DIE ZEIT: Herr Lorenz, mit dem Placet des Stiftungsrates zum neuen Sendeschema beginnt nun auch für Ihren Verantwortungsbereich der Countdown zur »größten Programmreform in der Geschichte des ORF«, wie der Generaldirektor sagt. Ist es tatsächlich der große Wurf geworden?

Wolfgang Lorenz: Ich glaube, es wird einer. Wir heben ja erst die Hand zu einem großen Wurf, wie ihn das Haus seit Jahrzehnten nicht gewagt hat.

ZEIT: Was ist so mutig dran?

Lorenz : Dass man ein Programm vollkommen neu aufstellt, ist mutig, weil man nicht nur mit der Konkurrenz, sondern auch mit einer gewissen Zähigkeit des Publikumsverhaltens rechnen muss. Es kann schon sein, dass der eine oder andere Rohrkrepierer dabei ist. Geplant wird aber nur der Volltreffer.

ZEIT: Wer oder was entscheidet, ob Volltreffer gelungen sind?

Lorenz : Publikum, Werbewirtschaft und vor allem auch, ob das Programm mit dem Gesetzesauftrag in Einklang gebracht worden ist.

ZEIT: Konkreter bitte.

Lorenz : Es findet sozusagen eine Veröffentlichrechtlichung statt. Und es ist ein deutlicher Versuch, an die junge Generation anzuschließen.

ZEIT: Wie hoch muss die Quote sein?

Lorenz : Wir hoffen auf einen Zielmarktanteil von 41 Prozent. Ich halte aber die Sache mit der Quotenwurst vor dem Programmhund ohnehin für ein fragwürdiges Modell, weil ich glaube, dass der gesetzliche Auftrag – gepaart mit der gleichzeitigen Verpflichtung, am Markt möglichst erfolgreich zu sein – einen Spagat darstellt, der uns auf Dauer so nicht gelingen kann. ARD und ZDF müssen aufgrund des großen Gebührenmarktes nur zwischen fünf und acht Prozent ihres Budgets aus der Werbung lukrieren, wir fast die Hälfte. Das wird sich langfristig nicht ausgehen.

ZEIT: Sie haben Ihr Amt ja nicht gerade still und bescheiden angetreten.

Lorenz: Es ist von uns auch unbescheiden, nicht die Kunst des Möglichen zu köcheln, sondern die Kunst des Unmöglichen zusammenbringen zu wollen. Wir sind nicht als Verweser angetreten, sondern als Animatoren des Unternehmens.

ZEIT: Sind Sie leicht nervös?

Lorenz: Überhaupt nicht, weil es keinen Plan B gibt. Einen Plan B macht man nur, wenn man an sich zweifelt. Und das tue ich nicht.

ZEIT: Also alles ohne Netz?

Lorenz: So habe ich das immer gehalten. Aber ich denke nicht an eine mögliche Absturzgefahr. Wenn man immer in Alternativen denkt, wird man zauderhaft und nicht zauberhaft, zögerlich und nicht entschieden. Wir sind eine Truppe, die ihren ersten großen Erfolg einheimsen will, um dann weiterzuarbeiten und mögliche Fehler korrigieren zu können. Wenn jemand gerade ein neues Auto entwickelt, denkt er ja auch nicht an eine künftige Rückholaktion. Das wäre pervers.

ZEIT: Anderseits ließe sich auch befürchten, Sie könnten zwischen Qualität und Quote zerrieben werden.

Lorenz: Überhaupt nicht. Qualität und Quote sind kein Widerspruch, sondern eine Übereinstimmung, an die ich glaube. Sonst hätte ich nicht so lange beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk gearbeitet. Die Frage ist nur: Wer beurteilt Qualität, und wie geht man mit Quote um?

ZEIT: Also wer?

Lorenz: Wir. Das ist unser Beruf. Ein Installateur bestimmt ja auch, wie ein Badezimmer funktioniert.

ZEIT: Bei Installationen gibt es aber etwa das objektive Beurteilungskriterium, ob es aus einer Leitung tropft oder nicht.

Lorenz: Völlig richtig. Das stellt bei uns das Publikum fest. Es ist aber unser erlernter Beruf, Fernsehen zu gestalten. Und wenn wir das nicht können, möge man uns entfernen. Es tun alle so, als bestünde Fernsehen aus ein paar Schurken, die sich einen Sender unter den Nagel gerissen haben. Ausgerechnet Fernsehmachern wird immer Nichtprofessionalität unterstellt.

ZEIT: Doch nicht in diesem Gespräch.

Lorenz: Oh ja.

ZEIT: Die Frage lautete lediglich: Wer bestimmt Qualität?

Lorenz: Wir, kraft unserer Professionalität. Auch aufgrund unserer Definition, was einen Erfolg oder Misserfolg ausmacht. Das hat auch mit Quote zu tun, aber nicht immer.

ZEIT: Was wäre ein Misserfolg?

Lorenz: Ganz einfach: schlechte Quoten bei minderer Qualität.

ZEIT: Spielen beim Mix der Beurteilung TV-Kritiken mit?

Lorenz: Das spielt bei mir schon deswegen keine große Rolle, weil ich gar nicht zum Zeitunglesen komme.

ZEIT: Könnte öffentlich-rechtlicher Rundfunk bei sich änderndem Medienverhalten in absehbarer Zukunft zu einem Auslaufmodell werden?