Bundespräsident Beifall für die Person, nicht fürs Programm

Bundespräsident Horst Köhler ist kein gelernter Politiker – und gerade deshalb im Volk beliebt. Viel verändern kann er nicht.

Dieser Mann ist ein Phänomen – und ein Paradox zugleich. Dass Horst Köhler im Volke sehr beliebt ist, diese Tatsache allein müsste einen noch nicht verwundern, denn alle Bundespräsidenten erfreuten sich einer hohen Popularität, jedenfalls solange sie bei vollen Kräften waren. Doch jeder der früheren Amtsinhaber war längst bekannt und mindestens in seinem politischen Lager beliebt, bevor er ins Amt kam – Horst Köhler aber war in der breiteren Öffentlichkeit gänzlich unbekannt, als Angela Merkel, Edmund Stoiber und Guido Westerwelle ihn vor drei Jahren nächtlings aus dem Hut zauberten; einzig Helmut Kohl war nicht überrascht gewesen, denn von ihm hatte die Kanzlerin den ersten ernsten Hinweis auf Köhler bekommen.

Aus der Anonymität der Fachwelt an die Spitze der demokratischen Beliebtheitsskala – dieser Popularitätsspurt ist nicht nur erstaunlich, sondern auch ein für viele irritierendes Paradox, denn die meisten der Menschen, die Köhler als Person mögen, würden an den Wahlurnen niemals das politische Programm ankreuzen, für das der Präsident je länger, desto hartnäckiger eintritt. Wie aber kommt es, dass jemand, der so gegen den Hauptstrom der Stimmungen anredet, der sich mit der politischen Klasse anlegt, sie regelrecht verärgert und von nicht wenigen Journalisten ständig mit Sparkassendirektoren verglichen wird, also mit Leuten, bei denen man zwar sein geschätztes Geld, niemals aber seine geistreiche Wertschätzung deponiert – wie kommt es, dass so jemand so beliebt sein kann?

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Die einfache Antwort lautet: Ebendrum! Horst Köhler wird als jemand wahrgenommen, der denkt, was er sagt, und sagt, was er denkt – und das auch noch möglichst einfach. Möglichst nie mehr als einen Nebensatz pro Hauptsatz! Offenbar ist vielen Leuten diese Authentizität wichtiger als der Unterschied in den politischen Ansichten. Für diejenigen, die seine Hauptbotschaft (»Vorfahrt für alles, was Arbeitsplätze schafft!«) ohnedies gerne hören (und das werden nicht nur viele Arbeitgeber sein, sondern auch einige Arbeitslose), kommt die kunstlos direkte Redeweise noch als Bonus hinzu.

Ginge es also nur um die Beliebtheit des Bundespräsidenten, hätte die Halbzeitbilanz zum Jahreswechsel für Horst Köhler nicht besser ausfallen können. Die Frage – im Rückblick wie im Ausblick auf die zweite Halbzeit – lautet aber: Was hat dies alles politisch tatsächlich gebracht – und was könnte es noch bewirken? Der entsprechende politische Befund und die Prognose fallen jedoch keineswegs so eindeutig aus wie die steile Popularitätskurve.

Mit seiner ersten großen Rede hatte Horst Köhler die Deutschen auf das Schicksal des afrikanischen Kontinents hingewiesen. Diese Fragen mögen noch so dringlich sein, vor allem wenn ein Mann sie stellt, der die Welt von oben und Deutschland auch von außen gesehen hat – die kühlen Technokraten der Macht und die Manager hiesiger Wahlkämpfe lassen einen solchen Mahner schon deshalb einen guten Mann sein, weil seine Prioritäten ihren Interessen nicht in die Quere kommen.

Der erste Punktsieg gegen den Machtmenschen Schröder

Schon eher horchen sie auf, wenn ein solcher vermeintlicher Gutmensch sich plötzlich mit dem Kanzler Gerhard Schröder, einem Machtmenschen par excellence, anlegt. Im November 2004, gut vier Monate nachdem Köhler sein Amt angetreten hatte, verfielen Schröder und Hans Eichel auf die absonderliche Idee, den 3. Oktober als Feiertag zu streichen und den Tag der Deutschen Einheit auf den jeweils ersten Sonntag im Oktober zu verlegen – die Einheit sei teurer geworden als gedacht. Damit trampelten sie stillos auf dem Gelände der symbolischen Zuständigkeiten des Präsidenten herum – und Köhler schlug wirkungsvoll zurück. Hätten Mitarbeiter seines Amtes bei dieser Gegenwehr ausschließlich präsidiale Mittel gewählt und nicht zugleich in den Instrumentenkasten politischer Schlingkämpfer gegriffen – Köhlers Punktsieg wäre noch eindrücklicher ausgefallen.


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Jedenfalls hätte Schröder, der Köhler bis dato eher als Leichtgewicht eingeschätzt hatte, seither gewarnt sein müssen – ganz abgesehen davon, dass er ihn auch als Verbündeten hätte einspannen können. Was will man mehr als einen Präsidenten von der anderen parteipolitischen Feldpostnummer, der einen für die eigene Agenda 2010 ausdrücklich lobt? Einen Präsidenten zudem, der sogar noch mehr verlangt, was der Kanzler in der Stille seines Herzens ebenfalls für richtig hält?

Als aber Schröder mit seiner Agenda und mit der Macht über seine Mehrheit am Ende war, rempelte er im Mai 2005, nach den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen, den Präsidenten nochmals an, indem er Neuwahlen forderte, ohne sich vorher mit Köhler ernstlich zu beraten. Doch nun sollten sich die Grenzen der präsidentiellen Macht zeigen – und zwar ausgerechnet in einer Frage, bei der dem Bundespräsidenten scheinbar souveräne Entscheidungen zufallen. Man muss sich nur einmal fragen, was geschehen wäre, hätte Köhler – was völlig plausibel gewesen wäre – etwa Folgendes gesagt: »Herr Bundeskanzler, wenn Sie keine Mehrheit hinter sich haben, dann treten Sie eben zurück. Sie sagen mir, mit Ihrer Mehrheit gehe es nicht weiter. Wieso soll ich Ihnen für genau diese Mehrheit eine vorzeitige Neuwahl eröffnen?«

Weder politisch, vielleicht nicht einmal verfassungsrechtlich hätte Köhler einen solchen Streich ohne Schaden überstehen können. Der Vorwurf, er wünsche sich sowieso eine andere Regierung, war ohnedies laut geworden, bei jeder anderen Entscheidung wäre er zum Gebrüll angeschwollen. So aber wählte Köhler einen Weg, der verfassungsrechtlich in Ordnung war, der die geringste Belastung für das politische System mit sich brachte und der zudem von Karlsruhe restlos bestätigt wurde. Und dennoch wurde ihm von einigen Journalisten nachgesagt, er habe bei der Anordnung der Neuwahlen eine »Notstandsrede« gehalten, die an Carl Schmitt, den Staatsstreich-Juristen der NS-Zeit erinnere – als ob Neuwahlen, die von allen demokratischen Parteien befürwortet werden, auch nur entfernt mit einem Staatsstreich zu vergleichen wären.

Falls diese immerhin überschaubare Verfassungskrise Horst Köhler ernstlich aufgewühlt haben sollte – anmerken ließ er sich das nie. Auch nicht, als er im Herbst 2006 angerempelt wurde, weil er zwei Gesetzen die Unterschrift verweigerte. Es hieß damals, er treibe es mit seinen politischen Interventionen zu weit. Dabei hatte er gegen die politischen Absichten beider Gesetze keinerlei Bedenken angemeldet, sondern nur die Verletzung der Kompetenzordnung gerügt, und das aufgrund externer gutachterlicher Beratung namhafter Staatsrechtler. (Das einzige Gesetz, gegen das er inhaltliche Bedenken äußerte, ließ er skeptisch passieren – und von Karlsruhe kassieren.)

Weshalb dann immer noch das Grummeln und Maulen aus der politischen Klasse, auch aus der CDU? Zur Erklärung muss man auf eine politische Typenlehre zurückgreifen. Horst Köhler ist kein wirklicher Außenseiter, wie es etwa ein Jens Reich oder ein anderer Mann der reinen Wissenschaft, der Wirtschaft oder des Volkes wäre. So nahe Köhler aber in seiner Beamtenlaufbahn der Politik und den Politikern gewesen war, so wenig hatte er deren hauptsächliches Geschäft lernen (und erleiden) müssen – nämlich Mehrheiten für notwendig schwierige Beschlüsse zu erkämpfen, Rivalen aus dem Weg zu beißen, auf der Ochsentour, in verräucherten Hinterzimmern und auf zugigen Wahlkampfpodesten. Horst Köhler stammt also aus der Klasse der höheren Expertokratie, nahe den politisch Handelnden, aber weit weg von deren Nöten und Trieben – durchaus vergleichbar einem Karl Carstens, einem Klaus Kinkel, einem Frank Walter Steinmeier, alles Leuten, die in der parlamentarischen Politik nie zu den Alphatieren zählten. Wirkliche Außenseiter werden von den »echten« Politikern zwar belächelt, aber man ärgert sich nicht über sie. Die Expertokraten aber gehen gerade wegen dieser distanzierten Nähe den Machtmenschen auf die Nerven, weil sie denen schon so oft in die Karten blicken konnten, weil sie deren Spielchen durchschauen – und sie manchmal sogar leise verachten.

An den zähen Grenzen aller rhetorischen Politik

Die Frage allerdings bleibt, ob diese Expertokraten das Spiel, das sie durchschauen, wirklich verändern – ob sie es also (besser) beherrschen können, selbst vom Amt des Bundespräsidenten aus. Alle Bundespräsidenten (bezeichnenderweise außer Karl Carstens – und außer dem verspätet ins Amt gekommenen Johannes Rau) haben versucht, die engen Fesseln des Amtes zu weiten, letztlich vergeblich. Am provozierendsten versuchte dies (nach dem dabei grandios gescheiterten Kurzzeitkandidaten Adenauer) noch Walter Scheel, der dafür von »seinem« Kanzler Helmut Schmidt am schroffsten zurückgewiesen wurde; gerade in der Beziehung zwischen diesen beiden wurde das alte Diktum wahr, der Präsident sei allenfalls so stark, wie die Nerven des Kanzlers schwach sind. Roman Herzog ist – bei allen Unterschieden – insofern ein Vorläufer Köhlers gewesen, als auch er versuchte, die Bundesrepublik auf notwendige Reformen im Zeitalter der Globalisierung einzustimmen. Aber welche Veränderungen hat seine berühmte »Ruck-Rede« tatsächlich ausgelöst? Jedenfalls nicht die »Agenda«-Rede Gerhard Schröders im März 2004 – die aber wurde vor Köhlers Wahl gehalten.

Noch jedes Staatsoberhaupt hat sich eine Art »Agenda« gewählt. Wenn ein Bundespräsident aber versucht, mit der Agenda der parlamentarisch verantwortlichen Politik zu konkurrieren, sie zu formen oder zu beschleunigen, stößt er nicht nur an die gefestigten Grenzen des Amtes oder auch auf den Widerstand eines nervenstarken Kanzlers, sondern vor allem an die Grenzen der rhetorischen Politik: Vieles sagen zu können – aber letztlich nichts zu sagen zu haben. Gerade Vertreter der Expertokratie mit ihrem großen Vertrauen in die Sachargumente können von solchen Erfahrungen grob eingeholt werden. Und außerdem von der Erfahrung, dass auch eine große Popularität, die sich paradoxerweise der Machtlosigkeit verdankt, letztlich keine große Macht gegenüber der Politik verleiht.

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Lesen Sie dazu in der aktuellen Ausgabe 10/2007 der ZEIT:
"Ich will keiner Schablone entsprechen" - Horst Köhler im ZEIT-Gespräch mit Giovanni di Lorenzo und Matthias Nass.

 
Leser-Kommentare
  1. In meinem Umfeld kenne ich keinen Bürger, der unseren Präsidenten Horst Köhler irgendwie toll findet. Ich meine, daß er kurz vor oder kurz nach Heinrich Lübcke 'rangiert'. Leider. Robert Leicht liegt mal wieder voll daneben. Und: unser Horsti ist eben der Bundespräsident der FDJ-Kanzlerin. Das muß reichen.

  2. Ist das Altersbockigkeit?

    Symptomatisch sprechen dafür:
    * Grinsigkeit.
    * Plapprigkeit
    * Unfähigkeit, grundlegende Begriffe aus dem Grundgesetz zu zitieren, geschweige sie anzuwenden.
    * Immobilität
    * Kognitenz.

    Oh, Richling! Was hast du für eine Wahrheit - vor Ablauf der Amtsszeit - befördert!

    • Anonym
    • 03.03.2007 um 19:16 Uhr

    Ich gehöre zu den Köhler Opfern. Köhler hat während seiner Amtszeit beim IWF zu guter Letzt 8 Milliarden Dollar an Argentinien gegeben und den Kapitalmärkten versichert, es sei alles in Ordnung, obwohl er damals schon wusste, dass Argentinien nicht mehr zu retten war. Ich dachte: Ok., wenn der IWF das Land stützt, geh ich mal rein. Die Folge: Köhler stellte die Auszahlung des Kredits schon drei Monate danach ein, Argentinien brach zusammen und wir verloren 80 % des Geldes. Köhler lachte uns Geprellten in Dubai ins Gesicht. Der IWF hat mittlerweile von Argentinien alles zurückbekommen.
    Und Köhler?
    Ihm ist der deutsche Journalist hörig. Niemand wollte unsere Informationen, die allesamt gesichert sind, hören. Der Spiegel und alle anderen deutschen Medien ließen die Causo Köhler einfach unter den Tisch fallen und feierten den 'Kandidaten'. Fragt mal Giovanni di Lorenzo, ob er als Lifestyle-Intellektueller weiß, was der IWF so macht. Fragt den Zeit-Herausgeber, was er denn so zu den Sitten und Gebrächen von Regierungen und Internationalen Organisationen hält, die schlimmer sind als die damonisierten Hedge Funds.
    Man wird keine Antwort bekommen. Köhler ist sakrosant. Er liefert schließlich bunte Bilder von seinen Auslandsreisen.
    Und der Beliebtheitsfaktor?
    Den stelle ich in Frage. Für mich ist Köhler ein typischer Technokrat, der alles macht, was sich ein Technokratengehirn ausmalen kann. Und der für seine Fehler nicht geradesteht.
    Köhler hat Milliarden Vermögenswerte deutscher Staatsangehöriger mit vernichtet. Er kann nun nicht einmal mehr verklagt werden, da er immun ist.
    Und: Er ist für deutsche Verlautbarungsjournalisten wie Giovanni di Lorenzo offensichtlich eine interessante Figur.
    Das reicht in unserem Medienbetrieb, um es ordentlich krachen lassen zu können.

  3. 4. Bravo!

    Bravo! Wieder einmal einer dieses grauenhaft schlecht und unübersichtlich verfassetn Zeitartikel.
    Was ist eigentlich das Thema? Welche Position nimmt der Schreiberling ein? Was ist Köhlers bleibender Verdienst?
    Kann mir mal jemand erklären, weshlab der Typ öffentlcih in der Zeit schreiben darf?
    P.S. Meine Meinung zu Köhler: Reden kann er nicht, gut aus sieht er nicht, zu sagen hat er nichts, beliebt ist er bitte wo, bei wem, wann?

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