Es war ein großer Tag für Howard Charles, jener Donnerstag vor zwei Wochen – Charles wurde Hausbesitzer. Um ein Reihenhaus in Brooklyn, New York, zu finanzieren, nahm der 36-jährige Vater dreier Kinder einen zweiten Job an – und eine Hypothek in Höhe von 428.000 Dollar auf. Die gröbsten Renovierungen an dem Jahrhundertwendebau, die er selbst macht, will er in zwei Monaten abgeschlossen haben. Für das Abzahlen der Hypothek hat er 30 Jahre. »Da werde ich hoffentlich gerade pensioniert.« Bis dahin wird seine Hypothek durch unzählige Gläubigerhände gehen, um am Ende im Portfolio einer Pensionskasse, eines Investmentfonds oder einer deutschen Versicherung zu liegen. BILD

Ohne es zu wissen, ist Charles Teil eines Geschäfts mit amerikanischen Hypotheken geworden, in dem Tausende Milliarden Dollar stecken. Allein in den vergangenen zwei Jahren haben Kreditinstitute in den USA nach Branchenhochrechnungen 3.200 Milliarden Dollar an neuen Baudarlehen ausgereicht – ein neuer Rekord. Insgesamt belaufen sich die ausstehenden Hypotheken auf 8.200 Milliarden Dollar. Das ist etwa doppelt so viel wie noch vor fünf Jahren.

Ein großer Teil dieser Hypotheken wird nun von Investmentbanken aufgekauft und gebündelt. Solche Bündel dienen als Sicherheit für neu geschaffene Wertpapiere, die sich wie Unternehmensanleihen oder Staatspapiere an den Finanzmärkten verkaufen lassen. Und weil sie kräftig Rendite versprachen, haben Pensionskassen und Hedgefonds diese Hypothekenpapiere bisher gern genommen. So ist ein komplexes internationales Geflecht aus Kreditinstituten, Investmentbanken, Brokern, Hedgefonds und Pensionskassen entstanden, das inzwischen Hausbesitzer in Iowa und Kalifornien mit Ruheständlern, Versicherten und Anlegern in Europa und Asien verbindet.

Doch jetzt zeigen sich erste große Löcher in diesem fein gesponnenen Gewebe: Weil sich der US-Immobilienmarkt abkühlt und die Zinsen steigen, fallen mehr Baudarlehen aus als erwartet. Betroffen sind besonders Kreditnehmer mit schwacher Bonität – das so genannte Subprime Lending. Schon rutschen kleinere US-Kreditinstitute reihenweise in die Pleite. Aber auch Große erwischt es: Dem britischen Finanzkonzern HSBC verhagelte die Krise seine Bilanz, woraufhin die gesamte US-Chefetage Ende vergangener Woche gehen musste. Die Bank selbst verkündete die erste Gewinnwarnung ihrer Geschichte.

Die Wall Street fürchtet sich jetzt vor einem Dominoeffekt, der auch andere Märkte und die Konjunktur erfassen könnte. »Wenn es eine Sollbruchstelle im weltweiten Finanzsystem gibt, dann verläuft sie durch den US-Immobilienmarkt und den privaten Hypothekenmarkt«, stellen Mark Zandi und Juan Manuel Licari fest, die zu Economy.com gehören, einer Forschungseinheit der internationalen Ratingagentur Moody’s.

Immer kreativer wurden die Kredite

Angefangen hatte alles mit guten Absichten. Nach dem Platzen der Internetblase und den Anschlägen des 11. September 2001 ließ der damalige US-Notenbankchef Alan Greenspan die Zinsen auf ein historisch niedriges Niveau sinken, um die Wirtschaft mit billigem Geld anzukurbeln. Die Amerikaner – nach dem Börseneinbruch aktienscheu – verlegten sich auf Immobilien. Sie bauten und kauften, vor allem aber lösten sie bestehende Hypotheken ab, um zu den verlockend niedrigen Zinsraten höhere Kredite aufzunehmen. Die starke Nachfrage trieb die Preise für Wohnungen und Eigenheime immer weiter an – und ermöglichte immer höhere Hypotheken. Das frische Geld floss in Möbel, Kreuzfahrten, Autos oder diente zum Abzahlen von Kreditkartenschulden. Greenspans Rechnung ging auf: Milliarden Dollar wurden von den Konsumenten auf diese Weise in die Wirtschaft gepumpt und die USA von einer tiefen Krise verschont.