo del Toros erschütterndem Fantasyfilm zusammen, der in der Oscar-Nacht die Preise für Ausstattung, Kamera und Maske gewann. Pans Labyrinth handelt von einem Mädchen, das die Augen verschließen möchte – vor dem spanischen Faschismus im Jahre 1944, vor der Folter der republikanischen Rebellen, vor einem gefühlskalten Stiefvater, der für General Franco im Norden des Landes die letzten Freiheitskämpfer aus ihren Verstecken jagen soll. Für die kleine Ofelia werden die dichten Wälder rings um den militärischen Stützpunkt zu einem Zauberreich voller seltsamer Zeichen, mysteriöser Insekten und grotesker Fabelwesen.

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Das Leben eines Kindes, das sich vor bedrohlicher Umgebung in den eigenen Kopf zurückzieht, ist eine klassische Rahmenhandlung der Fantasyliteratur und ihrer Verfilmungen, die seit Jahren Konjunktur haben. Doch noch nie hat man die verzweifelte Notwendigkeit der Verdrängung so sehr gespürt wie bei del Toro, noch nie wurde Verdrängung als bewusster Akt so zwingend zum Thema und damit sichtbar gemacht. Ofelia flieht, indem sie den Schrecken in eine märchenhafte Erzählung umdeutet. Das kleine Mädchen wird zu einer Regisseurin in eigener Sache. Sie sublimiert, verpackt die kriegerischen Auseinandersetzungen vor der Haustür in andere Bilder – und verleiht damit auch dem Zuschauer einen anderen Blick.

So sind es immer wieder Augen, die in den Fantasien dieser Heldin eine symbolische Rolle spielen. Gleich zu Beginn findet Ofelia ein steinernes Auge und wenig später eine fratzenhafte Skulptur, der genau dieses Organ fehlt. Als Ofelia es einsetzt, öffnet sich die Pforte zu Pans Labyrinth, jener Parallelwelt, durch deren Irrgärten ein mit den Flügeln klapperndes Insekt führt, das sich mittels der Einbildungskraft des Mädchens in eine wunderschöne Elfe verwandelt. Die gierige Kröte, die sich an dicken Käfern überfrisst, bis sie am eigenen Schleim erstickt, der redegewandte Faun mit den gebogenen Hörnern, die kleine Wurzel, die glaubt, ein Baby zu sein, und zu weinen beginnt – bei Guillermo del Toro lassen all die fantastischen Kreaturen ihren computergenerierten Ursprung hinter sich, so wie sie sich auch über die klassischen Kategorien von gut und böse, schön und hässlich erheben. Fast könnte man von reinen Fabelwesen sprechen, von einem heilsamen Illusionismus, doch der spanische Regisseur weiß allzu gut, dass jeder Traum den Träumenden wieder bei sich selbst ankommen lässt. Obwohl man in Pans Labyrinth der Fantasie bei der Arbeit zusehen kann, unterbindet dieser Film letztlich die schöne Flucht in die Bilder. Je sadistischer Francos Schergen in der faschistischen Außenwelt morden und foltern, je mehr Unschuldige ihr Leben lassen müssen, desto grausamer und blutrünstiger werden auch Ofelias Fantasien. Realer und irrealer Handlungsstrang bilden hier die zwei Seiten einer Medaille, spiegeln, ergänzen und verbünden sich, um von einer düsteren Wahrheit zu berichten. Wenn die Kamera im Kerker an freskenhaften Gemälden entlanggleitet, die das augenlose Monster beim Aufschlitzen von Kindern zeigt, werden auch die realen Gräueltaten von Ofelias frankistischem Stiefvater miterzählt.

Mit eiskaltem Blick spielt Sergi López diesen Capitán Vidal, einen Ordnungsfanatiker, der alle Abläufe seines Lebens strengstens mit einer Taschenuhr kontrolliert. Auch das Töten ist für ihn zum mechanischen Akt geworden. In der Umwandlung dieses Zwangscharakters zum Horrorwesen liegt die ungeheuerliche Leistung von Ofelias Verdrängung. Mit ihren Fantasien hält sie dem Faschismus sein fratzenhaftes Antlitz vor, während sich dessen Todesbesessenheit in den dunklen, verschlungenen Gängen von Pans Labyrinth wiederfindet.

Das Monster ist übrigens nicht wirklich augenlos. Vor ihm steht ein kleiner Teller mit Augäpfeln, die es in seine Hände einsetzt, ehe es sein Zerstörungswerk beginnt. Eindrücklicher hat das Kino kaum je von der Angst vor dem Sehen erzählt.

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    • Schlagworte Kunst | Faschismus | Mädchen | Regisseur | Urzeit
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