Frankreich Der Geist weht rechtsSeite 2/2

Das Missfallen der Intelligenz an Ségolène Royal hat viele Gründe. So überkommt Pierre-André Taguieff, der einst den Anarcho-Situationisten angehörte, »ein ozeanisches Gefühl, fast Seekrankheit angesicht von Royals Neopopulismus«. Auch Alain Finkielkraut sieht in der Kandidatin »die Leere der Linken« und hält deren interaktive Kampagne für reinen »Bluff«. Solche Aversionen rühren freilich auch daher, dass die Bürgerdebatten um geschlagene Frauen, Mikrokredite, Probleme mit der Sozialversicherung oder Jobsuche nichts für intellektuelle Universalisten sind, die sich von solchen Alltagsfragen überfordert fühlen. Auch wenn sie nach den ideologischen Explosionen von 1968 einen »Theorie-Kater« (Marcel Gauchet) haben und längst wieder pragmatisch sein wollen, verstehen sie sich als Warner vor demokratischen Exzessen in der Tradition Tocquevilles. Der hatte prophezeit, dass die demokratische Hoffnung auf Gleichheit zu einem immer größeren Einfluss des Staates über die Bürger führt. Nachdem aber der Glaube an die ausgleichende Kraft des Staates erschüttert ist, lässt auch das Denken in Gesellschaftsbezügen nach. Die Bürger suchen ihr Heil in der individuellen Vorsorge, und die neuen Rechtsintellektuellen schwärmen für Männer der Vorsehung.

In seinem Buch À droite toute – »Alle nach rechts« (Fayard) erklärt der Publizist Eric Dupin die Rechtswende pauschal mit dem wachsenden Individualismus in den Industrieländern, der durch die ökonomische Krise noch befördert werde. Bemerkenswert ist dabei freilich die Verbindung zwischen ökonomischem Liberalismus und sozialem Konservatismus, wodurch Moraldebatten wichtiger werden als Gerechtigkeitsfragen: »Die Sehnsucht nach neuen sozialen, ethnischen und sexuellen Ordnungsmustern wächst mit der Destabilisierung durch die neoliberale Wirtschaftsordnung.« Mit seiner Synthese aus Autoritarismus und Hyperindividualismus schaffe Sarkozy eine »kühne Allianz der Privilegierten und der Mittellosen, indem er nicht mit sozialen Interessen, sondern mit Werten operiert: Arbeit gegen Stütze, erfolgreiche Immigranten gegen illegale Einwanderer et cetera.« Ganz in diese Tendenz passt, dass Glucksmann, Finkielkraut und andere die Banlieue-Krawalle von 2005 nicht als Verteilungskampf, sondern faktenwidrig als Rassen- und Religionskonflikt beschrieben.

Freilich gilt auch Ségolène Royal als die konservativ-autoritärste Sozialistin aller Zeiten. Mit ihrer Parole von der »gerechten Ordnung« orientiert sie sich am Sozialkatholizismus und hat das Wort »Sozialismus« längst aus ihrem Wahlprogramm gestrichen. Zugleich agiert sie wie eine moderne Florence Nightingale, die den Menschen Schutz und Sicherheit verspricht. Vor allem aber pflegt sie Skepsis gegenüber Intellektuellen und Experten, die Ratschläge von oben erteilen. Freilich zieht sie damit nur die Lehre aus dem Wahldesaster des Sozialisten Lionel Jospin 2002, der sich mit zu vielen Fachleuten umgeben hatte und für alle Probleme Patentrezepte wusste. Dieses Übermaß an Expertise erstickte die öffentliche Debatte, die Royal wiederbeleben will.

Daher ist die Klage des Pariser Soziologen Michel Wieviorka besonders aufschlussreich. Obwohl er jüngst ein Buch über die Krise der Repräsentation und die Entfremdung zwischen Politikern und Bürgern veröffentlichte, wettert er nun gegen Royals Bürgerdebatten: »Warum engagieren sich so wenige Intellektuelle für die Sozialistin? Weil ihre partizipativen Demokratievorstellungen beunruhigend sind und auf Demagogie, Gefühlspolitik, Populismus und Inkompetenz hinauslaufen.« Einziger Ausweg sei, dass Frau Royal ihre Intellektuellenverachtung ablege und auf diejenigen höre, die Wissen produzieren und verbreiten – also auf Intellektuelle wie Wieviorka selbst.

Einer der wenigen, die angesichts der gegenwärtigen Anbiederei auf Distanz halten, ist der Schriftsteller Bernard-Henri Lévy. Zwar ist seine anfängliche Sympathie für Ségolène Royal einer ziemlichen Ernüchterung gewichen, nachdem sich die Kandidatin zu viele Ausrutscher und Fehlurteile leistete. Doch Glucksmanns Wahlhilfe für Sarkozy missfällt ihm noch mehr. In der Tradition Sartres, der parteipolitisches Engagement strikt ablehnte, stellt Lévy drei Bedingungen an Intellektuelle im Wahlkampf: »Erstens läuft man nicht einfach hinter jemandem her. Zweitens engagiert man sich nur aus der Not heraus und mit Argwohn. Drittens ist es eine Frage des Timings: Intellektuelle sind Freibeuter, Wegelagerer, die maximalen Druck ausüben und sich so spät wie möglich zu Wort melden, nachdem sie ein Maximum an Beute gemacht haben: mit großen Forderungen und Einsatz für das Wesentliche.«

Das alles haben die neuen Sarkozy-Anhänger gründlich versäumt. Angesichts des intellektuellen Stimmengewirrs ist Ségolène Royal vielleicht doch nicht so schlecht beraten, sich an die Bürger zu halten. Denn die behalten bei der Wahl ohnehin das letzte Wort.

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Leser-Kommentare
  1. Hauptsächlich jüdische 'Intellektuelle' die in Sarkozy einen guten Verbündeten der USA und Israel sehen und sie von den Einwanderen aus dem Maghreb befreit. Sind das nicht die selben Hobbyphilosophen die Sympathie für den bedrängten Turbochristen Redeker bekundeten? So leicht kann man seine Überzeugung wechseln...

    • Tom030
    • 05.03.2007 um 12:40 Uhr

    Zitat aus Artikel:

    'Ganz in diese Tendenz passt, dass Glucksmann, Finkielkraut und andere die Banlieue-Krawalle von 2005 nicht als Verteilungskampf, sondern faktenwidrig als Rassen- und Religionskonflikt beschrieben.'

    Wer bitte schön kann wirklich anhand welcher Fakten definieren, ob etwas ein Religions-/Ethnienkonflikt ist oder nicht? Wer ist befugt so etwas zu 'beweisen'? Die Teilnehmer dieser Unruhen kamen nahezu vollständig aus dem islamischen Einwanderermilieu. Den Franzosen soll sich folgendes Bild tief ins Gedächtnis gebrannt haben:

    Als in Clichy sous Bois die Gewalt vollkommen aus dem Ruder zu laufen drohte, rief ein Imam zur Ruhe auf, woraufhin tausende von Kehlen frenetisch mit 'Allahu Akbar' antworteten . Die Stimmen hallten an den großen Wohnblocks wider und eine gespenstische Vorahnung kommender Konflikte wurde von den Medien in Millionen französische Wohnzimmer gesendet.

    Die Probleme sind überall die gleichen, egal in welche Gesellschaft Westeuropas man schaut. Parallelgesellschaften, Kriminalität, Desintegration, etc. Die Ursachen sind mit Sicherheit nicht nur im Isam und der damit verbundenen arabisch-türkischen Mentalität zu suchen, aber wer diesen Zusammenhang vollkommen leugnet gilt m.E. heute als naiv.

  2. Offenbar haben einige der 'abgehängten' Salon-Philosophen Frankreichs keine Lust mehr auf eine nouvelle vague d'emancipation. Dem Stärkeren wieder mehr Rechte einräumen zu wollen, ist allerdings eine ziemlich indiskutable Haltung.

    Haben die Intellektuellen an der Seine etwa Angst vor den Frauen bekommen, die dank hervorragender Familienpolitik nun den nächsten Karrieresprung ins Auge fassen könnten?Würde eine Frau, die vor dem Sprung ins Elysée steht, etwa das Ideal der Brüderlichkeit aushöhlen?

    Waffenbrüdern mit fragwürdigen Zielsetzungen würde Segolene Royale allerdings sicher wie eine Jeanne d'Arc entgegentreten.

  3. Abgehalfterte Querdenker nennen Sie Eliten?
    Wo ist nur ihr gesunder Menschenverstand geblieben?

    Ein bisschen weniger Vorurteile wären schon ganz schön. Linke, die sich wieder etwas mehr Absolutismus wünschen, haben sicher schneller ausgedient, als den Republikanern hierzulande lieb ist.

    Und wer zielstrebig Fortschritte für die Allgemeinheit plant, der sollte auch nicht länger als Planwirtschaftler diskriminiert werden, sondern als vernunftbegabter Politiker akzeptiert werden.

  4. ...der Historiker Jacques Juillard (spricht) von einer Wende: »Das Wort Linksintellektueller war lange Zeit ein Pleonasmus, heute wird es zu einem Oxymoron.«

    Alain Finkielkraut sieht in der Kandidatin »die Leere der Linken«

    Da die Deutschen fast immer hinter her hängen, wird es wohl noch eine Weile dauern, bis wir segensreiche Apostaten und Konvertiten wie André Glucksmann, Max Gallo, Pascal Bruckner, Alain Finkielkraut, Marc Weitzmann, Roman Goupil, Pierre-André Taguieff, Yasmina Reza haben.

    Ich sehe jedenfalls mit Genugtuung den Niedergang der Linken, die für mich schon lagen eine gefühlsleere Fratze der ist.

  5. 6.

    Also, was soll denn das Argument, dass sich schon 1914 Schriftsteller wie Charles Péguy oder Journalisten wie Gustave Hervé von den Sozialisten abgesetzt und die nationale Sache beschworen hätten. Das war ja gerade die Ideologie im Ersten Weltkrieg, dass alle die nationale Sache beschworen. Nun ja, da gibt es wohl dann auch noch ein paar mehr Beispiele. Und das Rechstintellektuelle in das linke Lager wechsel, gibt es wohl eher nicht, weil es so wenige gibt. Das ist dann bei den Linksintellektuellen wohl anders. Aber bald wird das dann ja wieder umgekehrt laufen müssen. Sind ja dann alle rechtsintellektuell. Ähm, gibt es soetwas linksintellektuell und rechtsintellektuell?

  6. PS.
    Nicht nur deGaulle, sondern auch Chirac haben sich mehr 'deutsch' als 'franzoesich' benommen in 'ihren' Zeiten. Heisst das, dass Frankreich gern von 'Deutscch-denkendedn' Leuten regiert werden wuerde?

    PPS. 26% Atheisten... ist das 'zu' viel? Oder zu wenig?

    PPPS. 'Ein Volk, ein Fueher' wer denkt nicht, dass er/es bald schon auf dem Weg sein wird. Sobald die Wirtschaft die Schroeder-Rutsche wieder anfaengt.

    PPPPS. Sarkozy ist nicht Chirac oder deGaulle. Ob in Paris jemand in einem Rock es besser machen koennte oder wuerde, ist fraglich. Jemand der gescheiter ist, in Rock oder Hose, wird es schaffen. Ihr/ihm wird es leicht fallen.

  7. Erstens muss ich Gottlieu zustimmen, dass Bayrou nicht unerwähnt bleiben darf.

    Zweitens fand ich den Artikel etwas langatmig, dennoch dachte ich mir, dass ich ihn mir bis zum Ende durchlesen sollte, einfach um mein Wissen über das aktuelle Geschehen bei unserem Nachbarn aufzufrischen. Plötzlich ist gegen Ende des Artikels die Rede von Bernard-Henri Lévy (in Frankreich auch BHL genannt). Also wenn Sie sich auf diesen Feuilleton-Philosophen, der in akademischen Kreisen wirklich, aber auch wirklich gar nichts zu sagen hat, berufen, dann gehe ich mal davon aus, dass die anderen Intellektuellen, die in ihrem Artikel vorkommen auf der gleichen Liga spielen, und deren einziger Beitrag zur Wissenschaft wohl ihre Talkshowisierung ist. Also ich meinerseits würde niemals in einem wissenschaftlich anmutenden Artikel mich auf derlei Popstars berufen.
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